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Aus: Ausgabe vom 04.12.2019, Seite 16 / Sport
Boxen

Adonis und das dicke Kind

Anthony Joshua und Andy Ruiz treffen am Sonnabend zum zweiten Mal aufeinander
Von Rouven Ahl
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»Aber er kann boxen«: Andy Ruiz und Anthony Joshua im Juni

Würde man Unbedarften Fotos von Andy Ruiz Jr. und Anthony Joshua mit der Frage vorlegen, wer von den beiden Boxweltmeister im Schwergewicht ist, würden die meisten wohl auf letzteren tippen. Der Brite Joshua ist fast zwei Meter groß. Ein 30jähriger Modellathlet mit strahlendem Lächeln. Typ: Adonis.

Andy Ruiz dagegen misst nur 1,88 Meter, nennt sich selbst ein »kleines dickes Kind« und verdrückt vor Kämpfen gerne mal einen Schokoriegel. Man traut es dem 30jährigen US-Amerikaner mit mexikanischer Abstammung kaum zu – aber er kann boxen. Und wie!

Vor dem ersten Aufeinandertreffen der beiden im Juni galt Ruiz als Pflichtaufgabe. Er war nicht mal die erste Wahl für die Titelverteidigung. Nur weil der eingeplante Kontrahent Jarrell Miller (USA) positiv auf Doping getestet wurde, bekam Ruiz die Chance, im Madison Square Garden (New York) um den Titel zu kämpfen. Er nutzte sie. Bilder seiner Freudensprünge gingen um die Welt, Joshua stand geschlagen in seiner Ecke.

Am kommenden Sonnabend bekommt er nun die Chance, die Titel nach WBA-, WBO- und IBF-Wertung zurückzuerobern. Die Revanche findet in Diriyya statt, einem Vorort der saudiarabischen Hauptstadt Riad. Dort war es am profitabelsten. Für Felix Jakens von Amnesty UK »eine weitere Gelegenheit für die saudischen Herrscher, ihr stark lädiertes Image über den Sport reinzuwaschen«, wie er Sport 1 erklärte.

Ruiz hielt Gerüchten, er würde seinen neuen Reichtum etwas zu sehr genießen, im Telegraph entgegen: »Ich bin immer noch derselbe Andy Ruiz. Ich bin immer noch das gleiche mollige, kleine dicke Kind mit dem großen Traum. Ich bin immer noch diese Person.«

Als Favorit gilt wieder Joshua. Was gab es nach der überraschend deutlichen Niederlage durch technischen K. o. nicht alles für Erklärungsversuche: Von einer Gehirnerschütterung nach dem Sparring war die Rede, dann wieder von einer Panikattacke in der Umkleidekabine. Der Brite steht jedenfalls gewaltig unter Druck, sollte er doch zum Gesicht des Schwergewichtsboxens aufgebaut werden. Kritik an seinen boxerischen Fähigkeiten gab es schon vor der Niederlage. Der legendäre Promoter Bob Arum etwa meint, Joshua werde »völlig überbewertet«. Er erwartet einen erneuten Sieg von Ruiz.

Im ersten Kampf wurden Joshuas Schwächen von Ruiz gnadenlos offengelegt. Trotz seiner Reichweitenvorteile tat sich Joshua schwer, Ruiz mit dem Jab auf Distanz zu halten. Diesem gelang es immer wieder, nah an den größeren Gegner heranzukommen und mit seinen sehr schnellen Händen Treffer zu landen. Das dürfte auch am Sonnabend das Rezept für Ruiz sein, seinen Traum weiterzuleben – den vom dicken Kind, das Weltmeister im Schwergewicht ist.

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