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Aus: Ausgabe vom 06.12.2019, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Offener Schnürsenkel

In seinem Film »Marriage Story« erzählt Noah Baumbach einmal mehr die Geschichte einer Scheidung
Von Hannes Klug
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Versöhnliche Geste: Charlie (Adam Driver) zeigt Nicole (Scarlett Johansson) sein Instrument

Einer der liebenswerten Unterschiede zwischen Nicole (Scarlett Johansson) und Charlie (Adam Driver) ist der, dass sie die Schraubverschlüsse an Konservengläsern, an denen er sich vergeblich abmüht, spielend leicht öffnet – aufgrund ihrer »starken Arme«, die er wiederum unwiderstehlich sexy findet. Charlie dagegen schließt die Schranktüren, die sie offen stehen lässt, und sammelt ihre herumliegende Wäsche vom Fußboden auf. So die Ausgangslage in einer wunderbaren Partnerschaft zwischen zwei wunderbaren Menschen, die dabei sind, sich scheiden zu lassen.

Dass dieser Entschluss nicht darin gründet, dass sie sich nicht mehr verstehen, trägt zur Tragik dieser Geschichte bei, die minutiös aufschlüsselt, wie sehr ein Scheidungsprozess eine Beziehung belasten kann. Nicole wünscht sich ein anderes, selbstständigeres Leben und mehr Anerkennung, und Charlie schafft es lange nicht, sich der Tatsache zu stellen, dass sie beide nun Antagonisten sind, anstatt gemeinsam zu kämpfen. Dennoch – und das bleibt das eigentlich Berührende an diesem Film – bleiben beide einander verbunden, und wäre da nicht die Welt mit ihren tausend Anforderungen und Erwartungen, wären sie vielleicht bis ans Ende ihrer Tage zusammen glücklich.

Auch die besten Absichten einer einvernehmlichen Trennung scheitern jedoch daran, dass sich ihr achtjähriger Sohn Henry (Azhy Robertson) nicht in zwei Hälften teilen lässt. Also nimmt sich Nicole eine Anwältin, deren Rolle in einem spektakulären Coup mit Laura Dern besetzt ist, woraufhin auch Charlie mit Alan Alda und Ray Liotta zwei Großkaliber auffährt. Lasst die Spiele beginnen!

Regisseur Noah Baumbach hat schon 2005 mit »The Squid and the Whale« ein denkwürdiges Scheidungsdrama inszeniert, das ebenfalls stark autobiographische Züge trug, jedoch damals noch aus der Perspektive des Kindes erzählt war. Während es offenbar eine übermenschliche Aufgabe ist, im Moloch New York eine Kleinfamilie am Leben zu erhalten (wie auch im Klassiker aller Scheidungsdramen, »Kramer vs. Kramer«), so geben dessen Bürgersteige doch eine umso bessere Kulisse für die harsche Tragik des Verlassenseins ab. Die Ostküstenmetropole, ihr finanzieller Druck und ein kreativer Wettbewerb, der Narzissmus und Geltungsdrang befördert, werden hier in der Tradition von Woody Allens »Annie Hall« (»Der Stadtneurotiker«) gegen ein lebensfroheres Los Angeles und dessen Licht und Berge gesetzt, in dem man einfach auch mal müde sein darf.

Was den Verlauf der Trennungsangelegenheit betrifft, so weicht die Liebe aus purem Stress doch noch irgendwann ungefiltertem Hass, bis beide Parteien sich selbst nicht mehr wiedererkennen. Obwohl man das Bemühen spürt, gelingt es Noah Baumbach nur begrenzt, dabei überparteilich zu bleiben. Mehrmals teilt er kleine Hiebe gegen die weibliche Seite aus, was seiner ureigenen Perspektive geschuldet sein dürfte, bis Nicole ihrem Exmann zum Schluss in einer versöhnlichen Geste einen offenen Schnürsenkel bindet. Auch getrennt, scheint dieser zarte Moment zu sagen, kann man trotzdem noch füreinander da sein.

»Marriage Story«, Regie: Noah Baumbach, USA 2019, 137 Min., bereits angelaufen

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