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Aus: Ausgabe vom 06.01.2020, Seite 12 / Thema
Postmodernes Denken und Faschismus

Der große Verrat

Desorientierung und Erkenntnisnihilismus. Die »Neue Rechte« und die Sprachlosigkeit der postmodernen Intelligenz. (Teil II und Schluss)
Von Werner Seppmann
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Fatale Superkräfte. Wer Nietzsches These vom Fiktionscharakter alles Wirklichen für plausibel hält, der wird die gezielten Fake-News-Aktivitäten der »Neuen Rechten« nicht kritisch-aufklärend in Frage stellen können. Dagegen hilft das Kryptonit des historischen Materialismus

Postmodernes Denken stilisiert sich als kritische Gegenwartsbeschreibung. Aber in der Regel verliert es sich in der Reproduktion irrationalistischer Weltbildelemente und verzerrter Realitätsauffassungen. Mehr als nur zufällig existieren deshalb signifikante Überschneidungen mit rechten Theoremen. Am deutlichsten ist das bei einer sogenannten Rationalitätskritik der Fall, die in der Auffassung kulminiert, dass eine überspannte Rationalität und ein universeller Vernunftanspruch Gegensatzprinzipien zu den vitalen Bedürfnissen der Menschen seien: »Leben« wird gegen methodisches Denken ausgespielt.

Ein besonders skandalöser Aspekt dieser Geistesverwandtschaft besteht darin, dass postmoderne Denker und »neurechte« Ideologen sich des gleichen Ensembles philosophischer Gestalten verbunden fühlen, die auch unmittelbare Stichwortgeber für die Naziideologen waren. Das verwundert nicht, denn wir haben es bei den postmodernen Theorien »mit einer ›Gestalt des Geistes‹ zu tun, in der wir die vielfach aktualisierte und auf Vordermann gebrachte, aber immer noch erkennbare Reminiszenz an die deutsche Rationalitätskritik zwischen den beiden Weltkriegen greifen können«.¹ Das heißt im Klartext: Es werden präfaschistische Gedankenelemente der Baeumler und Klages, der Spengler und Heidegger wiederbelebt, die über den Umweg eines, wie Manfred Frank es nennt, »neufranzösischen« Denkens, also in Gestalt des aus Paris stammenden postmodernistischen und poststrukturalistischen Irrationalismus, wieder in ihr deutsches Ursprungsland zurückgeführt wurden und einen dezidierten Antimodernismus begründen.

Diese »Rationalitätskritik« besitzt tatsächlich eine gewisse Überzeugungskraft, weil sie auch im Sinne einer kritischen Denktradition durchaus Kritikwürdiges aufgreift, etwa die Dominanz einer lebensfeindlichen technologischen Rationalität, und auch an die zweckrationale Verengung des Denkens in vielen Lebensverhältnissen erinnert. Aber eine Verabsolutierung dieser Aspekte (durch Verschweigen der kapitalistischen Prägung der herrschenden Rationalitätsformen) erweckt den sachwidrigen Eindruck, die deformierte Rationalität sei die alleinige Existenzform des Rationalen: Die instrumentalisierte »Vernunft« wird mit jeglicher Gestaltform der Vernunft gleichgesetzt und so »das Scheitern des bürgerlichen philosophischen Denkens auf die Erkenntnis überhaupt übertragen«.²

Auf Grundlage der Weigerung, zwischen selbstreflexibler und instrumenteller Vernunft zu unterscheiden, wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und der Verzicht auf Vernunft und Rationalität überhaupt gefordert – und auch vollzogen. Dabei wird »nicht der ›realgesellschaftliche‹ Verrat [an] der Emanzipationsintention, sondern die Emanzipationsabsicht selbst (…) als ›Verderbnis‹ denunziert« und dadurch unter anderem »die funktionale Einverleibung irrationalistischer Konzepte (Nationalismus, Rassismus, Faschismus, ›prämoderne‹ Glaubens- und Wertorientierungen) in die bürgerlich-kapitalistische Herrschaftsreproduktion ausgeklammert«.³

Intellektuelle Hilflosigkeit

Vom Prozess solcher Domestizierung des Denkens, das mit einer »prononcierten Selbsterniedrigung« (Robert Pfaller) einhergeht, vermögen sich die nun schon seit mehreren Generationen postmodern sozialisierten Intellektuellen keinen Begriff zu machen, zumal einer kritischen Selbstreflexion im Wege steht, dass ihnen die Atmosphäre der Beliebigkeit schmeichelt, weil sie ihnen vorgaukelt, ohne Reflexions- und Begriffsarbeit vieles »verstanden« zu haben und voraussetzungslos anerkannte Diskursteilnehmer zu sein.

Diese Hilflosigkeit ist konstitutiv, weil mit der sogenannten Rationalitätskritik im gleichen Atemzug kritisches Denken und jeglicher Versuch empirischer Gegenwartsvergewisserung diskriminiert werden: Ihnen wird eine grundsätzliche Komplizenschaft mit den praktizistischen Denkformen unterstellt und gleichzeitig das aufklärungsphilosophische Vernunftpostulat zur Ursache aller sozialen Verirrungen und Deformationen erklärt.

Es kann nicht unterstellt werden, Postmodernismus und faschistoides Denken seien identisch. Jedoch weisen sie viele Berührungspunkte, Überschneidungen und Kompatibilitäten auf, die vor allem geeignet sind, die verbreitete intellektuelle Hilflosigkeit gegenüber neofaschistischen Orientierungen und irrationalistischen Paradoxien zu zementieren. Eine Theorie, die von einer isolierten Existenz der Subjekte ausgeht, von einem Zustand spricht, in dem existentiell (also »grundsätzlich«) und nicht durch die gesellschaftlichen Verhältnisse bedingt, »jeder auf sich selbst zurückgeworfen«⁴ und an seine eigene, subjektivistische Welt gekettet sei, bietet keine Möglichkeit, eine realistische Vorstellung von den Klassenverhältnissen zu entwickeln oder sich von der neofaschistischen »Transformation« der Rassismusproblematik distanzieren zu können, die in der schon diskutierten Weise mit der Vorstellung einer prinzipiellen Gleichheit aller Kulturen auftritt – jedoch nur, damit ein um so strikteres Ausgrenzungsbegehren vertreten werden kann.

Eine Verwandtschaft des postmodernen Denkens mit rechten Einstellungsmustern existiert also nicht auf der Ebene eines vordergründigen politischen Einvernehmens, sondern in gemeinsamen »methodologischen« Überzeugungen. Nicht zuletzt die postmodernistischen »Identitäts«-Vorstellungen, soweit sie eine sozial entstrukturierte Existenz als erstrebenswerten Zustand implizieren, sind an rechte Vorstellungswelten rassistischer »Absonderung« anschlussfähig.

Geradezu handgreiflich zeigt sich die intellektuelle Hilflosigkeit postmodernistischer Orientierungen gegenüber rechten Auffassungen in der Frage sogenannter Fake-News-Aktivitäten, die ja einen Kernbereich neofaschistischer Propaganda­arbeit bilden, weil diese sich mit den medienphilosophischen Grundannahmen des Postmodernismus nicht mehr kritisch-aufklärend thematisieren oder gar in Frage stellen lassen. Denn im Sinne der postmodernistischen Auffassung, dass alle Aussagen »gleichwertig« sind und es keine »Werthierarchie«⁵ gibt, die eine Maßstabsfunktion haben könnte, soll auch für den Mediendiskurs das Prinzip der »Ununterscheidbarkeit« gelten, weil in der Postmoderne Realität zu Fiktion und die Fiktion zur Realität geworden sind.

Auf den ersten Blick entsteht der Eindruck, solche Auffassung stehe in der Tradition einer kritischen Medientheorie und thematisiere die problematische Entwicklung einer medial-manipulativen Überlagerung aller Lebensverhältnisse in einem aufklärenden Sinne. Aber gerade das ist nicht der Fall, denn explizit redet Jean Baudrillard, der dieser intellektuellen Desorientierung ein pseudotheoretisches Fundament verschafft hat, der vermeintlichen Alternativlosigkeit dieser Entwicklung das Wort und stilisiert sie sogar zu einem Positivum, zur Signatur einer erstrebenswerten Postmodernität: »Das Zeitalter der Simulation wird überall eröffnet durch die Austauschbarkeit von ehemals sich widersprechenden oder dialektisch einander entgegengesetzten Begriffen. Überall die gleiche Genesis der Simulakren: die Austauschbarkeit des Schönen und Hässlichen in der Mode, der Linken und der Rechten in der Politik, des Wahren und Falschen in allen Botschaften der Medien«.⁶

Soziale Realität wird in Konsequenz dieser Postulate auf einen »Rausch an der bloßen Oberfläche«⁷ reduziert und systematisch von der Frage nach dem Charakter und den Strukturprinzipien medialer Manipulation und den ihr inhärenten klassenspezifischen Funktionsweisen abgelenkt. Mit einem Wort: Mediale Manipulation wird als »alternativlos« dargestellt, Fiktion als Wirklichkeit aufgewertet und Realität der Fiktion gleichgesetzt.

Aber eine Begründung nach den Regeln wissenschaftlicher Argumentation wird auch bei dieser Konstruktion wieder einmal nicht gegeben: Meist wird auf die Assoziationskraft der Sprachinszenierungen und auf Nietzsche als unhintergehbare und fraglose Legitimationsinstanz gesetzt: »Wir scheinen in einer Zeit zu leben, in der Nietzsches These vom Fiktionscharakter alles Wirklichen zunehmend plausibel wird. Das liegt daran, dass die Wirklichkeit immer fiktionaler geworden ist«.⁸

System der Wissenschaftszerstörung

Wer in den Sog des postmodernen Denkens gerät, kann subjektiv durchaus antifaschistisch »gestimmt« sein, aber er ist dann nicht mehr in der Lage, antifaschistische Strategien zu entwickeln, denn dazu bedarf es eines gesellschaftstheoretischen Fundaments und gegenwartsanalytischer Kompetenz. Die geht aber immer öfter im Malstrom eines postmodernistisch-esoterischen Gemurmels unter, das in seiner Konsequenz auf Realitätsverzicht und die Verstärkung intellektueller Desorientierung hinausläuft.

Deshalb erweist sich der theoretische Postmodernismus in allen seinen Varianten als ein System der Wissenschaftszerstörung, dem es im Modus der Antiaufklärung darum geht, »die zwingende Kraft des schlüssigen Arguments als vordergründig abzuwerten und sich auf höhere Einsichten zu berufen, die vor der prüfenden Vernunft zu bestehen nicht nötig haben«.⁹

Beim Gebrauch des »eigenen Verstandes« (Kant) wird schnell deutlich, dass die postmoderne Form des Erkenntnisnihilismus eine letzte pseudointellektuelle Positionierung einer zu Wahrheit und Wahrhaftigkeit unfähigen Gesellschaft ist. Das Nicht- und Pseudowissen ist für die kapitalistische Gesellschaftsformation zum (Über-)Lebenselexier geworden. Die Verbreitung dieses Erkenntnisnihilismus hat hierin seinen schlechten Grund: Er dient dazu, Einsichten zu verhindern, die für die gegenwärtige Gesellschaft delegitimierende Effekte haben, denn jedes intensivere Hinterfragen entlarvt Zustände und Entwicklungstendenzen, über die gemäß herrschendem Interesse besser nicht geredet werden sollte. Es hat sich deshalb ein umfassendes System ideologischer Abwehr (das von der Wissenschaftsbürokratie gefördert wird) gebildet.

Die systematische Realitätsignoranz ist jedoch mehr als nur eine »Freistil«-Übung innerhalb des philosophischen Seminars. Die Unverzichtbarkeit des Erkenntnisnihilismus wird nicht nur für jede Form theoretischer Reflexion reklamiert, sondern sie ist die Basis für Weltfluchtbewegungen einer verunsicherten Intelligenz: Denn will der strebsame Privatdozent nicht alle Chancen auf eine Karriere verspielen, ist es für ihn ratsam, in der Defensive zu bleiben. »Man lässt die Dinge lieber kommen, als sich zu schnell auf etwas festzulegen, was sich im nachhinein als Sperre oder Bremse entpuppt.«¹⁰ Mit der Flucht in die Unverbindlichkeit, lassen sich karriereschädliche Fehler vermeiden.

Die Verfestigung der Haltung, sich nach Möglichkeit auf nichts »einzulassen«, ist, wenn es nicht die gewöhnliche Manifestation eines »autoritären Charakters« ist, unmittelbarer Ausdruck einer veränderten Soziallage der Intellektuellen, einer wachsenden Unkalkulierbarkeit ihrer beruflichen Laufbahn, besonders an den Universitäten. Zwar ist es für Mittelschichtkinder leichter geworden, akademische Abschlüsse zu erlangen, aber einen sicheren Arbeitsplatz zu finden, erweist sich durch verschärfte Konkurrenz als immer schwieriger. Dass 90 Prozent aller akademischen Stellen befristet sind, fördert nicht das Selbstdenken und noch weniger intellektuelle Widerständigkeit.

Überraschend ist es deshalb nicht, dass jene »Wendigkeit« und Anpassungsfähigkeit weit verbreitet ist, die dem Postmodernismus als Aktivposten einer zeitgenössischen Geisteshaltung gilt: Mit der Vermeidung von Festlegungen und Parteinahmen reagiert der Intellektuelle auf die vielschichtigen Unübersichtlichkeiten und Ungewissheiten, mit denen das Berufsleben durchsetzt ist; zu oft dreht sich der Wind, und zu kurzlebig sind die Konjunkturen modischer Kulturtrends und Theoriepräferenzen. Da kann es nur von Vorteil sein, wenn eine ambivalente Grundhaltung eingenommen wird.

Ohne Frage gibt es neben diesen wirkungsmächtigen Tendenzen intellektueller Selbstnegation innerhalb des Wissenschaftsbetriebs viele seriöse Anstrengungen zur Erfassung der Entwicklungen in Kultur und Gesellschaft; es gibt Forschungen, die rationalen Prinzipien verpflichtet sind und ihre theoretischen Verallgemeinerungen unter Berücksichtigung empirischer Vermittlungsaspekte formulieren. Oft bieten sie überzeugende Beiträge zur gesellschaftlichen Selbstvergewisserung (was ja den eigentlichen Kern der Kultur- und Sozialwissenschaften ausmacht). Gerade kritische Wissenschaft könnte ohne solche produktiven Beiträge zur Realitätserkundung und -beschreibung gar nicht existieren. Aber solide Forschungsarbeit und postmodernistischer Obskurantismus existieren weitgehend nebeneinander, so dass sich der postmoderne Eindruck von Beliebigkeit und Austauschbarkeit der Wissensformen letztlich noch verstärkt.

Subjektivistische Selbstbezüglichkeit

Schon in ihrer Grundtendenz irrationalistisch und herrschaftskonform ist das sogenannte neo- bzw. poststrukturalistische Denken und in besonderen Maße der Dekonstruktivismus. Dessen Chefideologe war der französische Philosoph Jacques Derrida, der ja auch in linken Diskussionen keinen schlechten Ruf besitzt, obwohl von ihm ein weltloser Subjektivismus vertreten wird, der in der Parole kulminiert, dass jegliches Denken rein selbstbezüglich sei und in keinem Beziehungsverhältnis zu irgendeiner Realität stünde. »Jenseits des Textes« gebe es keinen Bezugspunkt, denn alle möglichen Artikulationsformen, die sich auf ihn bezögen, stellten nur einen inneren Verweisungszusammenhang dar, der nicht »durchbrochen« werden könne. Deshalb gäbe es keine Möglichkeit, aus dem Käfig des Denkens herauszukommen, keine objektivierbare Wahrheitserfahrung und auch keine intersubjektive Vermittelbarkeit des Wissens. Jeder könne nach einer Formulierung von Deleuze nur noch seine »eigene Wahrheit« in »der Dichte eines anonymen Gemurmels«¹¹ artikulieren.

Was auf den ersten Blick wie ein möglicherweise vernachlässigbares, weil aus der Zeit gefallenes subjektivistisches Denken aussieht, ist jedoch von Tagesaktualität, weil es eine irrationalistisch-reaktionäre Verfügungsmasse darstellt, wie bei einem schulinternen Skandal um Paul de Man deutlich wurde, als diesem »Meisterschüler« Derridas frühe Veröffentlichungen mit antisemitischem Inhalt vorgehalten wurden.

Jacques Derrida, auf die Vergangenheit seines langjährigen Mitstreiters angesprochen, hat dadurch Position bezogen, dass er sich einem klaren Votum verweigert und im Sinne dekonstruktivistischer »Logik« die Achtung vor dem anderen reklamiert, worin die »Achtung des Rechts auf Irrtum, ja auf Verwirrung«¹² eingeschlossen sei. Auch dann, wenn es sich, wie bei De Man, um faschismuskompatibles Denken handelt.

Derrida empfiehlt zwar eine vorsichtige Distanz zum nazistisch-totalitären und antisemitischen Denken, also, wie es in seiner Sprache heißt, »zur Logik des derart inkriminierten Diskurses«¹³ – nicht ohne jedoch gleichzeitig mit ergaunerter »erkenntniskritischer« Geste (im Sinne der »Rationalitätskritik«) dem faschistischen und rassistischen Denken ein philosophisches »Asylrecht« zu gewähren. Denn sei, wird verschleiernd gefragt, »eine vollständige Formalisierung dieser Logik und eine absolute Exteriorität im Hinblick auf seine Gesamtheit überhaupt erreichbar? Gibt es eine systematische Gesamtheit von Themen, Begriffen, Philosophemen, Aussageformen, Axiomen, Bewertungen, Hierarchien, die die geschlossene und identifizierbare Kohärenz dessen ausmachen, was wir Totalitarismus, Faschismus, Nazismus, Rassismus, Antisemitismus nennen, und die niemals außerhalb ihrer selbst erschienen, vor allem niemals auf dem gegenüberliegenden Ufer? Und gibt es eine systematische Kohärenz, die jedem von ihnen eigen ist?« Nein, man dürfe sie nicht vorschnell »miteinander vermengen«¹⁴ und sich in irgendeiner Weise festlegen – meint unser »Meisterphilosoph« und begründet durch den Hinweis auf die konstitutive Widersprüchlichkeit und Heterogenität des faschistischen Denkens seine »Dienstanweisung« an die Anhängerschar, die Sache doch auf sich beruhen zu lassen.

Intellektuelle Komplizenschaft

Zwar postuliert Derrida die Aufgabe einer »dekonstruktiven« Bearbeitung der faschistischen und rassistischen Logik – aber damit schließt sich nur der Kreis. Denn diese Aufgabe präsentiere sich »ebenso dringend wie endlos«¹⁵, was nach Derridas Verständnis wohl undurchführbar heißt, weil hinter der Interpretation immer nur eine andere Interpretation, jedoch nie eine objektive Realität zu finden sei.

Da für den Dekonstruktivisten alle Erkenntnisse in diesem Sinne nur eine subjektivistische Dimension haben, sei kein negatives Urteil über faschistisches Denken möglich; jeglicher Versuch sei schlichtweg anmaßend. Zwar gelte es nach Derrida, »die totalitäre Gefahr in all den bereits erwähnten Formen zu identifizieren und zu bekämpfen«¹⁶, aber damit ist nicht der Faschismus gemeint: Diese »totalitäre Gefahr« resultiere vorrangig aus den Grundorientierungen der Aufklärungsphilosophie, ihrer historisch-materialistischen Weiterentwicklung sowie einem intersubjektiv vermittelbaren Erkenntnisstreben, also aus Orientierungssystemen, die allesamt die unverzichtbare Grundlage einer subtilen Kritik von Rassismus und Faschismus sind.

Bei der Verharmlosung der rassistischen Entgleisungen seines Schülers De Man reagierte der »Meister« nicht nur mit diesen abwiegelnden Argumenten, sondern ging noch einen Schritt weiter und erklärte auch die ideologische Rechtfertigung von Auschwitz und die programmatischen Formeln zur Legitimation der Barbarei als das kleinere Übel gegenüber den Ansprüchen der historischen Vernunftperspektive und den sozialwissenschaftlichen Erklärungen solcher gesellschaftlichen Selbstzerstörungsvorgänge. Denn, so Derrida: »Das Vorhaben einer solchen formalisierenden und sättigenden Totalisierung [also die gesellschaftsanalytische Beschäftigung mit den Ursachen von Auschwitz] scheint mir gerade der wesentliche Charakter jener Logik [also des gesellschaftstheoretischen Erklärungsanspruchs] zu sein, deren (…) ethisch-politische Folgen entsetzlich sein können und die ich, das ist eine meiner Regeln, niemals anerkennen werde, koste es, was es wolle.«¹⁷

Dies ist keine »Entgleisung«, sondern die Konsequenz der philosophischen Grundentscheidungen der Derridaschen Philosophie. Nicht zufällig reißt Derrida in komplizenhafter Weise auch in einer Celan-Interpretation die intellektuellen Schutzmauern gegen die Barbarei ein: »Man wird mir nachsehen, dass ich den Holocaust (…) hier nur erwähne, um folgendes darüber zu sagen: Es gibt heute sicherlich das Datum jenes Holocaust [verräterisch ist schon diese sprachliche Verquastheit: Die abgrundtiefe Barbarei wird zum Datum verkleinert!], das wir kennen, die Hölle unseres Gedächtnisses; doch gibt es für jedes Datum einen Holocaust, er findet stündlich irgendwo auf der Welt statt. Jede Stunde zählt ihren Holocaust.«¹⁸

Hier wird, ganz im Sinne einer »modernisierten« neofaschistischen Argumentationsstrategie aufgerechnet: Auschwitz gegen den Völkermord in Ruanda, die faschistischen Gaskammern gegen den Napalmeinsatz im Vietnamkrieg. Die Allgegenwärtigkeit des Grauens wird dazu benutzt, seine konkreten Erscheinungsformen zu relativieren. Mit nachvollziehbaren sozioökonomischen Ursachen werden sie »selbstverständlich« nicht in Verbindung gesetzt. Ernsthaft kann also der Auffassung nicht widersprochen werden, dass die Postmoderne »in ihrem weiten Gewand (…) einen problematischen ›Pluralismus‹ [versteckt], der nationalistischen, antisemitischen und rassistischen Tendenzen Unterschlupf bietet«.¹⁹

Die Frage erübrigt sich, ob ein solches Denksystem im Sinne einer naiven Rezeptionspraxis »als kritische und rebellische Denkrichtung«²⁰ angesehen oder als repräsentatives Beispiel einer »zeitgemäßen linken politischen Philosophie« betrachtet wird, wie eine junge Garde »marxistisch« inspirierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verkündet, die im Denken »Jacques Derridas und anderer [gemeint sind Foucault, Agamben etc.] (…) eine Kritische Theorie der Gesellschaft auf der Höhe der Zeit« zu erkennen glaubt.²¹ Aber nur zu offensichtlich sind diese intellektuell hilflosen Charakterisierungen Derridas und »seines« Dekonstruktivismus peinliche Beispiele für die »immer ärger werdenden Begriffsverwirrungen im eigenen Lager«.²² Für den Kampf gegen die rechten Formierungen und die mit ihnen verbundenen Legitimationsreden, sind das schlechte Ausgangsbedingungen.

Anmerkungen

1 M. Frank: Conditio moderna, Leipzig 1993, S. 119

2 A. Gedö: Philosophie der Krise, Berlin/DDR 1978, S. 11

3 H. Krauss: Das umstrittene Subjekt der »Post-Moderne«, in: A. Gedö/E. Hahn/H. H. Holz u. a.: Gescheiterte Moderne? Zur Ideologiekritik des Postmodernismus, Essen 2002, S. 97

4 J.-F. Lyotard: Das postmoderne Wissen, Wien 94, S. 54

5 G. Deleuze: Foucault, Frankfurt am Main 1992, S. 13

6 J. Baudrillard: Der symbolische Tausch und der Tod, München 1982, S. 21 f.

7 Ebd., S. 135

8 W. Welsch: Ästhetisches Denken, Stuttgart 1993, S. 57

9 H. H. Holz: Irrationalismus – Moderne – Postmoderne, in: A. Gedö/E. Hahn/H. H. Holz u. a.: Gescheiterte Moderne? Zur Ideologiekritik des Postmodernismus, Essen 2002, S. 73

10 H. Bude: Das Gefühl der Welt. Die Macht von Stimmungen, München 2016, S. 86

11 G. Deleuze: a. a. O., S. 17

12 J. Derrida: Wie Meeresrauschen auf dem Grund einer Muschel … Paul de Mans Krieg. Mémoires II, Wien 1988, S. 103

13 J. Derrida, a. a. O., S. 104

14 Ebd.

15 Ebd., S. 105

16 Ebd., S. 108

17 Ebd.

18 J. Derrida: Von der Gastfreundschaft, Wien 2007, S. 93

19 S. Lang: Ist die Postmoderne tot?, in: Leviathan. Zeitschrift für Sozialwissenschaft, Nr. 19/1991, S. 64

20 P. V. Zima: Die Dekonstruktion, Tübingen und Basel 1994, S. 34

21 jour-fixe-inniative Berlin: Kritische Theorie und Poststrukturalismus, Hamburg 1999, S. 5

22 K. Mann: Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht, München 1981, S. 284

Teil I erschien in der Ausgabe vom vergangenen Wochenende.

Soeben ist im Pad-Verlag, Bergkamen von Werner Seppmann die Broschüre »Gefährliche Nähe. Der Rechtsextremismus und die Verantwortung der Intelligenz« erschienen. Die 70seitige Broschüre ist unter pad-verlag@gmx.net zum Preis von 6 Euro erhältlich.

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