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Aus: Ausgabe vom 05.12.2019, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Das beschissenste Chaos

Verflucht seien Trump und der »Brexit«: John le Carrés jüngster Roman »Federball«
Von Dr. Seltsam
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Danke, Prophet le Carré, dass du am Ende deines Lebens ohne Angst versucht hast, uns die Augen zu öffnen

Der englische Krimiautor John le Carré (88) hatte sein Gesamtwerk mit dem Roman »Das Vermächtnis der Spione« (2017) bereits rund gemacht: Der Fall aus »Der Spion, der aus der Kälte kam« (1963) wird darin 50 Jahre später vor Gericht verhandelt, es geht um die Mitverantwortung des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6 am Tod des Titelhelden. In dem Buch bleibt nichts mehr übrig von Glanz und Arroganz der Geheimdienste, nur noch demaskierte Schäbigkeit, Opportunismus und Verrat. Im Herbst hat le Carré jetzt doch noch eine Zugabe zum Lebenswerk herausgebracht. Warum? Aus Wut. »Federball« ist der selten blöde deutsche Titel. In dem Roman wird Badminton gespielt, das ist ja wohl was anderes. Der Originaltitel »Agent Running in the Field« hat Swing und entspricht der inneren Bewegung des Textes.

Der Plot ist ziemlich banal. Ein älterer MI6-Agent landet auf dem Abstellgleis, wird Leiter einer Abteilung »Müllhalde« für abgetakelte Überläufer. Badminton spielt er mit einem jungen Datenanalysten aus den USA, Ed, der später als getäuschter deutscher bzw. russischer Zuträger erscheint und am Ende verschwindet. Edward Snowden lässt grüßen. Diesem Ed legt le Carré Bosheiten gegen den »Brexit« und Donald Trump in den Mund. Sie zu zitieren, »würde diese Zeitung auf die Schwarze Liste der amerikanischen Sicherheitsbehörden bringen«, meinte der Rezensent der Berliner Zeitung. Offenbar sind Eds Schimpftiraden der wahre Anlass des Werks. Le Carré ist dermaßen wütend auf die britische Regierung und Londons City-Banken mit ihren »Bergen schmutzigen Geldes«, dass er einen irischen Pass beantragt hat, um Europäer zu bleiben. Aber nicht, ohne zum Abschied einige weise Flüche im Roman untergebracht zu haben: »Es ist eine Schande, dass alle amerikanischen Attentäter Rechtsex­treme sind. Höchste Zeit, dass die Linke sich mal einen Schützen anschafft!« Oder: »Ich bin der festen Überzeugung, dass Großbritanniens Ausscheiden aus der Europäischen Union zu Zeiten Donald Trumps und die daraus folgende uneingeschränkte Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten – während die USA ungebremst auf einen institutionalisierten Rassismus und Neofaschismus zusteuern – für Großbritannien, für Europa und für die liberale Demokratie auf der ganzen Welt das beschissenste Chaos ist, das man sich nur vorstellen kann.«

Es hängt also alles zusammen. »Nach dem Brexit wird Großbritannien verzweifelt versuchen, den Handel mit den USA auszuweiten.« Die wird Bedingungen stellen, eine »wird eine gemeinsame geheime Operation sein, um Offizielle, Parlamentarier und Meinungsmacher des europäischen Establishments anzuheuern – wobei Bestechung und Erpressung nicht ausgeschlossen sind. Dazu kommt die massive Verbreitung von Fake News, um die bestehenden Differenzen zwischen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union zu verstärken.« Ziel sei die Zerstörung der »sozialdemokratischen Institutionen der Europäischen Union« – was immer das sein soll.

Fest steht: Nur sehr Naive glauben, mit dem »Brexit« wären die politischen Nervereien endlich vorbei. Im Gegenteil werden die Geheimdienste, die US-hörigen Polen und die aus dubiosen Geldquellen gespeisten »Arschlöcher für D.« ihre Angriffe auf die EU kombinieren, um die vorletzte Konkurrenz (eigentlich geht es gegen China) des US-Kapitals zu zersetzen. Danke, Prophet le Carré, dass du am Ende deines Lebens ohne Angst versucht hast, uns die Augen zu öffnen: »Entweder ist Europa am Arsch oder jemand mit Eiern in der Hose findet ein Mittel gegen Trump.«

John le Carré: Federball. Ullstein-Verlag, Berlin 2019, 352 S., 24 Euro

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