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Aus: Ausgabe vom 06.01.2020, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Kosten von Modernisierungen

»Das ganze System ist für die Mieter völlig intransparent«

Berater bekommt Hausverbot bei Vonovia, nachdem er Konzern und seine Strategie öffentlich kritisierte. Ein Gespräch mit Knut Unger
Interview: Gitta Düperthal
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Firmenzentrale der Vonovia in Bochum (2.9.2015)

Wegen eines Interviews mit dem Freiburger Sender Radio ­Dreyeckland haben Sie Ärger mit dem Wohnungskonzern Vonovia, der ein Hausverbot gegen Sie verhängt hat. Wie kam es dazu?

In dem Interview vom November ging es um meine Kritik an undurchsichtigen Nebenkostenabrechnungen, Modernisierungen, steigenden Mieten und anderen Geschäftspraktiken von Vonovia. Das nahmen Vertreter des Immobilienkonzerns zum Anlass, dem Vorstand des »MieterInnenvereins Witten und Umgebung« mit Schreiben vom 6. Dezember mitzuteilen, dass man mit mir zukünftig keine Korrespondenz mehr führen wolle. Demnach habe ich auch keinen Zutritt mehr zu den Geschäftsräumen der Vonovia. Dabei muss ich dort für Mieter die Belege einer Mieterhöhung nach Modernisierung prüfen.

Welche Konsequenzen hat das für die Mieter, die Sie vertreten?

Zunächst ist die Vermieterin rechtlich verpflichtet, unserem Verein als der Vertretung der Mieter die Einsichtnahme in die Belege zu gewähren. Verweigert sie das, können die Mieter die Zahlung der Mieterhöhungen zurückbehalten. Daran ändert sich durch dieses Schreiben gar nichts. Unser Dachverband, der Deutsche Mieterbund, hat scharf reagiert: Wer die Interessen der Mitglieder vertritt, bestimme ausschließlich der Mieterverein – und nicht Vonovia.

Was haben Sie in dem Interview gesagt, das den Immobilienkonzern so empörte?

Zum Beispiel habe ich von falschen Nebenkostenabrechnungen in Witten berichtet. Ein aufmerksamer Mieter beobachtete über Jahre, dass der Konzern viele Winterdiensteinsätze berechnet, die nach seinen Protokollen aber nicht stattgefunden haben. Zudem verglich er die Angaben der Tätigkeitsnachweise der Vonovia mit Wetterdaten und stellte fest, dass die meisten Einsätze nicht erforderlich gewesen wären.

Mir fiel bei der Prüfung der Kosten für 2017 auf, dass die Vonovia in verschiedenen Wittener Stadtteilen immer genau die gleiche Stunde und Minute für die Einsätze anführte. Da denkt man sich natürlich: Nicht mal beim Fälschen geben die sich Mühe. Und diesen Gedanken brachte ich im Interview zum Ausdruck.

Muss man bei Konzernen wie Vonovia nicht das gesamte Geschäftsmodell kritisieren, anstatt nur einzelne Ungereimtheiten?

In der Tat. Vonovia hat verschiedene konzerninterne Servicegesellschaften, die sich untereinander Rechnungen schreiben. Letztere bekommen wir dann zu Gesicht. Sie enthalten Gewinnaufschläge in unbekannter Höhe. Das ganze System ist für die Mieter völlig intransparent. Nach unserer Rechtsauffassung wird durch Vorlage solcher konzerninterner Unterlagen der Anspruch der Mieter auf Belegprüfung umgangen. Das werden wir nicht akzeptieren. In Geschäftsberichten der Vonovia kann man über wachsende Umsätze und Gewinne dieser Unternehmenssparte lesen. Das Management will dieses Segment ausbauen – sicherlich auch, um gesetzlichen Maßnahmen wie dem sogenannten Mietendeckel etwas entgegenzusetzen. Da wir nun öffentlich die grundsätzliche Problematik dieses Vorgehens aufdecken, ist die Nervosität der Unternehmensführung nicht verwunderlich.

Wie verbreitet ist der Protest in der BRD?

In vielen Städten, darunter Stuttgart, Frankfurt am Main, Hamburg, München, Bremen, Dresden und Freiburg, wehren sich Initiativen und Mietervereine. Das bleibt nicht ohne Wirkung. Wegen der Proteste gegen die Modernisierungen mit ihren unglaublich hohen Mietsteigerungen musste Vonovia Ende 2018 ihre Investitionsstrategie anpassen.

Wie wird es nun weitergehen?

Vonovia hat Schwierigkeiten zu akzeptieren, dass wir uns nicht mit Zugeständnissen auf lokaler Ebene zufriedengeben. Wir werden weiter aufdecken, in welchem Widerspruch die Geschäftsmodelle dieser Konzerne zu den Interessen der Mieter und der Gesellschaft stehen. Der Versuch, meine Arbeit zu delegitimieren, ist nach hinten losgegangen. Er hat nur dazu geführt, dass sich viele Vereine solidarisieren und Vonovia sich einmal mehr blamiert.

Knut Unger ist Berater und Sprecher des »MieterInnenvereins Witten und Umgebung«

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