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Aus: Ausgabe vom 14.12.2019, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Das fast Unmögliche versucht

Ronald M. Schernikaus »Legende« in der Berliner Volksbühne
Von Kai Köhler
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Die Vernunft kommunistischer Politik und ihr Scheitern an der bestehenden Unvernunft: Herr Lange (Robert Kuchenbuch, l.) und Anton Tattergreis (Ueli Jäggi)

Gäbe es eine Liste von Büchern, die für eine Umsetzung auf der Bühne besonders ungeeignet sind, Schernikaus »Legende« käme vermutlich auf einen der vorderen Plätze. Das fast tausendseitige Werk bringt eine spärliche Haupthandlung mit zahlreichen Zitaten, mit Einschüben älterer Texte Schernikaus und mit Reflexionen über Kunst und Politik zusammen. Thema sind Möglichkeiten und Scheitern kommunistischer Politik auf der »Insel«, die für Westberlin steht, und dem sie umgebenden »Land«, der DDR; beides zielt auf Verallgemeinerung. Thema sind homosexuelle Beziehungen in ihrer gesellschaftlich erzwungenen Besonderheit, aber damit auch die allgemeinere Möglichkeit von Liebe auf der Insel; Thema ist im letzten Teil der Tod, dem der schwer erkrankte Autor entgegensehen musste. Bei all dem gibt es kaum je unvermittelte Handlung. Jedes Tun der Figuren wird sogleich reflektiert – das Individuum erscheint mit all seinen gesellschaftlichen Möglichkeiten und Hemmnissen.

Daraus ergibt sich eine Genauigkeit und Dichte, die bei der Lektüre einzelner Passagen begeistert. Das Ganze hingegen erscheint wie ein großes Felsmassiv, bei dem die Wege, es zu besteigen, noch nicht markiert sind. Doch kann es gar nicht das Ziel sein, dieses Ganze an einem Theaterabend vorzustellen. Ein Kunstwerk, das als Buch schon vorhanden ist, getreu auf die Bühne zu bringen, wäre erstens überflüssig – man hat es ja schon als Buch. Im Fall der »Legende« ist es in diesem Herbst als kommentierte Neuausgabe erschienen. Zweitens ist es unmöglich: Jedes Werk folgt den Gesetzen seines Mediums, und diese sind bei der Aufführung im Theater andere als beim Gedruckten. Also geht es nicht um Treue zur Vorlage, sondern um das Ergebnis, das ein Kunstwerk für sich sein muss.

Malte Ubenauf und Stefan Pucher, der auch für die Inszenierung verantwortlich ist, haben für den ersten Teil ihrer »Legende«-Fassung für die Berliner Volksbühne eine überzeugende Lösung gefunden. Sie beginnen mit einem längeren Monolog, in dem Schernikau einen Bericht seiner Mutter verarbeitete. Sie war als überzeugte Kommunistin ihrem Geliebten aus der DDR in die BRD gefolgt, fand sich dort von ihm verlassen und hatte so beides, Land wie Liebe, verloren. Schernikau hat in der »Legende« die Erzählung behutsam in Verse gesetzt. So gewinnt der Text eine ästhetische Spannung, die Erzählerin aber eine Würde, die sie auch in der Niederlage als Subjekt ihres Lebens zeigt. Der Vers setzt eine Regelmäßigkeit und eröffnet damit die Möglichkeit, die Regel zu durchbrechen: Dadurch werden Widersprüche hörbar, also Probleme und damit die Perspektive, Probleme zu lösen.

Überhaupt verdeutlichte die Aufführung, wie gut Schernikaus Sätze zu sprechen sind, welchen sozialen Gestus sie vermitteln. Dies ist als Argument gegen die eingangs vorgestellte Liste nicht fürs Theater tauglicher Bücher möglich. Andererseits: Manche Schauspieler und Schauspielerinnen sprachen am Premierenabend nicht eben deutlich. Zuweilen hob sich der Blick des Kritikers zu den englischen Übertiteln, um sich der Bedeutung des Gesagten zu vergewissern; Pausengespräche beruhigten ihn, dass das nicht an seinen möglicherweise nachlassenden Ohren lag.

Die erste Hälfte des Abends beruht weitgehend auf den Teilen I und II der »Legende«, nur etwa 120 Seiten. Vier Götter steigen auf die Insel herab, um den Menschen zu helfen. Die Menschen aber wollen oder können sie nicht sehen – das Bemühen der Götter bleibt ohne Resonanz. Auf der anderen Seite gibt es den Schokoladenfabrikanten Anton Tattergreis. Einen Poroschenko konnte Schernikau noch nicht kennen; dennoch, seinem Namen entgegen ist Tattergreis als Vertreter des Gesamtkapitals zwar gesellschaftlich unproduktiv, doch in der Machtausübung höchst vital. Seine Schwäche ist die unerfüllte Liebe zu Janfilip Geldsack, der sich selbst hasst und alles unternimmt, um sich als die gesellschaftliche Kategorie, die sein Name bezeichnet, selbst zu vernichten. So bewegt er Tattergreis dazu, »Osthandel« zu betreiben. Dies aber führt nicht zur Pleite des Kapitals, sondern zu der des »Landes«. Was immer auch ein melancholisch gewordener »Geldsack« tut – unter den bestehenden Verhältnissen schlägt es ihm, auch wider Willen, zum Erfolg aus. Daran kann Herr Lange als Honecker-ähnlicher Vertreter der DDR ebenso wenig ändern wie die Kommunistin Lydia Soldat auf der Insel. Mit beiden zeigt Schernikau – und zeigt die Theaterfassung – die Vernunft kommunistischer Politik und ihr Scheitern in der bestehenden Unvernunft.

Es ist eine Stärke der Inszenierung, dass Schernikaus Kommunismus weder veralbert noch in die Nostalgieecke verbannt wird. Das ist künstlerisch notwendig (sonst verlöre die Aufführung ihren Sinn) und politisch klug. Weniger klug ist, was nach der Pause folgt. In dieser letzten Stunde werden rasch einige Passagen aus dem Buch abgehakt; manches steht nun ganz ohne Bezug auf der Bühne, wie aus einer früheren Spielfassung übriggeblieben. Es gibt sogar dann noch sehenswerte Teile, vor allem wenn Ueli Jäggi als Anton Tattergreis vom geliebten Geldsack in die Rolle des »sozialen Kanzlers« gedrängt wird, aber auch mit unsozialster SPD-Politik keine Revolution hervorbringt. Doch bald hört man Schlager-Trash, und schließlich stimmt ein Schernikau-Double, das von ein paar Ansätzen als Erzählfigur abgesehen bis dahin etwas ratlos auf der Bühne herumstand, ein Lied an. Darauf ein Wechsel zum Video: Zu sehen ist der reale Schernikau, der es weitersingt. Das ist ein anrührender Schluss vielleicht für manche von denen, die ihn kannten, doch ästhetisch ein Missgriff. Schernikau hat in der »Legende« etwas Persönliches wie seinen nahenden Tod in etwas allgemein Bedeutendes verwandelt – die »Legende« auf der Bühne schrumpft zuletzt das Allgemeine, von dem die Rede war, zum traurigen Einzelfall. Der ganze zweite Teil wirkt, nach den Erkenntnissen aus dem ersten, noch unfertig.

Nächste Vorstellungen: 20.12., 12.1., 25.1.

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