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Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
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Man könnte zur Abwechslung auch mal über den Sozialismus sprechen. Bekanntlich gibt es in diesem selten gewordenen Ort kein (oder so gut wie kein) Kapital, noch weniger Kapitalverkehr weshalb es auch nicht lohnt, sich dort Gedanken über die Risiken dieser Bewegungen Gedanken zu machen. Ökonomische Risiken allerdings gibt oder gab es auch im Sozialismus. Arnold Schölzel, glaube ich, war es, der kürzlich geschrieben hat, die DDR sei – wie die anderen sozialistischen Länder Europas – auch aus wirtschaftlichen Gründen zugrunde gegangen. Das heißt nicht, dass das Land in irgendeinem Sinn anno 1989 zahlungsunfähig, also »pleite« war. Das war es nicht. Aber auch ein kapitalistisches Unternehmen kann nach einem Konkurs weitergeführt werden, im positivsten Fall auch von den Arbeitern des Betriebes. Die ökonomischen Probleme der Sowjetunion, der DDR etc. waren schwerwiegender als eine Pleite. Die Konterrevolution war selbstverständlich kein ökonomisches, sondern ein politisches Ereignis. Sie war deshalb erfolgreich, weil der Sozialismus sich in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts den stärksten imperialistischen Staaten als unterlegen erwiesen hatte. Die Produktivität der Arbeit blieb hinter der der am meisten fortgeschrittenen kapitalistischen Länder zurück. Schlimmer noch, der Zuwachs der Produktivität, der in den frühen Jahren des Sozialismus sehr stark und zeitweise weit stärker als im Kapitalismus gewesen war, wurde seit den 60er Jahren geringer und fiel danach hinter den der kapitalistischen Metropolen zurück.

Das Gute an der DDR war, dass es sie gab, und das Schlechte an ihr ist, dass es sie nicht mehr gibt. Ihr Verschwinden ist Resultat einer Niederlage. Es ist auch angesichts der Hetze gegen die DDR richtig und notwendig, auch im Detail immer wieder zu zeigen, dass sie im Vergleich zum kapitalistischen Westen damals, noch mehr aber zu heute die bessere Gesellschaft war. Ebenso wichtig aber wäre es zu zeigen, warum dieses Bessere nicht verteidigt wurde, sondern unterging. Wenn man das unterlässt, bleibt die Erinnerung Nostalgie. Nur eine einigermaßen schlüssige Analyse der politökonomischen Fehler, die zum Untergang führten, macht auch wieder handlungsfähig. Es ist ein Vorwurf an die Marxisten, die die ökonomische Realität der DDR hautnah auch an vorderer Stelle handelnd erlebt haben, dass eine solche Analyse nicht vorliegt und meines begrenzten Wissens nach nicht versucht wurde.

An dieser Stelle sollte nach einem solchen Appell eigentlich ein ausgearbeitetes Forschungsprogramm »Zu den ökonomischen Ursachen für die Niederlage des europäischen Sozialismus« folgen. Leider kann ich damit nicht dienen. Statt dessen hier der Vorschlag, sich zunächst mit der Verlangsamung der wirtschaftlichen Entwicklung ab den 60er Jahren zu befassen. Hierzu eine Leseempfehlung (leider auf Englisch und leider von einem Nichtmarxisten): Robert C. Allen, Farm to Factory, A Reinterpretation of the Soviet Industrial Revolution, Princeton University Press, 2003.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

Debatte

  • Beitrag von David S. aus J. (30. November 2019 um 09:00 Uhr)
    Kann ich nur empfehlen: https://wiki.kommunistische.org/index.php?title=Hauptseite

    Was die Entwicklung ab den 60er Jahren zeigte: Die Vertiefung kapitalistischer Instrumente legte den Grundstein der Zerstörung der sozialistischen Wirtschaft. Antonow hatte gute Ideen, die kapitalistischen Indikatoren Bruttoprodukt, Kosten und Rentabilität durch neue zu ersetzen, um so den gesellschaftlichen Charakter der Produktion zu vertiefen und eine höhere Produktivität zu erreichen. Sein Buch »Für alle und für uns« ist leider nirgends mehr zu beschaffen ...
  • Beitrag von Herbert M. aus L. ( 1. Dezember 2019 um 11:59 Uhr)
    Der Beitrag von Lucas Zeise ist anregend und dennoch etwas einseitig. Ist das wirklich richtig, dass der Sozialismus in der DDR auch in letzter Stunde überhaupt nicht verteidigt wurde? Es hieß zunächst: Verbesserung des Sozialismus, Erhalt der DDR und des Sozialismus. Der konterrevolutionäre Tenor kam direkt auf, als die Losungen laut wurden: »Wir sind ein Volk«, »einig Vaterland« usw. Das heißt nicht, dass die Konterrevolution nicht von Anfang an dabei war, mit beeinflusste und auf ihren Einsatz wartete.

    Ein Gedanke von Ekkehard Lieberam, der im Rahmen einer Diskussion zur »Stabilität politischer Systeme« am 5. Mai 1986 am Institut für Theorie des Staates und des Rechts der Akademie der Wissenschaften der DDR unter Leitung von Uwe-Jens Heuer vertreten wurde, ist hier besonders wichtig: Er lautet, »dass unter sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen politische Stabilität nicht mit Unveränderlichkeit politischer Formen und Inhalte gleichgesetzt werden kann, sondern als Fähigkeit der politischen Macht, die Dynamik gesellschaftlicher Entwicklung zu sichern, begriffen wird«. Bernd Graefrath hat damals ergänzt: »dass politische Stabilität, dann, wenn sie die Dynamik gesellschaftlicher Entwicklung nicht mehr ausreichend bedient, nur noch dem Schein nach besteht.« (U.-J. Heuer, Demokratie-Thesen, 1987, Neue Impulse, S. 67) Diese Dialektik u. a. bewirkte, dass die Frage der Demokratie, die ja überhaupt erst richtig im Sozialismus gestellt werden kann, in ihrer Verselbständigung der »reinen Demokratie« eine Losung zur Auflösung des politischen Systems wurde, die Klassen- und Machtfrage ausblendete.

    Es scheint mir auch reichlich übertrieben, zu behaupten, die DDR-Marxisten hätten sich nun gar nicht um eine Analyse der ökonomischen Probleme bemüht. Arnold Schölzel hat das Thema keineswegs zuerst angesprochen. Allein bei Edition Ost sind etliche Bücher zum Problem erschienen. So gibt es das Buch »Ulbrichts Reformen«. Es gibt die Analysen von Jörg Roesler, die im Papyrossa-Verlag, in der jungen Welt und anderswo erschienen sind, es gibt etliche Veröffentlichungen des Marxistischen Forums, es gibt die Bücher von Siegfried Wenzel, von Klaus Blessing usw. Sie alle sind nicht erschöpfend, aber stützen kaum den Vorwurf von Lucas Zeise. Mag sein, dass die vorliegenden Arbeiten nicht seinen Vorstellungen entsprechen, aber Marxisten aus Ost und West können gemeinsam nachdenken, manchmal haben sie es getan.
  • Beitrag von Jens D. aus C. ( 1. Dezember 2019 um 14:43 Uhr)
    Es wäre angebracht, eine statistische Quelle für die folgende Aussage anzugeben: »Der Zuwachs der Produktivität ... wurde seit den 60er Jahren geringer und fiel danach hinter den der kapitalistischen Metropolen zurück.«

    Im Buch »Die Kombinatsdirektoren – Jetzt reden wir! Was heute aus der DDR-Wirtschaft zu lernen ist« von Rohnstock-Biografien, 2014, S. 175, liest man: »Wenn wir als Schlussfolgerungen für eine neue sozialistische Ordnung weiter davon ausgehen, dass die Arbeitsproduktivität das Aller-, Allerwichtigste ist und dass das kommunistische Ziel – jeder soll nach seinen Bedürfnissen leben – weiter unsere Handlungsmaxime sein soll, werden wir nicht weit kommen. Und wenn wir das, was der Kapitalismus mit seinen Methoden, seiner überbordenden Konsumgesellschaft, macht, nun auch in einen neuen Sozialismus überführen wollten, brauchten wir nicht mehr beginnen, neu anfangen. ... Wir brauchen also neue Denkmodelle und Ansätze.« Im vergangenen zentralistischen Sozialismus war »das Volk« zu weit von den ökonomischen und politischen Entscheidungen entfernt. Es fühlte sich ohnmächtig. Deshalb rief es 1989: »Wir sind das Volk!« »Volkseigentum« war nicht unter der Kontrolle des Volkes, sondern unter der einen kleinen, diktatorischen Klicke. Damit die Produktionsmittel wirklich den arbeitenden Menschen gehören, müssen sie kollaborativ organisiert werden.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Istvan Hidy: Erlebnisanalyse 1. Sie schreiben nicht über Sozialismus, sondern über die DDR, die demokratisch hieß, und über die ehemaligen sowjetischen Sattelitenstaaten, die nie sozialistisch waren. Jedoch schweigen Sie über die...
  • Herbert Münchow: Zum Leserbrief »Analyse längst vorhanden« Alexandra Liebig weicht von Lenins Schrift »Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht« ab. Es war das Anliegen dieser Arbeit, eine »Wende« (die zweite übrigens seit der Machteroberung) im Denken der Part...
  • Alexandra Liebig: Analyse längst vorhanden Die amüsanten Beiträge von Lucas Zeise bereichern die jW. Seiner Glosse in der letzten Wochenendausgabe vom November muss ich allerdings widersprechen. Die DDR war zweifelsohne die bessere Gesellschaf...
  • Reinhard Lauterbach: Adresse der Analyse Die von Lucas Zeise erwähnte Publikation ist übrigens auch online zu finden: https://eastsidemarxism.files.wordpress.com/2017/04/robert-c-allen-farm-to-factory-a-reinterpretation-of-the-soviet-ind...

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