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Aus: Ausgabe vom 05.12.2019, Seite 2 / Inland
Gewalt in »Verschickungsheimen«

»Wir haben alle gedacht, wir seien Einzelfälle«

Späte Aufarbeitung: Etliche Kinder wurden in »Verschickungsheimen« misshandelt. Betroffene melden sich jetzt zu Wort. Gespräch mit Thomas Harmsen
Interview: Gitta Düperthal
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Öffentlich organisierte Misshandlungen von Kindern in der BRD – bisher ein Tabuthema, die Opfer sind sich selbst überlassen

Jahrzehntelang verbrachte man Kinder in Westdeutschland in sogenannte Verschickungsheime. Viele wurden dort misshandelt und erniedrigt. Sie selbst waren betroffen und forschen heute als Wissenschaftler dazu. Was wurde Kindern damals angetan?

Die erste Verschickung in sogenannte Kinderkuren geschah 1948, die meiner Kenntnis nach letzte 1982. In den 40er und 50er Jahren wurden Kinder in solche Heime verschickt, weil sie sich erholen sollten. In der Nachkriegszeit gab es wenig zu essen, Kinder sollten zunehmen und zu Kräften kommen.

Ab den 50ern bis in die 80er Jahre ging es darum, Kinder zu disziplinieren. Sie galten als böse oder »vom Teufel besessen« – so die katholische Variante. In der Regel gab man aber eine pseudomedizinische Diagnose vor. Der »Klassiker« war Bronchitis. In den »Kuren« wurden Kinder geschlagen und gedemütigt. Es gab Essenszwang: Nahrung wurde in einen hineingestopft, mitunter wurde die Nase zugehalten. Bis zum Erbrechen musste gegessen werden, auch das Erbrochene noch. Nachts durfte man nicht auf die Toilette. Kinder wurden nicht mit dem Namen angesprochen, sondern bekamen Schilder mit Nummern umgehängt. Ich war damals die Nummer 65. Es gab auch sexuelle Übergriffe. In einem Heim auf der Nordseeinsel Borkum mussten Mädchen nackt über den Flur zur Dusche laufen. Das ganze Prozedere war militärisch ausgerichtet: Befehl und Gehorsam. Wenn sich Kinder nachts unterhielten, wurde ihnen angedroht, dass sie in einen Sack gesteckt würden. Einem Mädchen wurde das angetan.

In welchem Alter kamen Kinder in diese Heime?

In meinem Fall war es vor meiner Einschulung, vor 1968. Ich war sechs Jahre alt. Das jüngste Kind war nach meiner Erinnerung zweieinhalb, das älteste zwölf. Die sogenannten Kuren dauerten in der Regel sechs Wochen. Wer nicht zunahm, bekam Verlängerung, bis zu achteinhalb Wochen. Kranke mussten noch länger bleiben. Kinder wurden auch mehrfach »verschickt«.

Welche Motive hatten Eltern, ihre Kinder zu verschicken?

Oft legten ihnen Haus-, Schulärzte oder Gesundheitsämter diese Entscheidung nahe. Am Anfang ging es möglicherweise noch um eine Entlastung für die Familien. Wer in den 50er Jahren in ärmlichen Verhältnissen lebte, konnte so Geld sparen. Eltern wurde geraten, Kindern zuvor besser nichts zu erzählen, sondern sie mit Nummernschild um den Hals am Bahnhof abzustellen. Sie wurden in Sonderzüge gesetzt, ohne zu wissen, wohin es hingeht und wie lange sie bleiben müssen. Fürsorgerinnen des Jugendamtes begleiteten die Fahrten.

Wer arbeitete in diesen Einrichtungen?

Betroffene berichten, dass sie die Zuständigen dort »Tanten« nennen mussten. Es waren fast nur Frauen: unter- oder gar nicht qualifizierte Kräfte, Ordensschwestern, Diakonissen oder Schwesternhelferinnen. Als Ärzte fungierten vermutlich alte Militärärzte aus der Nazizeit.

Waren die Verschickungen ein Massenphänomen?

Ja. Im Jahr 1965 soll es 883.000 Fälle gegeben haben, 1966 nur geringfügig weniger. In den 70er Jahren gab es keine Sozialtickets mehr, da waren es noch etwa 200.000 jährlich. 839 Heime gab es bundesweit, schwerpunktmäßig auf Inseln Schleswig-Holsteins und Niedersachsens, im Harz, Schwarzwald, Teutoburger Wald und in Bayern. Auch in der DDR gab es nach meinen Recherchen zwei Orte: Heidenau und Bad Kösen. Wir haben aber noch nicht alle Berichte auswerten können.

Wie ist zu erklären, dass erst heute das Schweigen über diese schlimmen Vorkommnisse gebrochen wird?

Auf einem Kongress auf Sylt wurde es so diskutiert: Wir haben alle gedacht, wir seien Einzelfälle. Man hatte uns Schuldgefühle eingetrichtert, wir seien böse Kinder und hätten selbst schuld, dass wir so behandelt würden. Also hat keiner darüber geredet.

Welche Ziele hat der von Ihnen mitbegründete Forschungsverein »Aufarbeitung und Erforschung von Kinderverschickung«?

Wir als Betroffene wollen eine seriöse Aufarbeitung: Was ist damals passiert, wer war beteiligt, wer hat wirtschaftlich davon profitiert? Nachfolgeinstitutionen müssen die Verantwortung übernehmen. Es geht unter anderem um die Übernahme von Therapiekosten. Einige Menschen haben danach nie mehr richtig ins Leben zurückfinden können.

Thomas Harmsen ist Sozial- und Erziehungswissenschaftler und selbst Betroffener des Skandals um die sogenannten Kinderkuren

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