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Aus: Ausgabe vom 26.11.2019, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Gesundheitswesen

Keine Spitzengespräche mehr

Basis macht Druck auf Gewerkschaftsführung. Landesweiter Streik der niederländischen Pflegekräfte
Von Klaas Brinkhof
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Von wegen stiller Protest: Krankenhausbeschäftigte bei Protestzug in Utrecht (20.11.2019)

Am vergangenen Mittwoch legten in den Niederlanden landesweit die Pflegekräfte im Gesundheitswesen für einen Tag die Arbeit nieder. Nach Angaben der Gewerkschaften war es der größte Streik aller Zeiten in diesem Bereich. Wie ihre Kollegen in Deutschland fordern sie Neueinstellungen und höhere Löhne.

Rund 200.000 Beschäftigte in 83 Krankenhäusern, 32 Polikliniken und vier Rehazentren waren aufgerufen, sich am Streik zu beteiligen. Drei Viertel seien dem Aufruf gefolgt, teilten die vier Gewerkschaften mit, die den Ausstand organisiert hatten.

»In einem Krankenhaus geht es natürlich nicht, die Arbeit komplett niederzulegen«, erklärte die größte Gewerkschaft des Landes, der Niederländische Gewerkschaftsbund (FNV), vergangenen Mittwoch. Der Klinikbetrieb wurde entsprechend eines Sonntagsdienstes aufrechterhalten, das heißt, die Notversorgung war sichergestellt. »Das klingt vielleicht milde, aber wir können die Aktionen in Zukunft jederzeit hochfahren«, sagte ein Pfleger aus einem Krankenhaus in Deventer gegenüber der Lokalzeitung De Stentor.

Für niederländische Verhältnisse war es trotzdem fast so etwas wie ein Generalstreik. Das Land liegt in Europa weit hinten, was die Streiktage pro Jahr angeht. Dafür sorgt das sogenannte Poldermodell: Unternehmen und Gewerkschaften setzen sich mit von der Regierung ernannten Vertretern an einen Tisch, bis sie einen Kompromiss gefunden haben. Grundlage dafür ist das in der niederländischen Kultur verankerte Streben nach Konsens.

Im Gesundheitswesen hat das »Polderen« bis jetzt nicht funktioniert. In den sogenannten sozialen Medien wurde in letzter Zeit vonseiten der Basis vermehrt Unzufriedenheit mit den Gewerkschaftsführungen, die bislang nichts erreichten, geäußert. Die Aktionsgruppe »De Witte Woede« (Die weiße Wut) entwickelte sich im Internet zum Sammelbecken der enttäuschten Pflegekräfte. »Das ist ein Clash zwischen dem ›Polder‹ und Twitter«, analysierte der Soziologe Professor Ton Wilthagen von der Universität in Tilburg am 8. November beim NRC Handelsblad. Soll heißen: Die Zeiten, in denen die Gewerkschaften hinter geschlossenen Türen mit den Chefs verhandelten und am Ende ein Ergebnis verkündeten, sind vorbei. Die Werktätigen formulieren in den Netzwerken eigene Forderungen.

Fünf Prozent mehr Gehalt steht ganz oben auf der Liste. Im Moment starten Pflegekräfte ihr Berufsleben mit mindestens 2.144 Euro brutto im Monat. Nach 15 Jahren sind maximal 3.072 Euro drin. Wer noch länger bei der Stange bleibt, kommt am Ende auf 3.490 Euro. Das betrifft laut Gewerkschaftsbund FNV rund 80 Prozent der Angestellten. Der Rest hat spezielle Kenntnisse erworben, zum Beispiel auf dem Gebiet des Diabetes oder in der Intensivmedizin. Diese Spezialisten können bis zu 3.900 Euro verdienen. Wer bereit ist, in der Nacht oder an Wochenenden zu arbeiten, kann im Monat um bis zu 200 Euro aufstocken.

Die Niederländische Vereinigung der Krankenhäuser (NVZ) sieht als Vertreterin der sogenannten Arbeitgeberseite keinen großen Spielraum für Lohnerhöhungen und Neueinstellungen. Das erklärte deren Vorsitzender Ad Melkert am Mittwoch bei Radio 1. Die Politik lege die finanziellen Rahmenbedingungen fest. »Wer darüber geht, bringt Krankenhäuser in Gefahr«, so Melkert. Zuerst müsse sich die Gesellschaft fragen, was ihr eine gute medizinische Versorgung wert ist. Die Politik müsse dann die erforderlichen Mittel zur Verfügung stellen.

Trotz des ernsten Themas war es den niederländischen Medien zufolge ein fröhlicher Streiktag. Im ländlichen Doetinchem brachte das Personal Fensterabzieher mit, auf Niederländisch »Raamtrekker«. Achtung Wortspiel: Mit dem Haushaltsutensil und Hupen in der Hand veranstaltete die Belegschaft einen lauten »Treckerumzug« durch das Hospital – eine kleine Spitze gegen den Protest der Bauern, die vor ein paar Wochen zweimal mit schwerem landwirtschaftlichen Gerät nach Den Haag angereist waren und der Regierung einen gehörigen Schrecken eingejagt hatten. Mit Fensterabziehern anstatt knatternden Traktoren – das veranschaulicht gut, wie schwer es für die eher im Stillen arbeitenden Pflegekräfte ist, sich bei der Politik Gehör zu verschaffen.

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