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Aus: Ausgabe vom 03.12.2019, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Legalisierung von Marihuana

Zwangsläufig Dealer

US-Lebensmittelgewerkschaft fordert bessere Löhne und Arbeitsbedingungen in Cannabisindustrie
Von Gerrit Hoekman
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Im Venice Beach Care Center: Das Marihuanageschäft wurde 2013 von Gewerkschaftsmitgliedern besetzt (Los Angeles, 6.2.2013)

Die Cannabisindustrie boomt wie keine andere in den USA. In zehn Bundesstaaten ist der Handel mit der weichen Droge inzwischen erlaubt. Mit Illinois kommt am 1. Januar 2020 ein elfter hinzu. Das Geschäft mit Marihuana ist eine wahre Goldgrube. Allerdings auf Kosten der Arbeiterrechte, doch das soll sich jetzt ändern.

Die Gewerkschaft United Food and Commercial Workers (UFCW) richtete vergangene Woche einen Rundbrief an die Gouverneure der Bundesstaaten New York, Connecticut, New Jersey, Rhode Island, Pennsylvania und Massachusetts, die in nächster Zeit ebenfalls Cannabis legalisieren wollen. Die Gewerkschaft schlägt darin ein sogenanntes Labor Peace Agreement (LPA) vor, ein Friedensabkommen zwischen Unternehmen und Belegschaft.

In dem LPA sollen überdurchschnittliche Löhne und gute Arbeitsbedingungen festgelegt werden. Und ausdrücklich das Recht, sich in einer Gewerkschaft zu organisieren – keine Selbstverständlichkeit in den USA. Im Gegenzug verzichten die Angestellten für eine bestimmte Zeit darauf zu streiken. In Deutschland nennt man das Tariffrieden. Laut der linksliberalen US-Nachrichtenseite Vox ist diese Strategie in den USA bis jetzt noch selten. Im Frühjahr 2017 setzten die Gewerkschaften sie beim Arbeitskampf der Werftarbeiter an der Westküste ein.

Ein LPA wird nicht für die ganze Branche abgeschlossen, sondern für jeden Betrieb einzeln. Die Gewerkschaft versucht, die Mitglieder auf eine gemeinsame Linie innerhalb der Branche einzuschwören. Das erhöht die Chance auf einen guten Abschluss in allen Betrieben. »Amerikas Cannabisindustrie hat die Kraft, Tausende guter Jobs zu schaffen«, schrieb UFCW-Präsident Marc Perrone in einer Presseerklärung am 25. November, wie auf der Internetseite Marijuana Moment berichtet wurde. »Aber das kann nur durch starke Labor Preace Agreements mit hohen Standards erreicht werden.«

Die sind in der Tat dringend nötig, denn in der Branche herrschen teilweise beängstigende Zustände: Laut Vox vom 14. Oktober erhalten die Beschäftigten oft deutlich weniger als den Mindestlohn. Manche erhalten sogar nur Marihuana anstatt Gehalt. Entweder sie rauchen es selbst und haben kein Geld für Miete und Essen, oder sie verkaufen es weiter und werden zwangsläufig zu Dealern.

Die Gewerkschaft UFCW hat sich vor allem als Vertreterin der Supermarktangestellten einen Namen gemacht. Nach eigenen Angaben ist sie heute mit mehr als 10.000 Mitgliedern aber auch die stärkste Gewerkschaft in der Cannabisindustrie. Das bewies sie zum ersten Mal 2013, als sie bei »Wellness Connection« in Maine einen Streik organisierte. Das Unternehmen verarbeitet Hanf für medizinische Zwecke und hatte dabei Pestizide eingesetzt. Die Belegschaft fürchtete um ihre Gesundheit. Das Unternehmen sanktionierte die Beschäftigten, die am Streik teilnahmen, musste aber am Ende trotzdem einlenken.

Der Organisationsgrad ist allerdings nicht besonders hoch: 2019 arbeiteten 211.000 Menschen Vollzeit in der Branche, stellte ein Bericht des US-amerikanischen Cannabis-Portals Le afly im März fest. Mit den Zuarbeitern sind es sogar fast 300.000. »Amerikas verstecktes Jobwunder«, wurde auf Leafly über die Bedeutung der neuen Sparte geurteilt. Und der Boom geht weiter, denn immer mehr Bundesstaaten wollen auf den Zug aufspringen.

Anfang Oktober einigte sich die Belegschaft des Unternehmens »Medical Marijuana Solutions« in Pennsylvania mit der Geschäftsführung auf ein LPA. Der Betrieb gehört zu »Vireo Health«, einem der größeren Player im Cannabisgeschäft. In dem Abkommen sind unter anderem überdurchschnittliche Löhne mit festgesetzten Gehaltssteigerungen und bezahltem Urlaub vereinbart.

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