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Aus: Ausgabe vom 16.12.2019, Seite 2 / Inland
Waldzerstörung

»Der Schutz des Waldes sollte Priorität haben«

Widerstand formiert sich: Im Umland von Frankfurt am Main wird großflächig Wald abgeholzt. Ein Gespräch mit Peter Illert
Interview: Gitta Düperthal
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Protestaktion der Umweltorganisation Robin Wood im Treburer Oberwald bei Zeppelinheim (27.8.2015)

Seit Montag wird eine 4,7 Hektar große Teilfläche des Bannwaldes bei Langen in Südhessen abgeholzt. Wie kam es dazu? Als Bannwald ausgewiesener Wald gilt als schützenswert, und alle Welt redet davon, dass er für das Klima erhalten bleiben muss.

Dass bei Langen Bannwald gefällt wird, ist Bestandteil einer Erweiterung der dort bereits bestehenden Kiesgrube, und zwar um insgesamt 63,7 Hektar. Die Sehring AG hatte dies zum Kiesabbau beantragt, und per Bergrecht genehmigt bekommen. Bisher wurden seit 2014 alle zwei Jahre Flächen zwischen fünf und acht Hektar abgeholzt. Wir meinen: Bei der Prüfung und Genehmigung der Betriebspläne sollte nun oberste Priorität für den Schutz des Waldes gelten. Ausstehende Klagen von Naturschutzverbänden zur bevorstehenden gerichtlichen Entscheidung des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs in Kassel dürfen nicht gegenstandslos gemacht werden. Hierbei sehen wir Brigitte Lindscheid (Bündnis 90/Die Grünen), Regierungspräsidentin in Darmstadt, in der Verantwortung, die dagegen sofort einschreiten muss.

Die grüne Frankfurter Umweltdezernentin Rosemarie Heilig forderte kürzlich Bürgerinnen und Bürger zu Baumpflanzaktionen im Stadtwald auf – und nun ein großflächiges Abholzen im Umfeld der Mainmetropole: Ist das nicht paradox?

Zunächst: Wir befürworten Baumpflanzaktionen, die Bereitschaft der Bevölkerung dazu ist groß. Das ist auch Aufgabe der Förster, die damit aktuell große Probleme haben. Gerade junge Bäume gehen bei großer Hitze wieder ein. Insofern handelt es sich eher um eine symbolische Aktion. Sinnvoller ist, die Zerstörung widerstandsfähiger alter Bäume zu verhindern. Unser unabhängiges Aktionsbündnis fordert alle Regierungsparteien zum Handeln auf, ob die CDU/SPD/Grünen-Koalition in Frankfurt oder die CDU/Grünen-Landesregierung in Hessen. Allerdings ist es paradox, wenn Politikerinnen und Politiker einerseits sagen, ja wir brauchen den Wald, andererseits aber nicht bereit sind, im Grundsatz mit Priorität für den Umweltschutz zu entscheiden: Einige argumentieren, an die alte, noch unter dem Exministerpräsidenten Roland Koch (CDU) herbeigeführte Rechtslage gebunden zu sein; andere betonen, Kiesabbau müsse sein, um die Bautätigkeit für Wohnungen im Rhein-Main-Gebiet zu fördern. Dabei wird der Kies auch exportiert oder für das Terminal 3 im Frankfurter Flughafen verbaut oder für den Frankfurter »Grand Tower« aufgewendet.

Der »Grand Tower« ist ein Hochhaus in Frankfurts Europaviertel mit luxuriösen Eigentumswohnungen …

Genau. Das ist widersprüchlich. Beim Bergrecht geht es um öffentlichen Bedarf, der postuliert wird. In solchen Fällen jedoch entsteht mit dem Kies kein bezahlbarer Wohnraum für Arbeiter, wie ihn die SPD befürwortet. Nur das würde jedoch mit dem Umweltschutz im öffentlichen Interesse konkurrieren. Argumentiert wird, es handele sich um eine vorübergehende Nutzung, es würde ja wieder renaturiert. Die prekäre Waldsituation im Rhein-Main-Gebiet erfordert aber einen politischen Beschluss, dass Umweltrecht das Bergrecht bricht. Laut dem Waldzustandsbericht für den Frankfurter Stadtwald, den das dortige Grünflächenamt nach den Hitzesommern 2018/2019 Ende Oktober veröffentlicht hat, sind dort rund 97 Prozent der Bäume geschädigt. Frankfurt ist ein Hotspot. Beim nahe gelegenen Langen gab es wegen zweier heftiger Stürme eine regelrechte Versteppung. Die Städter im Ballungsraum des Rhein-Main-Gebiets benötigen den Wald dringend als Erholungsraum.

Wie soll das Problem fehlender Wohnungen in der Region dann gelöst werden?

Was hilft es, Wohnungen zu bauen, wenn die Bäume wegfallen, die das Klima erträglicher gestalten? Wer will schon in Bunkern hausen, um sich vor der Hitze zu schützen! Um die Attraktivität der Region zu erhalten, muss auch der sich ständig durch weiteren Ausbau durch die Landschaft fressende Moloch des Frankfurter Flughafens gestoppt werden.

Julia Klöckner, Bundesministerin für Landwirtschaft, hat versichert, sich künftig um die Aufforstung zu kümmern – wieso kann dann noch Bannwald zerstört werden?

Wir wollen die Politiker damit konfrontieren, dass sie ständig anderes machen, als sie sagen. Was hilft es, wenn die Ministerin Hilfsgelder für den Wald in Aussicht stellt, zugleich aber zulässt, ihn weiter zu zerstören. Bislang gibt es Proteste der Jugend; die Älteren, die es verbockt haben, sollten auch Engagement zeigen.

Peter Illert ist in der Umweltorganisation Robin Wood und im Aktionsbündnis Langener Bannwald aktiv

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