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Aus: Ausgabe vom 02.12.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Gegenseitiger Vorteil

Russlands »Kraft« für China

Gasleitung »Sila Sibiri« und mehr: Partnerstaaten starten wichtige Infrastrukturprojekte
Von Reinhard Lauterbach
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Gaspipeline »Sila Sibiri«: Leitungsbau für Anschluss auf chinesischer Seite nahe Heihe (2018)

Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und China werden durch wichtige Infrastrukturprojekte vertieft. Vor wenigen Tagen wurde in der fernöstlichen Stadt Blagoweschtschensk die erste Straßenbrücke über den Grenzfluss Amur in die chinesische Stadt Heihe eröffnet. Schon vor einigen Monaten hatten Russland und China eine zusätzliche Eisenbahnbrücke über den Amur in Betrieb genommen.

Das wichtigste Element dieser intensivierten Kooperation aber ist die inzwischen fertiggestellte Gaspipeline »Sila Sibiri« (Kraft Sibiriens). Das Projekt war 2014 in Angriff genommen worden, als die ersten westlichen Sanktionen gegen Russland verhängt wurden. 2015 begann der Bau der allein auf russischer Seite 3.000 Kilometer langen Gasleitung von Fördergebieten in der Republik Sacha (Jakutien) und im Gebiet Irkutsk zum Amur. Am morgigen Dienstag soll das erste Gas fließen. Auf chinesischer Seite sind bisher gut 700 Kilometer Pipeline quer durch die Provinz Heilongjiang nach Süden in die Provinz Jilin fertig. 2020 soll sie um weitere 1.100 Kilometer bis in die Provinz Hebei verlängert werden, und bis 2024 wird den Plänen zufolge auf chinesischer Seite der Ballungsraum Shanghai erreicht sein.

Die Kapazität von »Sila Sibiri« beträgt einstweilen 38 Milliarden Kubikmeter Gas jährlich. Das ist rund ein Drittel weniger als die der zweiten Röhre der Ostseepipeline »Nord Stream 2«. Von russischer Seite wurde betont, Europa bleibe nach wie vor der wichtigste Absatzmarkt für Gas. Das liegt daran, dass nach wie vor der Großteil der Leitungsinfrastruktur in Richtung Westen führt. Was die Aufnahmefähigkeit Chinas angeht, ergehen sich Experten in Superlativen. Klar scheint, dass mit den 38 Milliarden Kubikmetern das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist, auch wenn der halbstaatliche Monopolist Gasprom unter Preisdruck steht: Wie die Nachrichtenagentur Reuters vorige Woche meldete, soll der Erlös des Konzerns leicht unter dem liegen, was China für Pipelinegas aus Turkmenistan bezahlt, aber deutlich unter dem Preis für Flüssiggas aus anderen Weltregionen.

Experten, die die chinesische Webseite asiatimes.com befragte, wiesen auf einen wichtigen strategischen Vorteil hin, der sich für beide Seiten aus der direkten Nachbarschaft ergebe: Sie bräuchten für den Bau der Infrastruktur und die Lieferung der Rohstoffe keine Zustimmung oder Mitwirkung dritter Parteien. Damit erhöht sich für China die Energiesicherheit im Fall eines Handelskrieges mit den USA. Für Russland bedeutet die Eröffnung der Gasleitung, dass China zum größten Außenhandelspartner des Landes avanciert. Einen Umfang von 87 Milliarden US-Dollar hatte der Warenaustausch zwischen beiden Ländern 2018 und soll in diesem Jahr auf 100 Milliarden wachsen. Bis 2024 wird eine weitere Steigerung auf 200 Milliarden US-Dollar erwartet – wobei dies nur die Größenordnung anzeigt. In der Praxis gehen die Partner dazu über, ihren bilateralen Handel in den eigenen Währungen abzuwickeln.

Die Gaslieferung hat für China auch ökologische Vorteile: Sie erlaubt, die Anlagen der bisher auf Kohleverbrennng beruhenden Industrie des Nordostens auf Gas umzustellen und damit auch den dort ständig auftretenden Smog zumindest zu mindern.

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