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Aus: Ausgabe vom 13.01.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Währungen

Attraktiv für Spekulanten

Konservative Finanzpolitik Moskaus macht Rubel zu beliebtem Anlageobjekt. Unabhängigkeit vom US-Dollar wird vorangetrieben
Von Reinhard Lauterbach
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Schöner Schein: 2.000-Rubel-Banknote bei deren Präsentation 2017

Entgegen den Erwartungen aus Washington hat sich die russische Landeswährung nach der starken Abwertung von 2014/15 inzwischen gefangen. Der Außenwert des Rubels bewegt sich seit zwei Jahren parallel zu US-Dollar und Euro – mit Wechselkursen von etwa 64 zum Dollar und 70 zum Euro. Finanzanalysten erklärten sogar kurz vor dem Jahreswechsel gegenüber der US-Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg, die russische Währung sei ein »Hoffnungsschimmer« in Eurasien. Das heißt, sie attestierten ihr Aufwertungspotential. Für »Carry-Trades«, das heißt Spekulationen, deren Akteure auf Kredit in einer Währung mit niedrigen Leitzinsen Anleihen in der Währung eines Landes mit höheren Zinsen kaufen, sei der Rubel sogar derzeit eine der attraktivsten Anlagen überhaupt.

Ursache dieser Entwicklung sind drei finanzpolitischen Entscheidungen der russischen Regierung, die zum Teil schon lange vor den aktuellen westlichen Sanktionen getroffen wurden. Die erste ist die vorzeitige Reduzierung der in den achtziger und neunziger Jahren ruinös hohen Auslandsverschuldung. Diese ging bereits im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts über die Bühne, motiviert durch das Auftreten der Vertreter des Internationalen Währungsfonds (IWF) als Finanzdiktatoren im Moskau der Jelzin-Zeit (Boris Jelzin war von 1991 bis 1999 Präsident der Russischen Föderation).

Möglich war das vor allem durch die in jener Zeit hohen und bis 2014 fast kontinuierlich steigenden Ölpreise auf dem Weltmarkt. Dies sorgte für das erforderliche Geld in der Staatskasse. Heute liegt die russische Auslandsverschuldung bei umgerechnet 227 Milliarden Euro, das sind 15 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt; BIP). Und es ist nur die Hälfte von den rund 500 Milliarden Euro, die die Zentralbank selbst und über zwei Reservefonds an Rücklagen hält. Das heißt, Russland könnte alle Gläubiger mit einem Schlag auszahlen und hätte immer noch Geld übrig. Nur zum Vergleich: Die Schulden der USA betragen 256 Prozent ihres BIP, die chinesischen 254 und die japanischen 395 Prozent. Die Politik Moskaus hat vor allem das Ziel, das Land unabhängig von Finanzattacken aus dem Ausland – insbesondere von US-Seite – zu machen. Das scheint für den Moment in bemerkenswerter Weise zu gelingen.

Der zweite Grund für die derzeitige Stabilität der Rubel ist – neben der stabilen positiven Handelsbilanz – eine äußerst konservative Finanzpolitik im Innern. Die Regierung hat die faktische Halbierung des Außenwerts der Landeswährung 2014/15 hingenommen und sogar zur Importsubstitution ausgenutzt. Denn die damalige Abwertung machte heimische Produkte über den Preis auf einen Schlag konkurrenzfähig. Und dies auch im Ausland, was Unternehmen wie der deutsche Landmaschinenhersteller Claas vorführen. Die globale Nummer vier bei der Landtechnik produziert in einem Werk in Südrussland u. a. Mähdrescher zu in Rubeln gerechneten Kosten, während die Erlöse in Valuta anfallen. Der Realzins wurde zudem die ganze Zeit über hoch gehalten – das ist der Punkt, der die Währungsspekulanten aufmerken lässt, zumal wenn sich das Kursrisiko in Grenzen hält –, erst seit 2019 hat es geringfügige Leitzinssenkungen gegeben, um die Kreditnachfrage der heimischen Wirtschaft zu fördern.

Für die konservativen Finanzpolitik steht aber vor allem eine 2015 eingeführte Budgetregel. Alle dem Staat zugute kommenden Exporterlöse, die über den prognostizierten Werten liegen, werden automatisch den Rücklagen zugeführt. Der Ölpreis zum Beispiel ist im Haushalt mit 52 US-Dollar pro Fass (Barrel; 159 Liter) budgetiert. Gezahlt werden derzeit etwa 65 US-Dollar. Der Nachteil ist, dass diese Erlöse damit nicht unmittelbar für die Verteilung, etwa für sozialpolitische Projekte, zur Verfügung stehen. Andererseits sind damit allerdings gelegentlich auftauchende Meldungen, dass die staatlichen Reservefonds für dieses oder jenes »nationale Projekt« angezapft werden, offenbar als nicht so dramatisch zu verstehen, wie sie sich auf den ersten Blick lesen. Denn bei diesen Vorhaben handelt es sich in der Regel um Investitionen in Infrastruktur und Modernisierung, also normale Staatsaufgaben. Wenn sie auf dem Umweg über die Reservefonds finanziert werden, dann ist das Rechentechnik. Wichtiger ist, dass diese Investitionen aus vorhandenem Geld finanziert werden, nicht per Kredit.

All dies zeigt freilich auch, dass Moskau kurzfristig mit dem Wirtschaftskrieg rechnet, den die Sanktionen ja auch darstellen. Langfristig aber geht es der Regierung und der Zentralbank darum, dass der Rubel eine angesehene Währung der kapitalistischen Welt wird. Keine, die nur für Inlandsgeschäfte taugt und bei erster Gelegenheit in Euro oder Dollar umgetauscht wird. Dafür werden auch rechnerische Verluste in Kauf genommen.

Wie Bloomberg vor einigen Monaten errechnete, soll die russische Aktion, die Dollar-Reserven der Zentralbank zum größten Teil in Euro und Yuan umzuschichten, dem Land knapp acht Milliarden US-Dollar an Kursgewinnen vorenthalten haben. Andererseits hat Moskau mit den chinesischen Anleihen hohe Zinsgewinne erzielt: 4,4 Prozent, das Dreifache gegenüber der Rendite US-amerikanischer Bonds. Dabei ging es der Zentralbank ja gar nicht um Währungsspekulation, sondern um das politische Ziel, sich gemeinsam mit China unabhängiger von der Dominanz der Vereinigten Staaten im weltweiten Finanzsystem zu machen. Da lässt man dann auch mal eine Dollar-Rallye unbeachtet, zumal derartige Spekulationsereignisse jederzeit auch wieder in die andere Richtung tendieren können.

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