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Aus: Ausgabe vom 14.12.2019, Seite 11 / Feuilleton
Gegenkultur

Je später es wird

Angemessene Panik: Die neue Melodie & Rhythmus mit dem Schwerpunkt Ökologie
Von Michael Saager
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Wer hätte es gedacht? Das Beste kommt zum Schluss. Da war man bereits dabei, sich leicht irritiert zu fragen, weshalb in dieser doch ziemlich gelungenen neuen Ausgabe von Melodie & Rhythmus – Magazin für Gegenkultur mit dem Schwerpunktthema »Ökologie« ausgerechnet das verdammte »Anthropozän« nicht auftauchen will. Kommt man ja eigentlich nicht drum herum, um diese erstmals von dem Meteorologen und Nobelpreisträger Paul Crutzen im Jahr 2000 verwendete Bezeichnung für das nunmehr sechste Erdzeitalter, unsere Gegenwart. Traurige, ärgerliche, hochdramatische Sache. Klimakrise, Artenschwund, überall Toxine, Versauerung der Meere, Versteppung, Entwaldung etc. Der Mensch hat das gesamte Erdsystem derart gravierend auf den Kopf gestellt, nein zerstört, und Anthropozän bringt diese tiefgreifende ökologische Diagnose eben auf den Begriff.

Kräfte ausbooten

Oder auch nicht. Der schwedische Humanökologe Andreas Malm, kluger marxistischer Theoretiker der Erderwärmung und vieles mehr, hat eine bessere Idee. Er nennt die geochronologische Epoche, in der wir leben, lieber »Kapitalozän«. Chefredakteurin Susann Witt-Stahl und Redakteur Bastian Tebarth haben den Mann kundig interviewt. Und ja, wenn man Malms Äußerungen liest, denkt man sich durchaus, man hätte auch selbst drauf kommen können. Zumindest in diesem wichtigen Punkt. Denn selbstverständlich fließt in die große wissenschaftliche Erzählung über die Ursachen der Umweltzerstörung nicht mit ein, dass die Produktivkräfte, »die sich jetzt auf der Ebene der Biosphäre in zerstörerische Kräfte verwandelt haben« (…) »zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte von der Menschheit (im Sinne einer universellen Einheit) erfunden und entwickelt« wurden.

»Angemessene Panik« lautet die klingende Überschrift des Editorials, die das Thema der Ausgabe von der Gefühlsseite her auf den Punkt bringt, ohne den Handlungsbedarf zu unterschlagen. Um den, notwendige Einsichten, um die Abschaffung herrschender, also kapitalistischer Verhältnisse geht’s freilich nicht allein auf den rund 20 Schwerpunktseiten des 113 Seiten starken Magazins – es ist die Wirbelsäule der zahlreichen Texte über Musik, Theater, Kino, der historischen Porträts, Kommentare und Polemiken. Wie immer. Hier und dort ein wenig Abstand von dieser Straightness, etwas Platz für eigensinnige gegenkulturelle Spielereien, humorvolle Randseitigkeiten, davon ist die Redaktion, sind die Artikel wie immer weit entfernt. Schlimm ist das nicht. Ein bisschen schade schon.

Natürlich möchte man von Regisseur Ken Loach, wenn er von seinem bedrückenden Arbeiterdrama »Sorry We missed You« erzählt, keine zynischen Witze über Nullstundenverträge und den ständigen Kampf ums Überleben lesen. Muss man auch nicht. Man blättert weiter, freut sich, dass es die guten alten Londoner Industrial-Krachmacher Test Dept noch gibt, dass sie keinen Irgendwas-Techno und eher geradlinige Texte gegen rechts machen. Der geniale schwedische Freejazzer Mats Gustafsson plaudert derweil über Lärm, Do-it-Yourself-Kultur, die bemerkenswert kreative Szene Chicagos in den 90ern und rennt selbstverständlich offene Türen ein, wenn er die Gesellschaften durch ökonomische und politische Kräfte beherrscht sieht, »denen es nur um Geld und Einfluss geht«. Na gut, ein bisschen komplizierter ist’s schon. Aber diese »Kräfte ausbooten«, um das »Klimaproblem in den Griff zu bekommen«, daran führt freilich kein Weg vorbei.

Dunkle Kehrseite

Womit wir wieder bei der Ökologie wären, der Betrachtung und Erforschung längst dramatisch kompliziert gewordener Beziehungen von Lebewesen untereinander sowie zu ihrer Umwelt. Technik und Technologie dürfen da keinesfalls fehlen. Dietmar Dath stellt in seinem instruktiven Essay »Wann blüht das Wasser?« kapitalistische und sozialistische (Zukunfts-)Vorstellungen zur Ökologie einander gegenüber. Er schnappt sich, wie so oft, ein paar Filme, Romane, Erzählungen aus der Science-Fiction und analysiert sie in Hinblick auf ihre Freiheits- und Verantwortungsvorstellungen. Komplexe Technologien untersucht Dath – wie bereits in seinem Buch »Maschinenwinter« – auf ihr Befreiungspotential hin (gegen die Profitzwecke gerichtet eingesetzt). »Böse« sind sie dann nämlich nicht mehr – wobei man von den ihnen ursprünglich eingeschriebenen Zwecken selbstverständlich nicht ohne weiteres absehen kann.

Guardian-Autor Owen Hatherley macht sich ein paar kluge Gedanken über nachhaltige Architektur außerhalb typischer Enklaven Besserverdienender, Tanguy L’Aminot betrachtet Black Metal und dessen Rückzug in die Natur als Antithese zum Kapitalismus, Gerd Bedszent zeigt, wie die Science-Fiction-Literatur der DDR die Umweltproblematik zum Thema machte. Moshe Zuckemann hat durchaus etwas übrig für die Naturverherrlichung in der Romantik, haut uns dann aber mit Elias Canetti die dunkle Kehrseite dieser Liebe um die Ohren: »Das Massensymbol der Deutschen war das Heer. Aber das Heer war mehr als das Heer: Es war der marschierende Wald.«

Eine gewissermaßen helle Kehrseite indes zeigen die Bilder in der sehenswerten Fotoreportage des politischen Fototheoretikers und praktizierenden Künstlers Conohar Scott: Der Sache nach saudüster sind Deponien für Kalziumhydroxid-Abfälle, Sickerwässer aus Kupferminen, Schleusen mit hochgiftigen Substanzen allemal, und eben dennoch von einiger ästhetischer Qualität und Kraft – oder Schönheit. Auf diese Ambivalenz in seinen Bildern hin angesprochen, erwidert der Fotograf und Umweltaktivist: »Es ist mir wichtig, Naturzerstörung nicht zum Spektakel zu machen. Das heißt aber nicht, dass es in meinen Fotos keine ästhetische Komponente gäbe. In mir steckt ein Modernist, den ich nicht loswerde und der versucht, alles zu ästhetisieren.« Man kann ihn verstehen.

Wie angesichts der dramatischen Lage der kategorische Imperativ unserer Gegenwart lauten müsse, wollen wiederum Witt-Stahl und Tebarth in der letzten Frage ihres Interviews mit Andreas Malm wissen. »Es gilt«, so der Humanökologe, »sich der Klimakatastrophe mit allen Mitteln zu widersetzen und niemals der Vorstellung zu erliegen, dass es dafür zu spät ist. Je später es wird, desto mehr Gründe gibt es, das tun zu müssen.«

Melodie & Rhythmus, 1/2020, 115 Seiten, 6,90 Euro

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