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Aus: Ausgabe vom 09.01.2020, Seite 15 / Medien
Königliche Barbarei

Die Kleinen hängt man

Nach Auftragsmord an Journalisten in Istanbul: Saudisches Gericht verurteilt fünf Tatbeteiligte zum Tode. Drahtzieher unbehelligt
Von Gerrit Hoekman
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Tatort einer barbarischen Tat: Eingang zum Konsulat Saudi-Arabiens in Istanbul

Wegen des Mordes an dem saudischen Journalisten Dschamal Chaschukdschi (engl. Jamal Khashoggi) hat ein Gericht in Riad am 23. Dezember fünf Männer zum Tode verurteilt. Drei andere erhielten Haftstrafen von insgesamt 24 Jahren. Der Regimekritiker war am 2. Oktober 2018 bei einem Besuch im saudiarabischen Konsulat in Istanbul ermordet worden, als er Dokumente abholen wollte, die er für seine Hochzeit benötigte. Seine Leiche ist bis heute verschwunden.

Die Namen der Verurteilten sind unbekannt. Sicher ist allerdings: Die mutmaßlichen Drahtzieher des staatlichen Auftragsmordes sind ihrer Strafe entgangen. So wurde der frühere stellvertretende Geheimdienstchef Ahmed Al-Asiri ebenso freigesprochen wie der damalige Konsul in Istanbul, Mohammed Al-Otaibi. Beide waren nach dem Mord ihrer Ämter enthoben worden.

Auch gegen Saud Al-Kahtani, bis 2018 der vielleicht einflussreichste Berater des Kronprinzen und faktischen Machthabers Mohammed bin Salman, hätten keine Beweise vorgelegen, teilte die Staatsanwaltschaft laut CNN online am Montag vor Weihnachten auf einer im saudischen Fernsehen übertragenen Pressekonferenz mit. Das US-Finanzministerium hatte im November 2018 alle Konten und Besitztümer Al-Kahtanis blockiert. »Saud Al-Kahtani ist ein hoher Offizieller der Regierung von Saudi-Arabien, der Teil der Planung und Ausführung der Operation war, die zur Tötung von Herrn Chaschukdschi im saudischen Konsulat in Istanbul führte«, hatte das Ministerium auf seiner Homepage am 15. November 2018 mitgeteilt.

Während Al-Asiri und Al-Kahtani immerhin noch vor Gericht erscheinen mussten, wurde Kronprinz Mohammed erst gar nicht behelligt. Dabei ist es im autoritär regierten Königreich Saudi-Arabien kaum vorstellbar, dass die Verurteilten auf eigene Faust agiert haben. Die Indizien weisen eindeutig in andere Richtung – nämlich auf Geheimdienst und Königshof. Eine Gruppe von 15 Männern war kurz vor dem Mord extra aus Riad nach Istanbul gereist, um den unliebsamen Journalisten in Empfang zu nehmen. In der internationalen Öffentlichkeit scheint indes klar, dass Mohammed bin Salman als Mastermind hinter dem abscheulichen Verbrechen steckt.

Die türkisch-arabische Medienvereinigung Türk Arap Medya Dernegi, in der Chaschukdschi Mitglied war, erklärte am 23. Dezember auf Twitter: »Wie wir von den UN und aus Medienberichten wissen, wurde der Mord an Chaschukdschi von einem Team von hohen saudiarabischen Offiziellen organisiert und ausgeführt.« Die gefällten Urteile reichten bei weitem nicht aus. Eine entscheidende Frage sei außerdem immer noch unbeantwortet: »Wo ist Chaschukdschis Leichnam?«

Das türkische Außenministerium wüsste ebenfalls gerne, wo die sterblichen Überreste des Journalisten geblieben sind und wer den Saudis bei ihrer Entsorgung geholfen hat. »Es ist nicht nur eine juristische Notwendigkeit, sondern auch eine moralische Verantwortung und Pflicht, diesen Mord auf unserem Boden aufzuklären und alle Verantwortlichen zu bestrafen«, teilte das Außenministerium in Ankara in einer Erklärung mit. Es forderte die saudischen Behörden erneut zur Zusammenarbeit in dieser Angelegenheit auf.

Fred Ryan, Herausgeber der ­Washington Post, für die Chaschukdschi geschrieben hatte, kritisierte am selben Tag auf Twitter: »Das komplette Fehlen an Transparenz und die Weigerung der saudischen Regierung, mit unabhängigen Ermittlern zu kooperieren, legen nahe, dass es sich lediglich um einen Scheinprozess handelte. Jene, die letztlich auf höchster Ebene der saudischen Regierung verantwortlich sind, entziehen sich weiterhin der Verantwortung für den brutalen Mord an Dschamal Chaschukdschi.«

Die Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen, Agnès Callamard, bezeichnete den Prozess am 23. Dezember auf Twitter als »alles außer gerecht«. Dass die Gerichtsverhandlung hinter verschlossenen Türen stattgefunden habe, sei nur ein Beleg dafür. »Die Killer sind schuldig und zum Tode verurteilt. Die Masterminds sind nicht nur auf freiem Fuß, sie sind auch kaum von den Ermittlungen und dem Prozess betroffen gewesen. Das ist die Antithese von Justiz. Das ist eine Farce.«

Chaschukdschis ältester Sohn Salah zeigt sich hingegen auf Twitter zufrieden mit dem Prozess und den Urteilen. »Eine faire Justiz basiert auf zwei Prinzipien: Gerechtigkeit und ein schnelles Verfahren. Für uns, die Söhne von Dschamal Chaschukdschi, war die Judikative heute fair.« Sie hätten vollstes Vertrauen in das saudische Gerichtswesen. Salah hatte nach dem Mord das Kriegsbeil mit der Regierung in Riad begraben. Nicht näher benannte Quellen berichteten CNN, die Familie habe umgerechnet mehrere Millionen Dollar Sühnegeld erhalten und sich im Gegenzug verpflichtet, keine unangenehmen Fragen mehr zu stellen.

Der älteste Sohn bestreitet dies. Im April vergangenen Jahres lobte er die saudische Königsfamilie auf Twitter in den höchsten Tönen. »Der Wächter der zwei heiligen Moscheen, König Salman bin Abdulasis, und der Kronprinz Mohammed bin Salman werden als Beschützer aller Saudis geachtet und geschätzt.« Alle, die in das Verbrechen verwickelt seien, würden vor Gericht gestellt und bestraft werden.

Chaschukdschis Verlobte Hatice Cengiz will indes weiter für Gerechtigkeit kämpfen. »Wir werden dich niemals vergessen, wir werden deine Mörder niemals vergessen und ebenfalls nicht jene, die deinen Mord vertuschen wollen«, versprach sie am 23. Dezember auf ihrem Twitter-Account.

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