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Aus: Ausgabe vom 23.11.2019, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Pancakes mit Ahornsirup

Von Maxi Wunder

»Nimmst du Zucker?« Ein Hauch von Todesverachtung liegt in Babettes Stimme, während sie mir eine Tasse Kaffee hinstellt. Sie kämpft mit ihren Pfunden. In der Küche sind auf einem Regal teuer aussehende Kartons aus dem Reformhaus aneinandergereiht. »Das ist Stevia, das Birkenzucker, das Kokosblütenzucker, das Sucolin – alles Zuckeralternativen«, sinniert sie. »Ich springe so lange rüber zum Bäcker und hol’ uns zwei Stück Kuchen«, rufe ich munter. »Nein!!!« herrscht sie mich an. »Bist du verrückt? Die backen mit Industriezucker – reines Gift, die Frucht vom verbotenen Baum, die Versuchung schlechthin, eine Droge! Als Eva das gefressen hat im Garten Eden, sah sie an sich herunter und schämte sich! Rate mal warum? Weil sie fett geworden ist!« »Ist ja gut«, beruhige ich sie und fürchte, dass das Gespräch wieder bei Adam und Eva endet.

Bevor Babette Berufsschullehrerin für Volkswirtschaft wurde, studierte sie in der DDR Theologie, kam aber über das dritte Kapitel des ersten Buchs Mose nicht hinaus. Zu viele Interpretationsmöglichkeiten eröffneten sich für Sündenfall und Paradiesrausschmiss: Erst war die verbotene Frucht der Kapitalismus, dann ihre Ehe, und jetzt ist es der Zucker. Ich versuche abzulenken: »Sag mal, wie war das nochmal mit dem tendenziellen Fall der Durchfallprofitrate oder wie das heißt? Ich muss was darüber schreiben.« (Gelogen!) Aber es nützt nichts, Babette wischt meine Frage mit einem charmanten: »Das kapieren kleine Westdummerchen sowieso nicht!« vom Tisch und holzt weiter gegen die mafiöse Zuckerindustrie. Etwas angesäuert forsche ich in ihrem prall gefüllten Kühlschrank nach Kaffeesahne und finde Erstaunliches. »Kanada hat dich offenbar kulinarisch inspiriert«, zicke ich triumphierend zurück. »Neben sechs Pfund Butter zähle ich acht Flaschen Ahornsirup, Qualitätsgrad AA. Das heißt sicher, dass man davon gut auf Toilette kann, nicht wahr, Babette?« Ha, das hat gesessen, denke ich, aber von wegen: »Ach was, Kanada war herrlich! Kein Waldbrand, kein Bürgerkrieg und seit Zündels Abschiebung 2005 kein deutscher Faschismus. Aber ein Hammerfrühstück! Komm, ich mach uns ›Pancake with Maple Syrup‹, o. k.?« So stopft die einem das Maul:

250 g Mehl, zwei TL Backpulver, einen TL Natron, einen TL Zuckeralternative und 1/2 TL Salz vermischen. Zwei Eigelb, etwas Butter und 250 g Buttermilch unterrühren. Die Eiweiße steif schlagen und den Schnee locker unterheben. In einer Pfanne etwa 2 EL Butter zerlassen und darin bei mittlerer Hitze kleine runde Pfannkuchen backen. Bei Bedarf die Pfanne etwas nachfetten. Fertige Pfannkuchen mit Küchenpapier entfetten und bei etwa 175 Grad im Backofen warmstellen. Derweil die Äpfel waschen, vierteln, entkernen und in Spalten schneiden. Diese in etwas Butter andünsten. Die Pfannkuchen mit den Äpfeln auf die Teller verteilen, mit Ahornsirup beträufeln und mit Johannisbeeren garnieren.

Nach dem Kaffeeklatsch bestehe ich aus Gründen der Ehrenrettung auf Nachhilfeunterricht in Sachen Profitrate. Babette satt und cool: »Bitte schön.« Auf meiner Serviette steht:

»p = m / (c + v)« … Sonnenklar! Wa­rum hat sie das nicht gleich gesagt?

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