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Aus: Ausgabe vom 10.01.2020, Seite 6 / Ausland
Sahelregion

Frankreich soll raus

Großangelegte Mobilisierung in Mali gegen die Afrikapolitik der ehemaligen Kolonialmacht
Von Ina Sembdner
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Neokoloniale Interessen: Frankreichs Einsatz in Mali hat die Sicherheitslage verschärft (Ndaki, 27.7.2019)

Am heutigen Freitag sollen eine Million Demonstranten in Malis Hauptstadt Bamako und in den Regionalhauptstädten gegen die französische Militärpräsenz im Land aufbegehren. So lautet zumindest das Ziel, das von verschiedenen zivilgesellschaftlichen Organisationen ausgegeben wurde, die sich zu der Plattform »Yéré wolo ton debout sur les remparts« (Yéré Wolo auf den Stadtmauern) zusammengeschlossen haben. Yéré Wolo bezeichnet in einer der Sprachfamilien Malis eine Art Wiedergeburt, durch die das wahre Innere durch Abstoßen einer oberflächlichen Hülle nach außen dringen kann. Die Hülle ist in diesem Fall das neokoloniale Frankreich, dessen Zugriff sich die malische Bevölkerung entziehen will.

Auch das Datum 10. Januar ist symbolisch. Paris gründete an diesem Tag 1957 die »Gemeinsame Organisation der Sahararegionen«, die sich über Teile Algeriens, Mauretaniens, Malis, Nigers und des Tschad erstreckte, und mit der Frankreich die Kontrolle über die Sahara und deren Ressourcen an sich riss. Am 10. Januar 2012 begann die »Operation Serval«, der französische Auftakt für einen groß angelegten internationalen militärischen Einsatz in Mali, seit 2013 ist die UNO mit »Minusma« vor Ort. Während »Serval« als Ad-hoc-»Antiterrormaßnahme« mit begrenztem Radius in Mali selber fungierte, weitete Frankreich seinen militärischen Einfluss mit dem Nachfolgeeinsatz »Barkhane« immens aus. Dieser als dauerhafte Militärintervention angelegte Einsatz betrifft die G-5-Sahelländer (Mali, Burkina Faso, Tschad, Mauretanien und Niger) in ihrer Gesamtheit. Fortwährende Resolutionen des UN-Sicherheitsrats autorisieren französische Truppen, »alle notwendigen Maßnahmen« zu ergreifen, um Minusma zu unterstützen, wie der Sahelexperte Bruno Charbonneau am 28. März 2019 gegenüber der »Oxford Research Group« erklärte. Er fügte hinzu, dass er von keinem offiziellen Arrangement seit 1945 wisse, das ausländischen Truppen bei einer Militärintervention eine solche Bewegungsfreiheit über mehrere Grenzen hinweg eingeräumt hätte.

Wie die Initiatoren der Bewegung laut dem Nachrichtenportal Maliactu vom 2. Januar angeben, soll das malische Volk den »Morden und Massakern« mit dem heutigen Tag ein Ende setzen. Frankreich solle lediglich als schlechte Erinnerung zurückbleiben, wobei man sich nicht gegen die Franzosen stelle, sondern einzig die Pariser Afrikapolitik angreife. Wie ernst es den Organisatoren ist, zeigt die Aufforderung an die Demonstranten, »ihr Leichentuch« mitzubringen. Eine Genehmigung für die Proteste wurde nicht eingeholt, die Situation habe »die Grenzen überschritten«.

Das wurde erst am 12. November 2019 von UN-Generalsekretär António Guterres unterstrichen, der anlässlich eines neuen Berichts erklärte, terroristische Gruppen hätten ihre Basis in der Sahelzone gefestigt und große Teile des Territoriums in die Instabilität gedrängt. Allein in Mali und Burkina Faso waren seit Januar 2019 mehr als 1.500 Zivilisten getötet worden, zusätzlich zu den mehr als eine Million Menschen, die innerhalb der Grenzen der fünf Sahelländer vertrieben wurden – doppelt so viele wie 2018.

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