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Aus: Ausgabe vom 26.11.2019, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Bruch mit gesättigter Sprache

In ihrem aktuellen Buch geht es um austauschbare Städte: Der österreichischen Schriftstellerin und Kommunistin Waltraud Seidlhofer zum 80.
Von Florian Neuner
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»oft ueberstuerzen sich die bilder derart, dass man nicht mehr die moeglichkeit hat, sie zuzuordnen« – im aktuellen Buch von Waltraud Seidlhofer geht es hin und wieder auch um Chicago

Im Vergleich zu dem Prosaband, den Waltraud Seidlhofer zu ihrem heutigen 80. Geburtstag vorgelegt hat, sehen die biederen Romane der meisten jüngeren Autoren ganz schön alt aus. Die im oberösterreichischen Thalheim bei Wels lebende Autorin setzt sich in »wie ein fliessen die stadt« mit der Stadtentwicklung im globalen Kapitalismus auseinander, mit Daten- und Menschenströmen und drohenden ökologischen Katastrophen. Auch hier begegnen uns wieder die für Seidlhofer typische nüchterne, protokollartige Sprache, ihre exakten Beschreibungen, die freilich auch unversehens in Traumbilder übergehen können. Diese Prosa fließt ruhig dahin, geduldig werden immer wieder neue Varianten und Denkmöglichkeiten durchgespielt. Fiktion bedeutet für Seidlhofer nicht, der Komplexität heutigen Lebens mit abgegriffenen Erzählmustern hinterherzuhecheln, sondern literarisch auf Simulationen und virtuelle Realität zu reagieren: »vorstellungen und visionen, realitaet und virtualitaet gehen oft so ineinander ueber, dass loesungen fuer probleme gefunden werden, dass sich ideen anbieten, die ohne dieses ineinandergreifen von raum und zeit nicht aufgetreten waeren.«

Als Seidlhofer 1976 im legendären Linzer Avantgardeverlag »edition neue texte« ihre »fassadentexte« herausbrachte, sprach Verleger Heimrad Bäcker in seinem Nachwort von einem »bruch mit der schönen literatur aus reicher, gesättigter sprache«. Die Sprache werde als »entlaugte, undingliche sprache eines augenscheinlich ausgemergelten subjekts sichtbar«. Damit ist auch die politische Lesart angedeutet: Das Subjekt ist von als bedrohlich empfundenen Fassaden umgeben, gegen das es nur seine Sprache, das Gespräch über diese Fassaden setzen kann. Johannes Gruber sieht in den »fassadentexten« gar Potential für eine politische Alphabetisierung, »indem das ästhetische Bewusstsein als Analyse- und Widerstandsinstrument ausgebildet wird«. Als das Buch erschien, fand nicht nur die avancierte Literatur größere Beachtung als heute, für Seidlhofer stand diese Literatur auch in einem direkten Zusammenhang mit gesellschaftsverändernden Utopien. Denn wie sollte eine Gesellschaft sich neu erfinden können, wenn dafür keine neue Sprache, keine neuen Bilder zur Verfügung stehen? In einem Interview sagte sie später: »Es geht schon darum, das eine oder andere Wort für eine andere Sprache zu finden. (…) Diese abgenützten Begriffe kleben so an den Dingen, dass es sehr schwierig ist, Brüche herbeizuführen. Eine neue Sprache – das ist sicher nach wie vor utopisch.«

Floskeln und Konventionen zu misstrauen, das ist bei Seidlhofer, die von der experimentellen Literatur, etwa der Wiener Gruppe, ebenso Anregungen empfing wie vom Nouveau Roman in Frankreich, immer auch ein Ausdruck politischer Wachsamkeit. In Linz, wo sie seit 1958 den Brotberuf einer Bibliothekarin ausübte, formierte sich in den 60er Jahren eine Szene, der Künstler wie Josef Bauer und Waltraud Cooper und Autoren wie Karl Wiesinger oder Franz Kain, der später für die KPÖ im Linzer Gemeinderat saß, angehörten. Seidlhofer nahm an den »Jugendkulturwochen« in Innsbruck teil, wo sich Österreichs junge, progressive Künstler trafen. Die kurze Ehe mit dem Komponisten Günter Kahowez führte sie auch zu den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik. 1968 knüpfte sie Kontakte zu Künstlern und Autoren im tschechischen Pilsen. Das bereits weit gediehene Vorhaben, in einem tschechischen Verlag eine Anthologie mit österreichischer Gegenwartsliteratur herauszubringen, zerschlug sich; die Freundschaften blieben. 1969 wurde Seidlhofer Mitglied der Linzer Künstlervereinigung Maerz, in der sich die Avantgarde organisierte.

Ihre »Wiener Vorlesungen zur Literatur« stellte Waltraud Seidlhofer 1989 unter das Motto »Physik, Geometrie und Literatur. Spuren von Berührung« und wendete sich darin gegen den postmodernen »Rückzug auf das eigene Ich« und die »Rückwendung in die Vergangenheit«, eine »Literatur zur neuen Situation des Menschen« könne nur vor dem Hintergrund einer Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlicher Theoriebildung entstehen. Mit ihrem zweiten Mann, dem 2016 verstorbenen Lyriker Gregor M. Lepka, lebte sie eine Partnerschaft, die den ästhetisch höchst unterschiedlichen Positionen die nötigen Freiräume ließ. Politisch waren sie sich allerdings meist einig, so auch in ihrem langjährigen Engagement für die KPÖ. Einmal brachten sie auch ein gemeinsames Buch heraus. In »Danu/Donau. Eine Reise« (2012) verarbeiten sie aus ihren jeweiligen Perspektiven eine Donaukreuzfahrt – Lepka in lapidaren Gedichten, Seidlhofer in präziser Prosa. Die seit den 70er Jahren publizierten Bücher Seidlhofers sind auf viele Kleinverlage verteilt; Lyrik und Prosa entstanden über die Jahre immer parallel. Auch wenn es an offizieller Anerkennung nicht mangelt – so erhielt sie etwa 2014 den Georg-Trakl-Preis –, würde man Waltraud Seidlhofer noch viel mehr Leser wünschen. Barrieren wie hermetische Verrätselung oder formale Kompliziertheit stünden dem jedenfalls nicht entgegen.

Zurück zum neuen Buch: Anders als in »Wellington oder der private Versuch, eine vorübergehende Gegenwart zu beschreiben« (2002) oder »Singapur oder der Lauf der Dinge« (2012) werden in »wie ein fliessen die stadt« Bilder verschiedener Städte übereinandergeblendet. Die Megacities mit ihren Wolkenkratzern und Slums sind austauschbar geworden. Anonym bleibt auch der Protagonist oder die Protagonistin als Nomadin, die als Architektin oder Stadtplanerin von Hotel zu Hotel reist: »bilder setzen sich im kopf fest, entstehen im hirn: man sieht die anderen staedte, andere wege und strassen, sieht fluesse und meere. oft ueberstuerzen sich die bilder derart, dass man nicht mehr die moeglichkeit hat, sie zuzuordnen«.

Waltraud Seidlhofer: wie ein fliessen die stadt. Klever Verlag, Wien 2019, 150 Seiten, 18 Euro

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