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Aus: Ausgabe vom 06.12.2019, Seite 6 / Ausland
Flüchtlinge und Balkan

Das Elend nimmt kein Ende

Bosnien: Tausende Flüchtlinge sitzen fest. Illegale »Push-Backs« aus Kroatien
Von Roland Zschächner
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Keine angemessene Kleidung: Ein Flüchtling in dem bosnischen Camp Bihac in der Nähe der kroatischen Grenze (3.12.2019)

Mehrere hundert Flüchtlinge haben auch am gestrigen Donnerstag in dem provisorischen Lager Vucjak nahe der bosnischen Stadt Bihac die Aufnahme von Essen verweigert. Seit Dienstag protestieren sie mit ihrem Hungerstreik gegen die Lebensbedingungen in dem Camp, das im Sommer auf einer ehemaligen Mülldeponie errichtet worden war und vom Roten Kreuz versorgt wird.

Das Lager müsse umgehend geschlossen werden, forderte die Menschenrechtskommissarin des Europarats, Dunja Mijatovic. Sie besuchte Anfang der Woche das Gelände, auf dem sich rund 600 Menschen aufhalten sollen. Am heutigen Freitag will Mijatovic ihre Forderung bei einer Pressekonferenz in Sarajevo erneuern.

Mittlerweile ist in Bosnien und Herzegowina der Winter eingebrochen. Die Temperaturen liegen nachts unter dem Gefrierpunkt, Schnee ist gefallen. In Vucjak befinden sich lediglich Zelte; die Flüchtlinge sind für das kalte Wetter nicht angemessen bekleidet, zum Teil tragen sie lediglich Sandalen, wie Aufnahmen aus dem Lager zeigen.

Nicht nur Mijatovic hat die Bedingungen in Vucjak angeprangert. Auch die Hilfsorganisation »Ärzte ohne Grenzen« (MSF) bezeichnete das Lager als »gefährlichen und inhumanen Ort«. Dort dürften keine Menschen leben, erklärte MSF-Koordinator Nihal Osman Mitte November. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis es Tote gebe.

Die Flüchtlinge sind in Bosnien gestrandet, ihr eigentliches Ziel sind indes die Länder Westeuropas. Bei dem Versuch, die Grenze zu Kroatien zu überwinden, werden viele von ihnen von der Polizei aufgegriffen und gewaltsam zurück nach Bosnien gebracht. Diese sogenannten Push-Backs erfolgen zum Teil auch weit im Landesinneren und sind illegal, weil damit unter anderem verhindert wird, dass Asylanträge gestellt und geprüft werden können.

Lange hatten die kroatischen Behörden verleugnet, dass es »Push-Backs« gebe, obwohl diese durch Zeugenberichte und Videoaufnahmen dokumentiert waren. Selbst als die kroatische Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic im Juli gegenüber dem Schweizer Fernsehen SFR diese Praxis eingestand, änderte sich nichts an dem Vorgehen der Polizei.

Flüchtlinge berichten zudem immer wieder, dass sie von kroatischen Grenzern misshandelt worden seien. Ende November wurde ein Mann sogar von Polizeibeamten angeschossen. Er war mit anderen Flüchtlingen im Nordwesten Kroatiens von der Polizei aufgegriffen worden; die Gruppe habe sich der Verhaftung entziehen wollen, meldeten regionale Medien.

Ein anderer Fall wurde in dieser Woche bekannt. Zwei nigerianische Studenten sollen von kroatischen Polizisten in Zagreb verhaftet und illegal nach Bosnien deportiert worden sein, berichtete das Onlineportal Zurnal. Die Beamten wollten trotz Beteuerungen nicht glauben, dass sie Teilnehmer eines Sportwettbewerbs waren und ihre Pässe mit den gültigen Visa in ihrer Unterkunft seien – beides wurde später bestätigt. Nachdem der Fall bekannt geworden war, wiegelten die Behörden ab: Man wisse nicht, wie die Männer in ein Aufnahmelager des Nachbarlandes gekommen seien.

Kritik an dem Vorgehen der kroatischen Polizei gibt es kaum. Vielmehr werden sogar Stimmen laut, die fordern, die Armee an die Grenze zu schicken. Trotz der Schließung der sogenannten Balkanroute 2016 versuchen weiterhin Tausende Menschen auf neuen Wegen ihr Glück, denn die Grenzen der westlichen Balkanländer sind aufgrund des unwegsamen Geländes kaum zu kontrollieren. Eine der Routen verläuft nun an der Küste entlang von Griechenland über Albanien, Montenegro nach Bosnien und dann weiter nach Kroatien und Slowenien.

Monatlich bis zu 600 Flüchtlinge seien in diesem Jahr in Montenegro registriert worden, berichtete Dusica Zivkovic, Leiterin des Büros der UN-Organisation für Migration in Podgorica. Das slowenische Innenministerium meldete Ende November, in den ersten zehn Monaten des Jahres seien rund 14.000 unerlaubte Grenzübertritte registriert worden, 72 Prozent mehr als 2018.

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