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Aus: Ausgabe vom 13.12.2019, Seite 15 / Feminismus
Femizide in Indien

Die Wut wächst

Vor dem Jahrestag eines besonders brutalen Sexualverbrechens in Delhi 2012 erschüttern zwei aktuelle Fälle Indiens Öffentlichkeit
Von Thomas Berger
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Teilnehmer einer Solidaritätsdemonstration für Vergewaltigungsopfer in Delhi (7.12.2019)

Am Montag jährt sich zum siebten Mal der Tag der brutalen Gruppenvergewaltigung einer angehenden Physiotherapeutin in Delhi, die Ende 2012 weltweit Entsetzen ausgelöst hatte. In Indien erreicht seither das einstige Tabuthema sexuelle Gewalt eine breitere Öffentlichkeit. Noch anderthalb Wochen hatte die 23jährige, die beim damaligen Verbrechen in einem privaten Bus schwerste innere Verletzungen davongetragen hatte, um ihr Leben gekämpft, war dann aber in einer Klinik in Singapur gestorben. Die Täter wurden gefasst und verurteilt, einer beging in der Haft mutmaßlich Suizid.

Der 16. Dezember 2012 sollte zu einer Zäsur werden: Über ihren Tod hinaus wurde Jyoti Singh Pandey zu einer Symbolgestalt für Frauen und Mädchen, die sich öffentlich gegen sexuelle Gewaltakte wehren. Die jüngsten Massendemonstrationen in mehreren Großstädten haben allerdings noch nicht einmal den Jahrestag zum Anlass, sondern betreffen zwei Fälle, die das Land aktuell erschüttern. So wurde in den letzten Novembertagen am Rand der südöstlichen Metropole Hyderabad eine 26jährige Tierärztin Opfer eines grausamen Verbrechens. Eine Gruppe von vier Männern – ein Trucker, sein Hilfsarbeiter und zwei weitere Kumpane – hatte ihr gezielt aufgelauert, sie dann vergewaltigt, ermordet und die Leiche verbrannt. Die junge Frau kam abends gegen 21 Uhr von einem Arzttermin, als sie feststellte, dass ihr nahe einer Highway-Mautstation geparktes Moped einen Platten hatte. Die vier Männer, die ihre Hilfe anboten, erschienen ihr unterschwellig suspekt, erzählte die jüngere Schwester, mit der die Ermordete noch telefoniert hatte. Als sie später für Rückrufversuche unerreichbar war, suchte die besorgte Familie eine Polizeistation auf, wo man sie aber barsch abwies. Drei Polizisten wurden später deshalb suspendiert. Die am Folgetag eingeleiteten Ermittlungen brachten andere Beamte durch Auswertung von Überwachungskameras schnell auf die Spur der Tatverdächtigen. Zu einem Gerichtsprozess wird es jedoch nicht mehr kommen, da die Männer bei einem angeblichen Fluchtversuch von der Polizei erschossen wurden. Vorfälle dieser Art, aktuell als »schnelle Form der Gerechtigkeit« teilweise mit Beifall bedacht, sind in Indien nicht unüblich.

Im zweiten Fall kam eine 23jährige im bevölkerungsreichsten Unionsstaat Uttar Pradesh im Norden des Landes ums Leben. Sie war am 5. Dezember im Zuge der juristischen Aufarbeitung einer ein Jahr zurückliegenden Gruppenvergewaltigung auf dem Weg zu einer Aussage vor Gericht, als eine Gruppe von Männern, darunter der Hauptangeklagte in dem Verfahren, sie überfiel. Wie sie noch der Polizei erzählen konnte, war sie zuerst mit einem Gegenstand am Kopf getroffen, dann mit Kerosin übergossen und angezündet worden. Brennend lief sie laut Medienberichten noch einen Kilometer weit, bis sie auf einen Wachmann traf, der Rettungskräfte alarmierte. Obwohl sie zur Behandlung in ein namhaftes Krankenhaus der Bundeshauptstadt Delhi gebracht wurde, erlag sie am nächsten Tag ihren schweren Verletzungen. Nach Aussage der Ärzte war ihre Körperoberfläche zu 95 Prozent verbrannt, auch ihre Lungen schwer geschädigt. Wie Recherchen der Times of India in ihrem Heimatdorf nahe der Provinzstadt Unnao ergaben, galt die 23jährige als selbstbewusste junge Frau, die sich nicht einschüchtern ließ. Aus einer niedrigkastigen Familie stammend, hatte sie sich auf die Liebe zu einem Mann aus der auf der anderen Dorfseite lebenden Gruppe der Brahmanen (höchste Kaste in der Hierarchie des Hinduismus) eingelassen. Die Beziehung wurde schließlich beendet, doch am 12. Februar 2018 soll ihr Exfreund sie im Beisein anderer bedroht und vergewaltigt haben. Obwohl die Polizei sich zunächst sperrte, blieb sie hartnäckig und schaffte es im März, Anzeige zu erstatten. Kurz vor dem jetzt tödlichen Racheakt war der Hauptbeschuldigte, der zuvor in Untersuchungshaft saß, auf Kaution freigekommen. Mit ihrer unter höchsten Schmerzen noch getätigten Aussage, bei der sie die Namen der Angreifer nannte, konnten fünf Männer festgenommen werden. Die Regionalregierung will in einem Schnellverfahren Anklage erheben lassen, wie ein Minister während seines Besuches bei der Familie zusagte. Zugleich erklärte er, der zum rechten Rand der hindu-nationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP) von Indiens Premier Narendra Modi gehörende Chefminister des Bundesstaates wolle aus seinem persönlichen Fonds der Familie 2,5 Millionen Rupien (32.000 Euro) zukommen lassen.

Die beiden aktuellen Vorfälle in Verbindung mit dem Jahrestag haben die Debatte neu entfacht, was gegen die exorbitant hohe Zahl sexueller Übergriffe mit nicht selten tödlichem Ausgang getan werden kann. Zwar droht nach einer Gesetzesverschärfung infolge der Tat von 2012 Vergewaltigern nun die Todesstrafe, wirklich abschrecken kann dies aber offenbar nicht, wie allein gut 2.000 aktenkundige Vorfälle in Uttar Pradesh 2017 illustrieren. Zwar hat sich in der Justiz einiges bewegt, doch schon die beiden jüngsten Fälle zeigen anhaltende Defizite im Polizeiapparat. Indien sei die Vergewaltigungshochburg der Welt, äußerte sich Rahul Gandhi, vormaliger Chef der größten Oppositionspartei INC. Besonders scharf verurteilte auch Bollywood-Superstar Shilpa Shetty in ihren Twitter-Posts die anhaltend hohe Zahl sexueller Gewaltakte. Frauen könnten sich nicht sicher fühlen. Sie forderte Premier Modi direkt auf, etwas gegen die Vergewaltigungen und den zu laschen Umgang der Justiz zu unternehmen.

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