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Aus: Ausgabe vom 04.12.2019, Seite 15 / Antifa
Opfer des Holocaust

Künstler errichten inoffizielle Gedenkstätte

»Zentrum für politische Schönheit« warnt vor Machtübertragung an Faschisten
Von Marc Bebenroth
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Auf einer Tafel stehen die Namen von CDU/CSU-Bundestagsabgeordneten. Sie fordert das ZPS zum Schwur gegen die Zusammenarbeit mit der AfD auf (Berlin, 2.12.2019)

Für die vorübergehende Errichtung einer inoffiziellen, antifaschistischen Gedenkstätte »gegen den Verrat an der Demokratie« vor dem Reichstagsgebäude in Berlin erntete das politische Künstlerkollektiv »Zentrum für politische Schönheit« (ZPS) teilweise scharfe Kritik. Unter anderem von jüdischen Organisationen. Seit Montag morgen steht die Anlage auf dem Gelände der ehemaligen Krolloper, in der die Abgeordneten des Reichstags im März 1933 die Staats- und Regierungsmacht an die Nazis übergeben hatten. In einer ersten Stellungnahme teilte das ZPS per Twitter mit, dass man eine Säule »mit der Asche der Ermordeten Hitlerdeutschlands« errichtet habe.

Das Künstlerkollektiv habe aus Sicht des Präsidenten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Uwe Becker, »jedwede Grenze von Anstand und Respekt« überschritten, wie ihn die Jüdische Allgemeine online am Dienstag zitierte. »Hier werden die Opfer des industriell organisierten Massenmordes als Kunstprodukt missbraucht und in billiger Form instrumentalisiert.« Ähnlich lautende Kritik übte auch das American Jewish Committee am Montag auf Twitter. Bei der Aktion handele es sich »nicht nur« um eine »skandalöse Störung der Totenruhe«. Die Opfer würden zudem »nochmal entwürdigt und entmenschlicht«.

Wie das ZPS vorgegangen ist, erklärt das Kollektiv auf der Internetseite zur Aktion. Demnach befinde sich in der Säule im Zentrum der Gedenkstätte tatsächlich menschliche Asche. Die Gruppe dementiert allerdings, dass es sich dabei um die Überreste Verstorbener aus dem Konzentrationslager Auschwitz handelt. Man habe Tausende historische Quellen ausgewertet und sei Spuren nach Nordhausen, Sobibor, Majdanek, Chelmno, Mauthausen, Belzec, Treblinka, Berdytschiw, Plyskiw gefolgt. Dort sei die Asche der Ermordeten von den Nazis »in Dämmen verbaut, auf Feldern verscharrt und in Flüsse gekippt« worden. Für die jüngste Aktion habe man keine Gräber geschändet, sondern man sei auf »verscharrte Überreste, weggeschwemmte oder sedimentierte angekohlte Glieder, Finger, Hände, Teile von Armen, Beinen und Füßen« gestoßen.

Mit dem Errichten der Gedenkstätte sei die Mahnung verbunden, »nicht mit Faschisten zu paktieren oder zu koalieren, sich nicht von ihnen dulden zu lassen (»Minderheitsregierung«) oder ähnliches«. Auf die – selbst gestellte – Frage, weshalb das Kollektiv den deutschen Konservatismus und die CDU/CSU attackiere, erklärt das ZPS: »Der einzig vorstellbare Weg an die Macht führt für die AfD über die Union.«

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