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Aus: Ausgabe vom 25.11.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Infrastruktur

Katastrophe einkalkuliert

Betreiberfirma wusste seit 2014 von Einsturzgefahr der Morandi-Brücke in Genua
Von Gerhard Feldbauer
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Bereits 2009 wurde der Abbruch der Morandi-Brücke in Genua erwogen

Enthüllungen der römischen Tageszeitung La Repubblica vom Mittwoch zufolge wusste die Betreiberfirma der 2018 eingestürzten Morandi-Autobahnbrücke, »Autostrade per l’Italia«, ein Tochterunternehmen des Infrastrukturkonzerns Atlantia, bereits Jahre zuvor um die Bedrohung. Demnach wurde Atlantia 2014 durch die firmeneigene Überwachungs- und Wartungsgesellschaft Spea über die Einsturzgefahr unterrichtet. Entsprechende Dokumente fand die Finanzbehörde Guar­dia di Finanza auf den Computern des Unternehmens. Erforderliche Reparaturen seien jedoch »aus Kostengründen« verschoben worden, so das Blatt. Atlantia habe auf Grundlage der Informationen lediglich die Versicherungspolice erhöht. Zudem seien die Spea-Ingenieure dazu gedrängt worden, nicht länger wegen des Zustands der Brücke »Alarm zu schlagen«. 2017 sei dann nur noch ein »Risiko des Verlusts der Stabilität« erwähnt worden.

Bei dem Einsturz der Brücke in der italienischen Hafenstadt Genua im August 2018 waren 30 Fahrzeuge in die Tiefe gestürzt. 43 Menschen kamen ums Leben. Bekannt wurde der schlechte Zustand der 1967 fertiggestellten Brücke sogar noch früher. So wurde in einem von La Repubblica veröffentlichten Gutachten von 2009 ein »Abbruch« erwogen. Darin hieß es, der Verkehr über die Brücke habe sich in den zurückliegenden 30 Jahren vervierfacht. Der Abbruch wurde von der damaligen Regierung Silvio Berlusconis auf Betreiben des Koalitionspartners Lega Nord jedoch verhindert.

Die Staatsanwaltschaft in Rom ermittelt wegen des Brückeneinsturzes gegen 73 Personen, darunter die Führungsmannschaft von Atlantia. Den meisten Beschuldigten wird fahrlässige Tötung vorgeworfen. Atlantia droht der Entzug der Betreiberlizenz. Laut dem Wirtschaftsnachrichtendienst Bloomberg hat der Skandal für den Konzern bereits Kursverluste im Wert von zwei Milliarden US-Dollar nach sich gezogen.

Insgesamt betreibt Autostrade in Italien 3.100 Autobahnkilometer mit 262 Mautstellen. Das Unternehmen kassiert rund 56 Prozent der Gebühren. Auf den Strecken legen jährlich rund 750 Millionen Fahrzeuge 45 Milliarden Kilometer zurück. Der Mutterkonzern Atlantia betreibt außerdem Straßen in Brasilien, Chile, Indien und Polen sowie Flughäfen in Frankreich und über eine Tochtergesellschaft in Italien. 1999 wurde das Unternehmen vollständig privatisiert. Wichtigster Aktionär ist die Benetton Group mit Sitz in der norditalienischen Provinz Treviso. Benetton wiederum ist eng mit der Lega verbandelt. Der Konzern verhalf etwa dem Lega-Politiker Luca Zaia 2015 mit Publicity und Finanzmitteln des hauseigenen Thinktanks Fabrica zur Wiederwahl als Präsident Venetiens.

Zur Zeit des Brückeneinsturzes war die Lega als Koalitionspartner der »Fünf-Sterne-Bewegung« (M5S) an der Regierung. Die von Ministerpräsident Giuseppe Conte angekündigte umfassende Untersuchung verlief im Sand. Eine Entscheidung, die Brücke nicht wieder aufzubauen, wurde rasch gekippt. Heute hat die mit der sozialdemokratischen Partido Democratico regierende M5S offenbar das Bedürfnis, besonders scharf gegen den »Benetton-Clan« vorzugehen. Es sei Zeit, »basta zu sagen«, verlautbarte Parteichef Luigi Di Maio. Besondere Brisanz für die aktuelle Regierung hat das Thema auch, weil Atlantia laut der Nachrichtenagentur ANSA zu den Bewerbern zählt, die ein Konsortium zur Übernahme der insolventen Fluggesellschaft Alitalia bilden wollen.

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