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Aus: Ausgabe vom 05.12.2019, Seite 12 / Thema
Anti-Terror-Krieg

Terror in Xinjiang

Die Kritik des Westens an den staatlichen »Umerziehungslagern« für Uiguren blendet die Hintergründe systematisch aus. China führt seit Jahren einen Kampf gegen Islamisten und Ultranationalisten, die immer wieder Attentate verüben
Von Jörg Kronauer
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Mit Unterstützung Erdogans. Demonstration von Uiguren gegen die Volksrepublik am 1. Oktober 2019 in Istanbul

Seit November schlagen sie in der westlichen Öffentlichkeit hohe Wellen: die »China Cables«, geleak­te Dokumente chinesischer Behörden mit Informationen über staatliche »Umerziehungslager« für Uiguren im westchinesischen Autonomen Gebiet Xinjiang. Die Lager, in denen zahlreiche Menschen festgehalten werden – wie viele genau, ist nicht bekannt –, werden im Westen schon seit vergangenem Jahr immer wieder scharf kritisiert; zuweilen ist gar von »Konzentrationslagern« die Rede. Chinesische Stellen erklären stets, es handle sich um Einrichtungen, in denen Uiguren von »terroristischen und extremistischen Gedanken« abgebracht und zugleich in der Landessprache unterrichtet wie beruflich fortgebildet werden sollen; es gehe darum, dem uigurischen Terrorismus langfristig den Nährboden zu entziehen. Die »China Cables« bestätigen nun einen Vorwurf, der in westlichen Medien immer wieder erhoben wird: dass die Menschen in den Lagern ohne gerichtliches Urteil, gegen ihren Willen und über lange Zeit festgehalten, zur Veränderung ihres Verhaltens veranlasst und penibel überwacht werden. Weitere Vorwürfe, insbesondere den, dass in den Einrichtungen Gewalt und Folter angewandt würden, belegen sie nicht.

Unerwähnt bleiben Informationen über Hintergründe, die die Behörden der Volksrepublik überhaupt erst veranlasst haben, die Lager zu errichten. Tatsächlich steckt China mitten in einem Antiterrorkrieg, wie ihn auch die westlichen Staaten 2001 begannen. Die Methoden, auf die der Westen dabei zurückgriff, sind bekannt – dazu gehören auch Gewalt und Folter. Auch China setzt auf Zwang. Um über die chinesischen Methoden fundiert diskutieren zu können, ist es freilich angebracht, den Anlass zumindest ansatzweise zu kennen.

Die Attentäter schlugen in den Abendstunden zu. Es war längst dunkel geworden an jenem schon recht frühlingshaften Samstag, als gegen zwanzig nach neun acht schwarzgekleidete Gestalten, darunter zwei Frauen mit langem Gewand und Gesichtsschleier, auf dem noch belebten Bahnhofsvorplatz plötzlich Dolche und lange Messer zogen. Wahllos begannen sie, auf die Menschen um sich herum einzustechen, stürmten sodann die Bahnhofshalle, metzelten das Sicherheitspersonal nieder und hieben mit ihren Waffen wie wild auf die Wartenden an den Fahrkartenschaltern ein. Reihenweise sanken diejenigen, die nicht geistesgegenwärtig fliehen konnten, blutüberströmt zu Boden; nicht einmal wehrlose Kleinkinder wurden von den Angreifern verschont. Als nach wenigen Minuten die Polizei eintraf und dem tollwütigen Morden ein Ende setzte, lagen 31 Personen tot in oder vor dem Bahnhof; mehr als 140 waren teilweise schwer verletzt. Die Nachricht von dem Blutbad machte rasch die Runde. Sie versetzte das ganze Land in einen schweren Schockzustand.

Nein, das Massaker in den späten Abendstunden des 1. März 2014 ist nicht in Paris verübt worden, nicht in London, nicht in Berlin und auch nicht in Orlando im US-Bundesstaat Florida. Es ist am Bahnhof der südwestchinesischen Metropole Kunming begangen worden – und deshalb wurde in den Tagen nach dem Blutbad das Brandenburger Tor auch nicht in einem Akt öffentlicher Anteilnahme bestrahlt, wie es eine Zeitlang nach Attentaten in westlichen Städten geschah: Mitgefühl behält das angeblich so aufgeklärte Deutschland immer noch sich selbst und seinen engsten Verbündeten vor. Dabei waren die Täter von Kunming gleichfalls Dschihadisten: muslimische Uiguren, die – das bestätigten damals nicht nur chinesische Quellen – aus ihrer Heimatregion Xinjiang den weiten Weg nach Kunming gereist waren, um von dort aus über die Grenze nach Laos zu gehen und im Ausland in den Dschihad zu ziehen. Weil aber penible Kontrollen der Sicherheitskräfte ein Durchkommen verhinderten, entschlossen sie sich kurzerhand zu dem Anschlag am Bahnhof von Kunming, um den Krieg gegen die Andersgläubigen dann eben ins eigene Land zu tragen – wie die Attentäter vom Bataclan oder von der London Bridge.

Hass auf Han-Chinesen

Xinjiang, jener autonomen chinesischen Provinz mit gut 23 Millionen Einwohnern, aus der die Attentäter von Kunming stammten, war noch stets ein Pol der Unruhe. Die Region hatte bereits in der Ära der Han-Dynastie vor gut 2.000 Jahren chinesischer Kontrolle unterstanden, entzog sich ihr später jedoch über lange Jahrhunderte. Gegen Ende der 1750er Jahre wurde sie dem Reich der Mitte wiedereingegliedert; der Name, den sie damals erhielt und den sie heute noch trägt, bedeutet »neue Grenze«. Im 19. Jahrhundert, als China von den Kolonialmächten hart attackiert wurde und wirtschaftlich wie auch politisch abstürzte, gelang es zentralasiatischen Warlords zeitweise, Teile Xinjiangs der Herrschaft Beijings zu entreißen. Im 20. Jahrhundert, insbesondere seit den 1920er Jahren, erstarkte dann eine neue politische Kraft, die der Volksrepublik bis heute Probleme schafft: der uigurische Ethnonationalismus. Er basiert zum einen auf der uigurischen Sprache, die der Familie der Turksprachen angehört; entsprechend wird Xinjiang von uigurischen Nationalisten, die die Region chinesischer Kontrolle entreißen und dem türkischen Einflussgebiet eingliedern wollen, vorwiegend »Ostturkestan« genannt. Zum anderen ist der uigurische Nationalismus, wenn auch in durchaus unterschiedlicher Intensität, islamisch geprägt. Als uigurische Separatisten das Gebiet 1933/34 für wenige Monate von China abspalteten, nannten sie das Staatsgebilde, das sie aufbauten, denn auch Islamische Republik Ostturkestan.

Uigurische Nationalisten haben spätestens seit den 1980er Jahren immer wieder mit öffentlichen Protesten, nicht selten auch mit Gewalt für ihre politischen Ziele und gegen den Einfluss Beijings, ja gegen jeden Einfluss der hanchinesischen Mehrheitsbevölkerung gekämpft. 1980 und 1981 beispielsweise fanden in mehreren Städten in Xinjiangs Westen, in Kashgar etwa, Demonstrationen statt, auf denen Uiguren »Vertreibt die Khitays!« oder »Schlagt die Khitays tot!« brüllten; »Khitays« ist ein verächtlicher Ausdruck der Uiguren für Han-Chinesen. Im Verlauf der Proteste wurden Han-Chinesen und ihr Eigentum immer wieder attackiert. »Vertreibt die Han!« skandierten im Juni 1988 Hunderte uigurische Studenten in Xinjiangs Hauptstadt Ürümqi. Die Forderung, Han-Chinesen zum Wegzug aus der Region zu veranlassen oder doch zumindest ihre Zuwanderung zu stoppen, um einer angeblichen »Überfremdung« ein Ende zu setzen, wird noch heute immer wieder gestellt. Oft ist sogar von einem »kulturellen Genozid« an den Uiguren die Rede. Der Dalai Lama, der ebenfalls einen »kulturellen Genozid« beklagt – nämlich in Tibet – und der in mancherlei Hinsicht recht ähnliche Ziele verfolgt wie die uigurischen Nationalisten, hat den zugrundeliegenden Gedanken gelegentlich auf Deutschland übertragen. Im Frühjahr 2016 etwa äußerte er Verständnis für Proteste gegen die Aufnahme von Flüchtlingen in der Bundesrepublik: »Deutschland kann kein arabisches Land werden. Deutschland ist Deutschland.«

Bereits Anfang der 1980er Jahre sind zumindest auf einigen uigurischen Demonstrationen, wie James Millward, ein Historiker von der Washingtoner Georgetown University berichtet, auch Rufe wie »Lang lebe die islamische Republik!« oder »Nieder mit den Ungläubigen!« zu hören gewesen. Das ist insofern alles andere als eine Marginalie, als Xinjiang im Südwesten an Afghanistan grenzt und manche Uiguren in den 1980er Jahren über die Grenze gingen, um sich am Dschihad gegen die sowjetischen Streitkräfte zu beteiligen. Nach dem Abzug der Sowjetarmee blieben manche Uiguren im Land. Ein pensionierter afghanischer General erinnerte sich vor knapp zwei Jahren gegenüber der Nachrichtenagentur Fergana, man habe bis in die Zeit des Taliban-Regimes viele Uiguren unter den ausländischen Milizionären sehen können, die damals in Afghanistan Zuflucht genossen; sie hätten Kampfausbildung in Al-Qaida-Lagern erhalten. Die Verbindungen nach Afghanistan machen klar, weshalb der »Baren-Zwischenfall« von Anfang April 1990 für die chinesischen Behörden alarmierend wirken musste. Damals gingen in Baren, einem Ort im Süden von Kaschgar unweit der Grenze zu Afghanistan, hunderte Uiguren auf die Straße – chinesischen Angaben zufolge bewaffnet und angefeuert von aus Afghanistan zurückgekehrten Islamisten, die, ganz im Hochgefühl des Sieges über die Sowjetarmee, nun zum Dschihad gegen die Volksrepublik aufriefen. Bei den Auseinandersetzungen starben mehr als 20 Menschen.

Kette von Gewalttaten

Die gesamten 1990er Jahre hindurch hat es in Xinjiang teils gewalttätige Unruhen und immer wieder auch Anschläge gegeben, wobei nicht ganz klar ist, welche Anteile jeweils auf das Konto uigurischer Nationalisten respektive uigurischer Dschihadisten gingen – die Grenzen zwischen ihnen sind ohnehin eher fließend. Am 5. Februar 1992 beispielsweise explodierten zwei Bomben in Bussen in Ürümqi; drei Menschen kamen ums Leben, mehr als 20 wurden verletzt. Bis in den Herbst 1993 hinein folgten weitere Bombenanschläge. Sie trafen hanchinesische Unternehmen, Einkaufszentren, Märkte und Hotels in diversen Ortschaften der gesamten Region. 1996 und 1997 rollte die nächste Anschlagswelle. Im Februar 1997 eskalierten gewalttätige Auseinandersetzungen in Yining, einer Großstadt im Nordwesten Xinjiangs; Uiguren steckten Autos in Brand, zerstörten Infrastruktur, griffen nicht nur die Polizei, sondern auch hanchinesische Zivilisten an – es gab erneut Tote. Am 27. Februar 1997 explodierten drei Bomben in Bussen in Ürümqi, töteten neun Menschen und verletzten rund 70 teilweise schwer. 1998 verübten Uiguren Sprengstoffanschläge auf Fabriken sowie eine Pipeline im äußersten Südwesten Xinjiangs; zudem attackierten sie Büros und Wohnungen chinesischer Staatsbeamter mit Bomben.

Allein in der Zeit von 1990 bis 2001 sind durch Gewalttaten uigurischer Terroristen laut einem Überblick, den die chinesischen Behörden im Januar 2002 publizierten, mindestens 162 Menschen getötet sowie 440 verletzt worden. Zu einem großen Teil handelte es sich offenbar um Angriffe, bei denen ein oder zwei Menschen starben – Alltagsterror, begangen womöglich ohne besondere Vorbereitung zum Beispiel mit einem einfachen langen Messer aus der heimischen Küche, Terror, der einen, gehört man zur hanchinesischen Zielgruppe uigurischer Terroristen, jederzeit und überall treffen kann. Zu den Zusammenschlüssen, die die Verantwortung für Terrorakte der 1990er Jahre trugen, gehört die ETIM (»East Turkestan Islamic Movement«). Laut einem Bericht des US-State Department ist sie von Anführern des »Baren-Zwischenfalls« gegründet worden, die nach der Niederschlagung der Unruhen vom April 1990 über die Grenze flohen – in ihrem Fall nicht nach Afghanistan, sondern nach Pakistan. Die ETIM, eine Vereinigung uigurischer Dschihadisten, habe »Training sowie finanzielle Unterstützung von Al-Qaida erhalten«, hielt das US-Außenministerium nach den Anschlägen vom 11. September 2001 fest; die Vereinten Nationen stuften sie offiziell als Terrororganisation ein. Ihr selbst oder ihrem direkten Umfeld entstammten die 22 Uiguren, die die USA ab 2002 im Rahmen ihres »Antiterrorkrieges« in Guantanamo internierten.

Die Rolle des Exils

Der uigurische Terror ist in den 2000er Jahren zwar nicht verebbt, aber doch infolge chinesischer Gegenmaßnahmen zunächst etwas abgeflaut, bis er gegen Ende des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends wieder entbrannte, und das vielleicht sogar heftiger als zuvor. Am 5. Juli 2009 kam es in Xinjiangs Hauptstadt Ürümqi, einer Metropole mit mehr als drei Millionen Einwohnern, zum schlimmsten Pogrom in dem Gebiet seit der Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949. Mindestens eintausend, womöglich sogar mehrere tausend Uiguren griffen zunächst Polizisten, dann wahllos hanchinesische Zivilisten an, hieben mit Stöcken, stachen bald auch mit langen Messern auf nichtsahnende Menschen ein, schnitten Kehlen durch, zogen plündernd und mordend durch die Stadt. Als sie die Blutorgie beendet hatten, lagen 134 Han-Chinesen tot am Boden, weiter 63 Menschen waren ums Leben gekommen. Uigurische Gewalttäter hatten mehr als 250 Fahrzeuge in Brand gesetzt, mehr als 200 Geschäfte han-chinesischer Inhaber zerstört sowie mindestens 14 Wohngebäude attackiert. Manche Berichte vermeldeten weitaus gravierendere Sachschäden. Hätten nicht zahlreiche nicht-nationalistische Uiguren hanchinesische Mitbürger geschützt, dann wären wohl deutlich mehr Opfer zu beklagen gewesen.

Bei dem Pogrom von Ürümqi haben vermutlich auch Kräfte aus der uigurischen Diaspora eine Rolle gespielt. Manche uigurischen Nationalisten, darunter nicht zuletzt einflussreiche Vertreter der Islamischen Republik Ostturkestan von 1933/34, waren nach der Gründung der Volksrepublik ins Exil gegangen. Viele ließen sich in der Türkei nieder, wo bis heute die größte uigurische Community außerhalb Chinas und Zentralasiens lebt. Im Juli 1995 äußerte Istanbuls damaliger Bürgermeister Recep Tayyip Erdogan, als er einen Teil des Parks neben der berühmten Sultan-Ahmet-Moschee nach Isa Yusuf Alptekin benannte, einem in die Türkei ausgewanderten Exfunktionär der Islamischen Republik Ostturkestan: »Ostturkestan ist nicht nur die Heimat der türkischen Völker, sondern auch die Wiege der türkischen Geschichte, Zivilisation und Kultur. Die Märtyrer Ostturkestans sind unsere Märtyrer.« Uigurische Nationalisten werden bis heute immer wieder aus der Türkei unterstützt.

Bezüglich des Pogroms von Urumqi wohl wichtiger gewesen ist laut chinesischen Angaben das uigurische Exil in Deutschland. Es geht in Teilen auf die türkische Arbeitsmigration zurück, in deren Folge auch einige Exiluiguren in die Bundesrepublik kamen. Politisch entscheidend war, dass sich 1971 Isa Yusuf Alptekins Sohn Erkin in München niederließ, um dort für den US-Propagandasender Radio Free Europe/Radio Liberty (RFE/ RL) zu arbeiten. Erkin Alptekin gelang es, die uigurischen Exilanten in der Bundesrepu­blik, aber auch darüber hinaus zu organisieren; zu den Zusammenschlüssen, die er in der bayerischen Landeshauptstadt gründete, zählt der World Uyghur Congress (WUC), der bis heute in der uigurischen Diaspora eine wichtige Rolle spielt. Der WUC, der oft von einer »chinesischen Okkupation Ostturkestans« spricht und damit Chinas territoriale Integrität in Frage stellt, unterhält enge Beziehungen zu teilweise recht einflussreichen Politikern insbesondere in Berlin und in Washington. Chinesische Stellen werfen seinen Aktivisten vor, uigurische Nationalisten in Ürümqi im Frühsommer 2009 über elektronische Medien angestachelt zu haben, jetzt endlich einmal »tapfer zu sein« und »etwas Großes zu tun«. In Beijing wird das – vor dem Hintergrund der damaligen Debatte unter uigurischen Nationalisten – als Gewaltaufruf verstanden, der am 5. Juli 2009 tatsächlich zündete. Der WUC streitet alles ab.

In den Jahren nach dem Pogrom von Ürümqi ist die Zahl der Anschläge uigurischer Terroristen weiter gestiegen. Ausweislich der »Global Terrorism Database«, die die bei Washington gelegene University of Maryland führt, stieg die Zahl der Attentate vor allem ab dem Jahr 2011 erheblich. Ende Juli 2011 etwa kaperten zwei uigurische Dschihadisten in Kaschgar einen Lkw, ermordeten den Fahrer, rasten mit dem Fahrzeug in eine Menschenmenge, sprangen aus dem Wagen und stachen mit Messern auf die schockierten Anwesenden ein. Am folgenden Tag griffen bewaffnete Uiguren ebenfalls in Kaschgar mit Sprengsätzen und anderen Waffen ein vor allem von Han-Chinesen frequentiertes Restaurant an. Insgesamt starben bei den Anschlägen 22 Menschen. Am 28. Februar 2012 griffen mehrere Uiguren mit Messern und Beilen Menschen auf einem Markt bei dem Städtchen Yecheng unweit der Grenze nach Afghanistan an; 13 Zivilisten – fast sämtlich Han-Chinesen – verloren ihr Leben. Am 28. Oktober 2013 fuhren drei Uiguren auf dem Tiananmen-Platz im Zentrum Beijings mit einem SUV in eine Menschenmenge; der Wagen explodierte, außer den Attentätern starben zwei Passanten, 38 wurden verletzt. Als dann am 1. März 2014 acht uigurische Dschihadisten am Bahnhof von Kunming 31 Menschen abschlachteten, stellte der Terrorexperte Rohan Gunaratna von der Nanyang Technological University in Singapur mit Blick auf die Entwicklung in Xinjiang fest: »Ich würde schätzen, dass es in den vergangenen zwölf Monaten mehr als 200 Anschläge gegeben hat, vielleicht sogar mehr.«

Das Massaker von Kunming ist immer wieder als »Chinas 9/11« bezeichnet worden. Zum ersten Mal wurde außerhalb Xinjiangs auf chinesischem Staatsgebiet ein Attentat verübt, das zudem eine große Zahl an Todesopfern forderte. Es werde wohl »einen Einschnitt für Chinas Antiterrorkrieg« hervorrufen, mutmaßte bereits am 4. März 2014 Shannon Tiezzi, die Chefredakteurin des einst in Tokio, heute in Washington herausgegebenen Asien-Fachmagazins The Di­plomat. Und wenngleich uigurische Terroristen in den folgenden Monaten und Jahren noch eine Reihe furchtbarer Mordaktionen verüben konnten – am 28. Juli 2014 etwa töteten mit Messern und Äxten bewaffnete Uiguren bei einem Überfall auf Regierungs- und Polizeigebäude im Kreis Yarkant südwestlich von Kaschgar 37 Zivilisten, am 18. September starben 50 hanchinesische Arbeiter bei einer Attacke von Uiguren auf eine Kohlemine bei Aksu –, bereitete Beijing nun in der Tat langsam, aber sicher eine Wende in seinen Antiterrormaßnahmen gegen uigurische Nationalisten und Dschihadisten vor. Das Resultat sind die zur Zeit weltweit diskutierten und im Westen scharf kritisierten Umerziehungslager.

Attentate außerhalb Chinas

Jedes Bild vom uigurischen Terror bliebe unvollständig, würde man den Blick nur auf die Morde und die Massaker in China richten. Bereits in den 1990er Jahren verübten Uiguren Anschläge auch im Ausland. Im März 1997 etwa wurde das chinesische Generalkonsulat in Istanbul attackiert und dabei laut chinesischen Angaben auch beschossen. Im April 2000 brach aus unklaren Gründen ein Feuer auf einem chinesischen Markt in Kirgistans Hauptstadt Bischkek aus; als im Mai dann eine Delegation aus China anreiste, um den Fall zu untersuchen, wurde sie attackiert – zwei Menschen starben. Die verurteilten Täter waren Uiguren. Diverse weitere Angriffe uigurischer Attentäter auf meist chinesische Ziele außerhalb Chinas sind dokumentiert.

Hinzu kommen umfangreiche Auslandsaktivitäten uigurischer Dschihadisten. Bekanntestes Beispiel ist die Teilnahme von Uiguren am Dschihad in Syrien. Bereits 2013 berichteten syrische Stellen, man verfüge über Informationen, denen zufolge eine mittlere zweistellige Zahl an Uiguren nach Syrien gereist sei, um sich dort dem Krieg gegen die Regierung in Damaskus anzuschließen. In den folgenden Jahren nahm die Zahl zu. Im Jahr 2016 sprachen Beobachter von 2.000 bis 2.500 Uiguren, die – als »Turkistan Islamic Party« (TIP) organisiert – in Idlib an der Seite des Al-Qaida-Ablegers Nusra-Front bzw. von deren Nachfolgeorganisationen kämpften, während 500 bis 1.000 weitere sich dem IS angeschlossen hätten. Freilich handelte es sich um Schätzungen. Einige Beobachter gingen von noch höheren, andere hingegen von niedrigeren Zahlen aus, und es war nicht ganz klar, ob Ehefrauen und Kinder dschihadistischer Kämpfer mitgezählt waren. Dass dabei mehr Uiguren mit der Nusra-Front kooperierten als mit dem IS, ergab sich wohl aus der gemeinsamen Vergangenheit von Al Qaida und einer ganzen Reihe von Uiguren in Afghanistan. Eine stattliche Anzahl uigurischer Dschihadisten kämpft heute noch in Idlib.

In gewissem Umfang sind die Gotteskrieger auch in Südostasien präsent. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es Beijing gelungen ist, die Landrouten über die angrenzenden Länder Zentral-, Süd- und Südostasiens, die Uiguren zuvor für die Reise nach Syrien nutzten, wirkungsvoller als zuvor zu kontrollieren; der gescheiterte Versuch der Attentäter vom 1. März 2014 in Kunming, über die Grenze nach Laos zu gehen, bestätigt dies. Ersatzweise haben sich in den vergangenen Jahren Länder wie Indonesien, Malaysia oder Thailand zu Zwischenstationen für uigurische Dschihadisten auf dem Weg nach Syrien entwickelt. Einige von ihnen sind dort geblieben. So ist etwa die Beteiligung von Uiguren am Kampf der Eastern Indonesia Mujahideen auf Sulawesi belegt; diese wiederum haben sich dem IS angeschlossen. Vieles spricht dafür, dass Uiguren auch in einen Bombenanschlag involviert waren, der am 17. August 2015 Bangkok erschütterte. Dort explodierte an jenem Tag bei einem regelmäßig von chinesischen Touristen besuchten Schrein eine Bombe; 20 Menschen starben, mehr als 120 wurden verletzt.

Zumindest vereinzelt kämpfen Uiguren bis heute auch dort, wo sie in den 1980er Jahren den Dschihad kennen und führen gelernt haben: in Afghanistan. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde das bekannt, als die US-Streitkräfte im Februar 2018 mitteilten, sie hätten Luftangriffe auf Lager der Taliban in Badachschan geflogen, in Afghanistans nordöstlichster Provinz, die auf wenigen Kilometern direkt an China grenzt. Von den dortigen Lagern aus hätten die Taliban nicht nur eigene Angriffe, sondern auch Operationen uigurischer Dschihadisten unterstützt, erklärten die US-Militärs dazu. Uneinigkeit besteht darüber, ob in Badachschan tatsächlich eine so relevante Zahl uigurischer Dschihadisten kämpft, dass US-Strategen schwere Bombardements auf Stellungen ihrer Unterstützer für nötig erachteten, oder ob es sich bei dem Hinweis auf sie nicht eher um ein politisch motiviertes taktisches Manöver – ein Signal an China – oder vielleicht um eine spezifische PR-Maßnahme gehandelt hat, um die Angriffe in der abgelegenen Region zu legitimieren. Wie auch immer: Zumindest einige uigurische Dschihadisten operieren weiterhin in Afghanistan.

Jörg Kronauer schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 13./14. Juli 2019 über Krise und Machtgerangel in der EU.

Debatte

  • Beitrag von josef w. aus H. ( 5. Dezember 2019 um 00:59 Uhr)
    Endlich eine sorgfältige Recherche zum Thema Xinjiang.

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