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Aus: Ausgabe vom 05.12.2019, Seite 4 / Inland
Militärstützpunkte

Giftspritzer in Uniform

Toxische Löschmittel bei der Bundeswehr: Sachsen-Anhalts Landesregierung kann belastetes Trinkwasser nicht ausschließen
Von Susan Bonath
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Hier kommt zum Glück nur gewöhnliches Wasser zum Einsatz (Alt Jabel, 6.7.2019)

Beim Löschen selbst verursachter Brände hantiert die Bundeswehr auch mit giftigem Schaum. Über Jahre hat sie dadurch zahlreiche Standorte mit wahrscheinlich Krebs erzeugenden »per- und polifluorierenden Chemikalien« (PFC) verseucht. Auch auf den drei Militärstandorten in Sachsen-Anhalt wurden diese Stoffe nachgewiesen. Seit über einem Jahr weiß die Landesregierung davon, wie sie nun auf Anfrage der Landtagsfraktion Die Linke bestätigte. Doch die Gefahrenanalyse lässt auf sich warten, vorsorgliche Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung gibt es nicht. Das ist besonders brisant, weil sich unter dem 232 Quadratkilometer großen Truppenübungsplatz Altmark in der Colbitz-Letzlinger Heide ein großes Trinkwasserreservoir für rund 750.000 Menschen befindet.

Der Umweltskandal war erstmals im April 2019 durch die ARD-Sendung »Report München« öffentlich geworden. Im Juli räumte die Bundesregierung auf eine Anfrage der FDP-Fraktion im Bundestag ein, seit 2012 von den Problemen zu wissen. In Untersuchungen hätten sich 23 Bundeswehrstandorte in Bayern, Baden-Württemberg, Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Hostein und Sachsen-Anhalt als PFC-kontaminiert erwiesen. Dort wurde der Giftstoff im Boden, Oberflächen- und Grundwasser nachgewiesen. Der Schwellenwert für PFC war teils um das 400fache überschritten. Laut »Report München« gelten daneben 108 weitere Militärstandorte als »Verdachtsfälle«.

Die konkreten Auswirkungen der 3.000 Einzelstoffe umfassenden PFC-Gruppe seien »bisher nicht umfassend untersucht worden«, erklärte dazu jetzt Sachsen-Anhalts Landesregierung. Weiter heißt es in ihrer Antwort: »Die Chemikalien gelten als so gut wie nicht abbaubare, sich in Organismen und in der Nahrungskette anreichernde Stoffe mit mäßiger Toxizität.« Langzeitstudien an Tieren begründeten laut Antwort den Verdacht, »dass sie Krebs begünstigen und die Fruchtbarkeit negativ beeinflussen können«. Löschschaum wird von der Bundeswehr eingesetzt, um etwa Treibstoffbrände bei Übungen zu bekämpfen. Ein darin häufig enthaltener Stoff aus der PFC-Gruppe namens PFOS wurde 2006 in der Europäischen Union verboten. Gelöscht werden durfte damit aber bis 2011.

Erst im Oktober 2018, also sechs Jahre nach den ersten Untersuchungen, habe die Landesregierung direkt vom Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr (BAIUD Bw) von der Verseuchung des Truppenübungsplatzes Altengrabow erfahren. Fünf Monate später folgten entsprechende Berichte zu den Militärarealen in Kietz und der Altmark, wie sie mitteilte. Die Dokumente seien auch an die Bodenschutz- und Wasserbehörden der betreffenden Landkreise Börde und Jerichower Land sowie an das Landesverwaltungsamt in Stendal gegangen.

In der Altmark befindet sich demnach eine der kontaminierten Flächen direkt in der Wasserschutzzone. Allerdings könne man nach all den Monaten noch immer »nicht abschließend beurteilen, ob auch das Trinkwasserreservoir gefährdet ist«. Dazu führe die Bundeswehr selbst derzeit Detailuntersuchungen durch, beschwichtigte die Landesregierung und stellte in Aussicht: »Im Ergebnis sind weitere Erkenntnisse zur möglichen Gefährdung des zur Trinkwasserversorgung genutzten Grundwasserstockwerks zu erwarten.«

Mit einer etwaigen Beseitigung PFC-haltiger Löschmittel habe das Land aber nichts zu tun, erklärte die Regierung. Über Sanierungsmaßnahmen hätten allein die kommunalen Bodenschutz- und Wasserbehörden zu entscheiden, jedoch erst »nach abschließender Gefährdungsabschätzung«.

»Diese Inaktivität ist nicht akzeptabel«, kritisierten die Landtagsabgeordneten Kristin Heiß und Wulf Gallert (Die Linke) am Montag in einer Pressemitteilung. Sie forderten die Landesregierung aus CDU, SPD und Bündnis 90/ Die Grünen auf, umgehend alle Unterlagen öffentlich zugänglich zu machen. Ferner seien Gefahren für Mensch, Tier und die Pflanzenwelt umfassend zu untersuchen. PFC-haltiger Löschschaum müsse grundsätzlich vor allem dort verboten werden, wo Trinkwasser gewonnen werde, mahnten Gallert und Heiß. Und falls für Brandbekämpfung PFC-haltige Schäume unverzichtbar seien, müsse der Übungsbetrieb, der vor allem in den letzten Jahren häufig zu Flächenbränden geführt habe, bei Trockenheit eingestellt werden.

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