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Aus: Ausgabe vom 05.12.2019, Seite 15 / Medien
Fortschritt kontra Gesundheit

Versuchskaninchen für »5 G«

Die neue Mobilfunktechnik verheißt Großes, sagen die Befürworter. Sie bedroht Leib und Leben, warnen Kritiker – und finden kein Gehör
Von Ralf Wurzbacher
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Funkmast mit »5-G«-Modulen: »Möglicherweise krebserregend«

Mit der Einführung der 5-G-Mobilfunktechnologie (»fünfte Generation«) verhält es sich ähnlich wie seinerzeit mit der Mondlandung. Die Sache muss klappen, oder anders: Es darf nicht schiefgehen. Als sich Neil Armstrong zum Erdtrabanten aufmachte, war praktisch die ganze Welt live auf Sendung. Man stelle sich vor, die Mission wäre gescheitert und die Flugkapsel vor den Augen der Menschheit zerschellt. Konnte sich die Supermacht das Risiko überhaupt leisten? Es ist diese Verdammtheit zum Erfolg, die Skeptiker bis heute an der Authentizität der Geschehnisse zweifeln lässt, mehr als eine wehende US-Flagge oder ein Himmel ohne Sterne.

Auch »5 G« ist zum Gelingen verdammt. Mit der Technik soll ein neues Kapitel Industriegeschichte geschrieben und das alte ad acta gelegt werden. Allein hierzulande stehen Tausende Unternehmen bereit, ihre Innovationen in den Bereichen Telekommunikation, Robotik, Künstliche Intelligenz (KI), autonomes Fahren, »Internet der Dinge«, vernetzte Produktion und »Arbeit 4.0« auf den Markt und die Kunden loszulassen. Gigantische Summen wurden bereits in den Entwicklungsabteilungen von Konzernen, Techfirmen und Startups auf die Zukunft verwettet, und die Penetranz, mit der Wirtschaftsverbände und Medien die digitale Neuzeit in den schönsten Tönen besingen, übertönt jeden Widerspruch. Kann und darf es unter diesen Vorzeichen noch ein Zurück geben?

Dabei mangelt es nicht an Einwänden, etwa an Fragen zum Datenschutz, nach der Sinnhaftigkeit von Flugtaxis und vernetzten Kühlschränken, dazu was aus Millionen klassischen Industriearbeitsplätzen oder dem menschlichen Miteinander wird, wenn die Digitaltechnik immer mehr unser Denken und Handeln bestimmt. Und dann sind da auch Stimmen, die vor nichts weniger als einer Bedrohung für die menschliche Spezies warnen. Eine davon ist Wilfried Kühling von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Er nennt »5 G« einen »Versuch am lebenden Objekt«. Der Geowissenschaftler hält es für erwiesen, dass die Hirnströme durch die hochfrequenten Strahlen des Mobilfunks beeinflusst, Erbinformationen destabilisiert und Spermien beschädigt werden.

Kühling ist keiner, den man einfach als einen der Spinner abtun kann, wie sie sich im Internet tummeln und schreien, »wir werden alle gegrillt«. Er leitet beim Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) den Wissenschaftlichen Beirat und den Bundesarbeitskreis Immissionsschutz. Dieser fordert, dass die gesundheitlichen Auswirkungen der Technologie von unabhängigen Experten erforscht werden müssen, noch ehe mit dem flächendeckenden Aufbau der erforderlichen Sendeanlagen losgelegt wird. Weder wären die Wirkungen auf Risikogruppen wie Kinder ausreichend untersucht, noch ließen sich Aussagen von 5-G-Befürwortern, es gingen keinerlei Gefahren von der elektromagnetischen Strahlung aus, wissenschaftlich belegen, heißt es auf der Verbandswebseite.

In die größere Öffentlichkeit dringen derlei Appelle kaum vor. Aber es gibt sie zuhauf. Die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat elektromagnetische Handystrahlung schon 2011 als »möglicherweise krebserregend« eingestuft. Und es gibt etliche Forscher, die raten, die Gefahrenstufe auf »wahrscheinlich krebserregend« zu erhöhen, wie schon im Fall Glyphosat. Gefordert hatten dies zu Jahresanfang 400 Mediziner und Naturwissenschaftler in einem internationalen Aufruf, der vor »irreversiblen Konsequenzen für den Menschen« im Falle der Implementierung der 5-G-Technologie warnt. Unter den Mitstreitern ist hierzulande der Umweltpolitiker und Biologe Ernst-Ulrich von Weizsäcker. Man wisse nicht sicher, ob Elektrosmog gesundheitliche Risiken mit sich bringe, »aber wir können es auch nicht ausschließen«, meint er.

Eine Neubewertung der Situation erscheint schon deshalb angeraten, weil »5 G« vor acht Jahren noch kein Thema war. Anders als der 4-G-Standard operiert die neue Technik mit deutlich höheren Frequenzen, deren Reichweite allerdings geringer ist. Deshalb braucht es eine Vervielfachung der Funkzellen und Sendemasten. Vor allem in den Städten müssen haufenweise Minisender installiert werden, um jeden Winkel abzudecken. Zwar liegen die Frequenzbereiche der jüngst versteigerten 5-G-Lizenzen noch auf dem Level der früheren Standards. Künftig sollen aber auch wesentlich höhere Bereiche genutzt werden, um etwa autonomes Fahren zu ermöglichen.

Hierin sehen Kritiker ein erheblich gesteigertes Gefahrenpotential. Schon 2015 wies eine Studie der Jacobs-Universität Bremen eine krebspromovierende Wirkung gewöhnlicher Mobilfunkstrahlung bei Mäusen nach. Eine Langzeituntersuchung im Auftrag des US-Gesundheitsministeriums vom November 2018 zeigte ferner, dass bestrahlte Ratten zur Bildung bösartiger Tumore am Herz und im Hirn neigen und vermehrt Schäden an der DNA aufweisen. Die US-Regierung ließ die Befunde wegen ihrer Brisanz überprüfen – mit dem Ergebnis, dass nun ein »klarer Beweis« für die tumorerzeugende Wirkung der Hochfrequenzstrahlung bei Ratten vorliege. Nun sind Menschen zwar keine Nagetiere. Als Versuchskaninchen taugen sie offenbar allemal.

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