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Aus: Ausgabe vom 05.12.2019, Seite 10 / Feuilleton
Kino

»Na, siehst du?«

Ausblick aufs 3. Roma-Filmfestival in Berlin
Von Lena Reich
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Männer mit müden, leeren Augen stehen am Straßenrand und warten. Als ein Auto sich im Schrittempo nähert, deutet einer von ihnen, ein Teenager, auf eine Motorsäge in seinem geparkten Wagen und bekommt vom Fahrer 1.000 Dinar für die Zerstückelung von Baumstämmen zu Brennholz angeboten. Umgerechnet sind das gut 16 Euro. Für den jungen Mann und seinen Vater zuwenig, aber sie nehmen den Auftrag notgedrungen an.

Der Dokumentarfilm »Margina« (2015, Regie: Ljupcho Temelkovski) über den Alltag einer mazedonischen Romafamilie kommt ohne Gewaltszenen aus, doch die Mechanismen von Ausbeutung und Rassismus sind in jeder der 82 Minuten zu spüren. Am Sonnabend läuft »Margina« auf dem dritten Roma-Filmfest in Berlin-Kreuzberg. Als einer von 15 Beiträgen über Vertreter der größten ethnische Minderheit Europas, die seit mehr als 600 Jahren systematisch ausgegrenzt wird. Sie sind die Arbeitssklaven des Kontinents, der mit dem Faschismus flirtet.

Eröffnet wird das Festival mit dem Obertitel »Ake Di­khea?« (»Na, siehst du?«) heute, 18 Uhr, mit einem kurzen Trickfilm des Festivalchefs Hamze Bytyci: »Memory Boxes«. Animiert wurden hier Erinnerungen des Floristen Zoni Weisz an den Porajmos (das Verschlingen, wie der Völkermord an den mehr als 500.000 Sinti und Roma auf Romanes genannt wird), von Deportationen Familienangehöriger nach Auschwitz über existentielle Selbstzweifel bis zu seiner Rede im Bundestag 2011, bei der er mahnte: »Die Geschichte wiederholt sich.« Weisz wird bei der Weltpremiere des Films als Ehrengast erwartet.

Zur Heranführung jüngerer Zuschauer an das Thema ist der 17minüter »Mousie« (Regie: David Bartlett, Großbritannien 2019) geeignet, der am Montag gezeigt wird. Im Berlin des Jahres 1936 wird die siebenjährige Romni Helene in einem Varieté-Theater versteckt, denn bis zu den Olympischen Spielen soll die Stadt »zigeunerfrei« sein.

Roma-Filmfestival »Ake Di­khea?«, heute bis Montag, Kino Moviemento, Berlin-Kreuzberg, roma-filmfestival.com

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