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Aus: Ausgabe vom 18.11.2019, Seite 16 / Sport
Handball

Der große Wurf

Die Handballer von TUSEM Essen wollen wieder erstklassig werden
Von Oliver Rast
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Lange vor dem Neustart: Essens Lasse Seidel in der Partie SC Magdeburg gegen TUSEM Essen (Magdeburg, 26.12.2012)

Mit seinen Trickwürfen aus dem Handgelenk war er bei Torhütern gefürchtet: Die mit viel Effet gezwirbelten Bälle tupften flach im Siebenmeterraum auf und drehten sich oft unhaltbar ins Netz. Der Name des Ballartisten: Jochen Fraatz, Linksaußen bei TUSEM Essen. Ende der 80er bis Anfang der 90er Jahre kam hierzulande an den Essenern kaum ein Team vorbei: Deutscher Meister 1986, 1987 und 1989, Pokalsieger 1988, 1991 und 1992.

Lange her. Der Turn- und Sportverein Essen-Margarethenhöhe, gegründet 1926, ist seit Jahren Dauergast in Liga zwei. Vor zwei Saisons stand er sogar am Abgrund zur dritten Liga. Mit Platz 16 konnte TUSEM erst im Endspurt den Klassenerhalt sichern. Die Klubverantwortlichen entschieden sich zu einem drastischen Schritt. Vor allem an der Seitenlinie: Mit dem damals erst 23jährigen Jaron Siewert holten sie einen Newcomer von den Füchsen Berlin, auf Empfehlung von deren Geschäftsführer Bob Hanning, einem gebürtigen Essener. Siewert hatte verletzungsbedingt frühzeitig seine Spielerkarriere beendet und coachte fortan. Die Essener Probebühne wird er in der kommenden Saison wieder verlassen – und an die Spree zurückkehren: »Mit Jaron schließt sich der Kreis. Er hat hier als Jugendspieler angefangen und wird jetzt Trainer«, erklärte Hanning Ende Oktober.

Ein Achtungszeichen hatte Siewert mit seinen sieben bereits in der vergangenen Saison gesetzt. TUSEM wurde der informelle Titel »Bester Angriff der Liga« verliehen. Der Angriff langte zwar nicht zum Aufstieg, dafür kassierte Schlussmann Sebastian Bliß zu viele Gegentreffer, aber immerhin für den sechsten Rang.

Herbert Stauber, sportlicher Leiter von TUSEM, gab kurz vor Beginn der Saison ambitionierte Ziele aus: »Wichtig ist, dass wir den nächsten Schritt machen«, meint: »oben anzugreifen«. Und nicht nur das: »Natürlich würden wir gerne den großen Wurf landen.« Eine kaum verhüllte Umschreibung für den Aufstieg ins Oberhaus. Reservierter äußerte sich der Übungsleiter: »Wir wollen uns weiterentwickeln. Sowohl was das Spielerische angeht als auch das Mentale.« Vor allem gehe es um mehr Konstanz im Verlauf einer Spielzeit, so Siewert.

Ein großes Plus hat TUSEM. Die Essener sind ein junges, aber eingespieltes Zweitligateam mit wenig Fluktuation. Vier Neuverpflichtungen standen vor der laufenden Saison zwei Abgänge gegenüber. Aktuell rangiert TUSEM nach gut einem Saisondrittel an der Spitze. Zwölf Spiele, neun Siege, zwei Unentschieden, eine Niederlage. Das Verfolgerfeld mit HSC 2000 Coburg, ASV Hamm-Westfalen und Absteiger VfL Gummersbach ist dicht dran, verliert aber an Boden. Essen brilliert wieder mit torreichem Offensivspiel, die Defensive wirkt stabiler.

Am Sonnabend waren die Essener zu Gast beim abstiegsbedrohten TV Emsdetten. Die Duelle gegen die Münsterländer seien immer »kampf- und körperbetont«, hatte Siewert vor dem Anwurf gewarnt. Essens variabler Tempohandball über 60 Minuten setzte sich durch, auch wenn der Auswärtserfolg mit 28:26 knapp ausfiel. Schlüsselszene in der 43. Minute: TUSEM spielte in doppelter Unterzahl und lag mit 21:20 zurück. Mit der numerischen Überzahl konnte der TVE nichts anfangen, fing sich statt dessen zwei Tore ein. Essen spielte die Partie bis zur Schlusssirene routiniert runter. Bliß war mit 16 Paraden und einer Fangquote von 40 Prozent Matchwinner. Schafft Siewerts Ruhrpotttruppe den Erstligaaufstieg, dürfte sich sein alter und neuer Chef Hanning in seiner Trainerwahl bestätigt sehen.

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