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Aus: Ausgabe vom 04.12.2019, Seite 11 / Feuilleton
Performance

Wer durch mein Leben will

Masha Qrellas Stück »Woanders« ab heute im Berliner »Hebbel am Ufer«
Von Kristof Schreuf
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»Ich las und dachte: Aha, mein Großvater hat also dazu beigetragen, dass Thomas Brasch die DDR verlassen hat«

Der Dichter Thomas Brasch hat Zeit seines Lebens die Menschen in seiner Umgebung entweder fasziniert oder auf die Palme gebracht. Das zeigte sich schon in der Kadettenschule in Naumburg in den fünfziger Jahren. Nicht Drill und Ordnung galt sein Enthusiasmus, sondern dem Theater. Ein aufmüpfiger Elfjähriger. In dieser Zeit erschien in einer Zeitung auch sein erstes Gedicht.

Sein Journalismusstudium endete in sechziger Jahren abrupt – er hatte über Autoritäten innerhalb und außerhalb der Universität gespottet. Brasch war höchst produktiv, gleichzeitig dermaßen von sich eingenommen, dass Ärger gewissermaßen in der Luft lag, egal, wo er auftauchte. Privat wie beruflich. Etwa an der Volksbühne, wo sein Stück »Seht auf dieses Land« über den Vietnamkrieg prompt verboten wurde. Brasch verteilte Flugblätter gegen den Einmarsch der Sowjetarmee in die Tschechoslowakei 1968 und kam dafür ins Gefängnis. Seine dichterischen Fähigkeiten wurden gemeinhin geschätzt. Offizielle Seiten indes, darunter Braschs Vater, der stellvertretende Kulturminister Horst Brasch, hielten ihn irgendwann für so gefährlich, dass es ihnen lieber gewesen wäre, wenn Brasch das Schreiben ganz gelassen hätte. Weswegen er nach der Haftentlassung auch nicht gleich zurück an den Schreibtisch durfte, sondern in Industriebetrieben Bauteile in Form bringen sollte.

Im Westen ein Star

Mit Anfang 30 ging er dann in den Westen. Die westlichen Medien behandelten ihn wie einen Literaturstar, Brasch lieferte, indem er in Fernsehinterviews aus geheimnisvollen dunklen Augen blickte und mit einnehmender Stimme zu deutsch-deutschen Fragen schön Formuliertes vortrug. Er begann ein Mammutwerk über den Mädchenmörder Karl Brunke, schrieb wohl in dieser Länge vor allem, um es nicht abschließen zu müssen. Währenddessen wurde Brasch zu einem Kauz, der in Berlin wie ein Eremit lebte, bis er 2001 mit 56 Jahren starb.

Die Liebe stirbt

Gut zehn Jahre später las die Berliner Musikerin Masha Qrella »Ab jetzt ist Ruhe«, den Roman von Marion Brasch, der jüngeren Schwester Thomas Braschs, über deren Familie. So erfuhr sie auch Neues über ihren eigenen Großvater Alfred Kurella, einen durchaus machtvollen Kulturfunktionär der SED. »Ich las und dachte: Aha, mein Großvater hat also dazu beigetragen, dass der Schriftsteller Thomas Brasch die DDR verlassen hat.« Dem aufkommenden mulmigen Gefühl begegnete Qrella, indem sie anfing, Braschs Gedichte zu lesen, etwa »Wer durch mein Leben will, muss durch mein Zimmer«. Hier fand sie eine für sie neue Sprache, die ihr indessen vorkam, als hätte sie sie seit langem vermisst: »Und wenn wir nicht am Leben sind / dann sterben wir noch heute. / Die Liebe stirbt, du lebst, mein Kind / die Mädchen werden Bräute. / Ach, wenn ihr mich gestorben habt / lebt ihr mich weiter heute. / Gemeinsam wird 1 Land begrabt / und einsam sind die Leute.« Zu Versen wie diesen hat Qrella federleichte Stücke geschrieben, stilsicher und stilistisch vielfältig, Pop, Bossa nova, Rock, melodiösen Krach.

Das nun im Berliner Theater »Hebbel am Ufer« aufzuführende Stück »Woanders« – ein Cross-over aus Poesie, Musik, Film, Szenographie und Medienkunst – handelt auch davon, dass die Fähigkeit zuzuhören sich bei manchen Menschen als größer erwiesen hat als ihre Bereitschaft dazu: »Braschs Sprache hilft, den Unterschied in der Sozialisation von Westlern, wie ich sie seit den 90er Jahren getroffen habe, und Ostlern zu verdeutlichen. Westler interessierten sich damals zwar für andere, vor allem aber brachten sie eine Erziehung mit, die sie zu jeder Zeit und überall den Schnabel aufreißen ließ, um ihre Geschichte zu erzählen. Die kamen einfach nicht darauf, uns Ostler nach unserer Geschichte zu fragen.«

Schnabel aufreißen

Geschichten wie diese erzählt und spielt Masha Qrella nun gemeinsam mit Gedichten und Texten von Thomas Brasch. Marion Brasch wird kurz mit auf der Bühne stehen, ebenso wie Dirk von Lowtzow und Anderas Spechtl. Spannend wird es auf jeden Fall.

Masha Qrella: »Woanders« – mit Texten von Thomas Brasch; 4. bis 7.12., 20 Uhr, Hebbel am Ufer (HAU), Berlin

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