Gegründet 1947 Freitag, 6. Dezember 2019, Nr. 284
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 21.11.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Selbstporträt mit Wolken

»Swimmingpool am Golan«, ein Dokumentarfilm der Schauspielerin Esther Zimmering über sich und ihre Familie
Von Cristina Fischer
Ausweis von Großmutter Lizzi „Sara“ Meyer, 1939, Berlin
Der Ausweis von Großmutter Lizzi »Sara« Meyer, ausgestellt 1939, Berlin

»Der größte Teil meiner Familie wurde in Auschwitz, Riga und Theresienstadt ermordet. Die beiden einzigen Überlebenden, Lizzi und Lore, bauten nach dem Holocaust in zwei weit voneinander entfernten Weltregionen ihr neues Leben auf. Sie heirateten politisch engagierte Männer, gründeten Familien und halfen beim Aufbau ihrer jeweiligen Heimatländer. Es war die Zeit des Kalten Krieges. Die Cousinen standen plötzlich jeweils auf der anderen Seite der Mauer zweier verfeindeter Systeme. Über das Wunder des Überlebens und die Grausamkeit des Erlebten haben meine Großeltern sehr wenig erzählt – und ihre Kinder haben nicht danach gefragt. Es ist ein bekanntes Phänomen, dass erst die Enkelgeneration Fragen nach der Vergangenheit stellt. Ich bin die Enkelgeneration. Und ich stelle allen drei Generationen Fragen.« So erklärte die Schauspielerin Esther Zimmering ihren ersten Dokumentarfilm, an dem sie viele Jahre gearbeitet hat.

Dabei wurde sie vor allem von der Frage nach der eigenen Identität bewegt. In ihrer Familie spielte das Judentum keine Rolle, und als einem Arzt der Militäraufklärung der NVA war es Esthers Vater verboten, Westkontakte zu unterhalten, somit auch Kontakte nach Israel, wo die Cousine seiner Mutter lebte.

Eine sehr umfangreiche Familiengeschichte wäre zu erzählen gewesen, eine politische noch dazu. Max, Siegfried (Fred) und Josef Zimmering waren Kinder des jüdischen Uhrmachers Adolf Zimmering und seiner Frau Cejta, die aus Horodenka (Galizien) stammten. Cousins und Cousinen der drei Zimmering-Brüder waren die antifaschistischen Widerstandskämpfer Hans und Max Dankner, die Grafikerin und Malerin Lea Grundig und der kommunistische Funktionär Bruno Goldhammer. Seit 1915 lebte die Familie in Dresden; die Brüder gehörten zunächst dem Wanderbund Blau-Weiß und dem Pfadfinderbund Kadimah an, traten Ende der 20er Jahre dem Kommunistischen Jugendverband und der KPD bei. Max Zimmering, später ein bekannter Dichter, wurde Mitglied des »Bundes Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller«. Die Brüder beteiligten sich 1933 am antifaschistischen Widerstand in Dresden und mussten wegen drohender Verhaftung fliehen. Sie gelangten über Frankreich bzw. Palästina und die Tschechoslowakei nach Großbritannien, wurden dort nach Kriegsbeginn als »feindliche Ausländer« interniert und nach Australien bzw. Kanada deportiert. Nach dem Krieg kehrten alle drei nach Deutschland zurück und lebten dann in der DDR. Sie engagierten sich bei der Gründung der »Freien Deutschen Jugend« und im »Freien Deutschen Kulturbund«.

Esthers Großvater Josef, 1911 in Pirna geboren, war der jüngste der Brüder. Seine Frau Lizzi lernte er in England kennen, wo sie ebenfalls als jüdische Emigrantin lebte und zunächst mit dem kommunistischen Funktionär Herbert Ansbach verheiratet war.

Josef Zimmering wurde nach dem Krieg Funktionär der SED und des Deutschen Roten Kreuzes. Von 1955 bis 1959 war er Ständiger Vertreter der DDR bei der UN-Wirtschaftskommission für Europa (ECE) in Genf. Ein selbstverschuldeter tragischer Autounfall warf ihn aus der Bahn und beendete das Leben seiner schönen und eleganten Frau. Zuletzt arbeitete er als Übersetzer. Er starb 1995.

Wie Esthers Großmutter Lizzi wurde auch deren Cousine und gute Freundin Lore Sieskind 1920 in Berlin geboren, sie begeisterte sich weniger für den Kommunismus als für den Zionismus, emigrierte in die Niederlande und schloss sich dort dem Widerstand an. Später heiratete sie Max Zimels, einen führenden Mitarbeiter der Kadimah. Er hatte 1938/39 in Deutschland als Gesandter für die Jewish Agency bei der großangelegten Auswanderung von Juden nach Palästina geholfen. Lore und Max beteiligten sich an der Gründung des Staates Israel und lebten im Kibbuz Kfar Szold nahe dem Golan. Auch dort spielten sozialistische Ideen eine große Rolle, waren aber zu der Zeit, als Esther Anfang der 90er Jahre erstmals nach Israel reisen konnte, bereits im Niedergang begriffen.

Wie gesagt, eine politisch brisante und spannende Geschichte – die im Dokumentarfilm aber nur angedeutet und kaum hinterfragt wird. Der Film basiert ganz und gar auf der persönlichen Befindlichkeit der Autorin und Regisseurin. Sie interviewt alle Familienmitglieder, derer sie habhaft werden kann – doch ihre Mutter, die Politikwissenschaftlerin Raina Zimmering, darf lediglich erzählen, wie sie ihren Mann kennenlernte (ihre Schwägerin scheint im Film immer noch nicht verwunden zu haben, dass ihr Bruder keine Jüdin geheiratet hat). Der Vater immerhin müht sich so redlich wie vergeblich, mit manchmal leicht ironischer Miene ein paar aufklärerische Gedanken in diesen Film seiner geliebten Tochter hineinzutragen, auch wenn er als leibhaftiger Vertreter der NVA aktuell politisch nicht gerade gute Karten hat und das auch weiß.

Ausgiebig wird solcherart Familienforschung betrieben. Über die DDR und Israel werden mehr Klischees als Fakten eingestreut. Zuletzt hebt der Film völlig in die Gefilde der Poesie ab. Im Zeitraffer wird beschrieben, wie die Autorin, die aufgrund ihrer Beobachtungen beschlossen hat, in ihrer deutschen Heimat zu bleiben und sich politisch zu engagieren, afrikanische Flüchtlinge kennenlernt, wie sie heiratet, eine Familie gründet und ein Baby bekommt. Ich glaubte mich in ein Märchen von Hans Christian Andersen versetzt: »Er stand ganz nah bei der Hirtin; sie waren beide hingestellt, wo sie standen; da sie nun aber einmal hingestellt waren, so hatten sie sich verlobt. Sie passten ja zu einander; sie waren junge Leute, sie waren von demselben Porzellan, und beide waren gleich zerbrechlich.« (»Die Hirtin und der Schornsteinfeger«)

Nachdem das Baby in Israel herumgezeigt und spazieren gefahren wurde, wölbt sich über dem gleißenden Salzmeer ein dunstig blauer Himmel mit blassweißen Wolkenstreifen und erstarrt zum Standbild des Abspanns.

»Swimmingpool am Golan«, Regie: Esther Zimmering, D 2018, 88 min, ­Kinostart: heute

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Feuilleton