Gegründet 1947 Sa. / So., 14. / 15. Dezember 2019, Nr. 291
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 19.11.2019, Seite 7 / Ausland
Großbritannien

Mächtige Parallelgesellschaft

Großbritanniens Prinz Andrew gibt Interview zu Anschuldigungen im Fall Epstein
Von Christian Bunke, Manchester
RTX70IAM.jpg
Little St. James Island, eine der Privatinseln von Jeffrey Epstein in der Karibik

Am vergangenen Sonntag hat sich Prinz Andrew, Sohn Ihrer Majestät der Königin Elisabeth II., einem Kamerateam der BBC gestellt, um über sein Verhältnis zu dem US-amerikanischen Banker und verurteilten Pädophilen Jeffrey Ep­stein zu reden. Es wurde eine sehr »unschöne Angelegenheit«, wie man in Kreisen der superreichen britischen Parallelgesellschaft zu sagen pflegt.

Um die Bedeutung dieses Interviews zu verstehen, müssen zunächst ein paar Worte über Epstein verloren werden. Der verstarb am 10. August 2019 in einem New Yorker Gefängnis, wo er in Untersuchungshaft saß. Ihm wurde vorgeworfen, gemeinsam mit seiner Partnerin Ghislaine Maxwell, Tochter des britischen Medientycoons Robert Maxwell, Menschenhandel mit minderjährigen Mädchen betrieben zu haben. Im Rahmen der Ermittlungen sind in den vergangenen Monaten immer wieder berühmte Namen genannt worden, darunter der des ehemaligen US-Präsidenten William »Bill« Clinton sowie Donald Trump und eben auch Prinz Andrew.

Es ist also nicht verwunderlich, dass die Anwälte Epsteins nach dessen plötzlichem Tod misstrauisch reagierten, als ein New Yorker Krankenhaus Selbstmord durch Erhängen als Todesursache angab. Tatsächlich existiert eine Reihe seltsamer Begleitumstände. Kurz vor dem Tod Epsteins wurde dessen Zellengenosse verlegt. Die beiden Schließer, die auf Epstein hätten aufpassen sollen, wollen zum fraglichen Todeszeitpunkt geschlafen haben. Die beiden Sicherheitskameras vor seiner Zelle waren defekt. Im Ergebnis der von Epsteins Anwälten in Auftrag gegebenen Obduktion wird ein Selbstmord als Todesursache angezweifelt und von »Mord durch Erhängen« gesprochen.

Epstein hatte zuvor schon 18 Monate wegen Geschlechtsverkehrs mit Minderjährigen im Gefängnis verbracht. Hier beginnen die gegenwärtigen Probleme von Prinz Andrew. Kurz nach dessen Freilassung im Jahr 2010 besuchte er Epstein, mit ihm und dessen Lebensgefährtin Maxwell war er lange befreundet, in seiner New Yorker Villa. Nun wird auch Prinz Andrew beschuldigt, sich an mindestens einer Minderjährigen auf von Epstein organisierten Partys vergangen zu haben. Die betroffene Frau soll dafür eigens im Privatjet nach London geflogen worden sein.

Der Prinz will von alldem nichts wissen und bestellte deshalb das Team des BBC-Nachrichtenmagazins »Newsnight« in den Buckingham Palace, damit er dort im Rahmen einer Audienz über seine Sicht der Dinge sprechen konnte. Für Männer sei Sex eine positive Angelegenheit, so Andrew: »Es ist sehr schwierig, sich an so ein positives Erlebnis nicht zu erinnern. Und ich erinnere mich an nichts.« Überhaupt habe er ein Alibi: Zum Zeitpunkt der ihm angelasteten Party im Haus von Ghislaine Maxwell sei er mit seiner Tochter in einem Schnellrestaurant in der Stadt Woking in der Grafschaft Surrey gewesen.

Nun hat Andrew aber diverse Feste mit Epstein gefeiert, wofür er viel Zeit hatte – schließlich war er der britische Handelsbotschafter in den USA. Auf die Frage, ob dem Prinzen bei diesen Festen irgend etwas komisch vorgekommen sei, antwortete dieser, die jungen Mädchen seien ihm nicht aufgefallen. Als Mitglied der »königlichen Familie« sei er es gewohnt, dass »Mitglieder des Hauspersonals die ganze Zeit überall herumlaufen«. Allerdings sei ihm die Villa Epsteins schon vorgekommen »wie ein Bahnhof. Die ganze Zeit über sind Menschen hinein- und hinausgegangen«.

In Großbritannien kommen nun Erinnerungen an andere Skandale hoch, welche immer noch nicht adäquat aufgearbeitet worden sind. An erster Stelle steht hier der 2011 verstorbene BBC-DJ und Showmoderator Jimmy Savile, der über Jahrzehnte Dutzende Minderjährige sexuell missbrauchte. Savile kam damit auch deshalb durch, weil er führende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, darunter Premierministerin Margaret Thatcher und die britische Königin Elisabeth II., zu seinen persönlichen Freunden zählte. Über die Savile-Affäre redet in Großbritannien seit Jahren keiner mehr. Doch jetzt wühlt Prinz Andrew wieder auf, was sich die Mächtigen des Landes alles leisten können, da keiner wagt, hinzuschauen.

Ähnliche:

  • Der britische Premier Boris Johnson (l.), Bundeskanzlerin Angela...
    25.09.2019

    Trumps Spießgesellen

    »Solidarität mit Saudi-Arabien«: Deutschland, Frankreich und Großbritannien schwenken auf Anti-Iran-Kurs Washingtons ein
  • Zeiten des Scheiterns, Zeiten des Übergangs. Die Protestbewegung...
    25.07.2017

    Gefangen im »Interregnum«

    Vorabdruck. »Das Alte stirbt, und das Neue kann nicht zur Welt kommen.« Die krisenhafte Gegenwart ist wie vor 100 Jahren eine Zeit des Übergangs. Doch die Revolution ist nicht in Sicht

Mehr aus: Ausland