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Aus: Ausgabe vom 31.12.2019, Seite 7 / Ausland
Österreich

»Eine Partei wie jede andere«

Geschichtsrevisionismus und Plagiatsvorwürfe: FPÖ-»Historikerbericht« zu eigener Vergangenheit
Von Christian Kaserer, Wien
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Bereits vor über einem Jahr hatte die FPÖ angekündigt, in Kürze einen »Historikerbericht« zu ihrer Geschichte und ihren »rechtsextremen« Verstrickungen veröffentlichen zu wollen. In Auftrag gegeben hatte ihn die Partei selbst, nachdem die sogenannte Liederbuchaffäre bekanntgeworden war. In einem Liederbuch der Burschenschaft »Germania«, deren vorübergehender stellvertretender Obmann die niederösterreichische FPÖ-Nachwuchshoffnung Udo Landbauer war, war die Textstelle: »Gebt Gas, ihr alten Germanen, wir schaffen die siebte Million«, gefunden worden. Der sich anschließenden Debatte wollten die Rassisten der FPÖ offensiv entgegentreten.

Allerdings wurde nach der großen Ankündigung die Veröffentlichung des Berichts immer wieder verschoben, was letztlich auch Zweifel weckte, ob er überhaupt noch publiziert würde. Es mutete daher geradezu wie ein kleines Weihnachtswunder an, als die FPÖ dann schließlich doch einen Tag vor Weihnachten auf einer Pressekonferenz ihre Ergebnisse präsentierte. Geworden ist es ein nahezu 700 Seiten starker Bericht über die eigene Geschichte und die Verstrickungen mit der extremen Rechten.

Zu sagen gäbe es dazu einiges. Die FPÖ, ursprünglich »Verband der Unabhängigen« (VdU), war ein Sammelbecken von Nazis, ihr Aufbau wurde als antikommunistische Maßnahme durch den US-Auslandsgeheimdienst CIA mitfinanziert. Von dort an zieht sich ein roter Faden bis hin zum ehemaligen FPÖ-Vorsitzenden und früheren Vizekanzler Heinz-Christian Strache, von dem es Fotos bei Wehrsportübungen gibt, und auch bis zu den »Identitären« sowie Burschenschaften, die ein deutschtümelndes Nachwuchsreservoir der Partei sind.

Anstatt dass der Bericht solche Fakten klar benennt, heißt es in der Konklusion, die FPÖ sei »eine Partei wie jede andere«, eine Kontinuität von faschistischem Gedankengut bis in die Gegenwart lasse sich nicht feststellen. »Braune Flecken«, so der Bericht, ließen sich auch etwa bei SPÖ oder ÖVP feststellen, Beispiele dafür werden natürlich gerne geliefert. So fragt der Bericht etwa, ob denn die Nazidiktatur von 1938 wirklich schlimmer gewesen sei als der von der christlichsozialen Vorgängerpartei der ÖVP 1934 errichtete austrofaschistische »Ständestaat«. »Das war sie zweifellos auch, was die Massenmorde betrifft. Nur waren davon in erster Linie Menschen außerhalb des Großdeutschen Reichs bzw. jüdische Deutsche und Österreicher betroffen, d. h. die überwältigende Mehrheit der schwarz-roten Bevölkerung hatte von den Machthabern wenig zu befürchten, außer wenn man sich beispielsweise weiterhin als überzeugter Marxist deklarierte oder aus christlicher Überzeugung den Kriegsdienst verweigerte.«

Seriöse Historiker schlagen bei solchen Äußerungen Alarm und weisen auf das verdrehte Geschichtsbild der FPÖ-Experten hin. So wird in dem Bericht beispielsweise Anton Reinthaller als »gemäßigter Nazi« bezeichnet. Der erste Parteiobmann der FPÖ war bereits vor 1938 bekennender Faschist und bis zu ihrem Betätigungsverbot 1933 Mitglied der NSDAP Österreichs gewesen. 1937 trat er in die SS ein, 1941 wurde er zum SS-Brigadeführer ernannt. Wegen alldem und noch sehr viel mehr wurde er 1950 zu drei Jahren Haft verurteilt.

Die FPÖ betreibt mit ihrem Bericht nun allerdings nicht nur offenen Geschichtsrevisionismus. Bereits vier Tage nach der Veröffentlichung wurde mehrfach der Verdacht geäußert, dass diverse Teile offenbar von Wikipedia übernommen wurden. Im Gegensatz dazu wurden etwa die Archive der Burschenschaft für die Recherchen überhaupt nicht genutzt.

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