Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 12.11.2019, Seite 10 / Feuilleton
Comic

Goya für die Hosentasche

Eine umfangreiche Comicreihe zu Künstlerbiographien
Von Fabian Lehmann
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Die Maja zieht blank: Goya und der Blick für’s Wesentliche

Seit zwei Jahrzehnten textet und zeichnet Willi Blöß in Aachen seine Künstler-Comic-Biographien, mit denen er sich Heft für Heft die europäische Kunstgeschichte aneignet. 32 Portraits schillernder Persönlichkeiten sind mittlerweile entstanden, darunter der Fluxuskünstler Nam June Paik oder die Worpswede-Künstlerin Paula Modersohn-Becker. Ein halbes Jahr nimmt sich Blöß für jede neue Biographie Zeit, wobei er den Großteil mit der Recherche verbringt. Das eigentliche Zeichnen ist dann in wenigen Wochen erledigt. Diese intensive Vorarbeit ist den Comics deutlich anzumerken. Sie sind erzählerisch und visuell komprimierte Auseinandersetzungen mit dem Leben, Werk und Wirken eines Künstlers auf gerade einmal 24 Seiten im Postkartenformat.

In seiner expressiven und wandelbaren Bildsprache nähert sich Blöß dem jeweiligen Künstler visuell an, greift dessen Farbpalette auf oder zitiert dessen Strich. Folgerichtig ist das Heft zu Vincent van Gogh in gedeckten Braun- und Grüntönen gehalten, wobei die Zeichnungen detailliert und feingliedrig sind. Die Biographie zum New Yorker Pop-Art-Künstler Keith Haring hingegen kommt mit dickem Strich und flächigen Zeichnungen grell und bunt-verspielt daher. Das Medium des Comics erlaubt es Blöß außerdem, phantasie- und humorvoll bekannte Bilder der Künstler in seine Bildergeschichten einzubeziehen und die Werke so zum Teil der biographischen Erzählung zu machen.

Die zuletzt erschienene Biographie ist dem spanischen Maler Goya gewidmet. Sie beginnt damit, dass Francisco de Goya y Lucientes (1746–1828) mit 23 Jahren nach Italien geht, um ein Jahr später mit einer Auszeichnung der Akademie von Parma nach Zaragoza zurückzukehren. Goya heiratet, zieht nach Madrid und arbeitet fortan für die königliche Teppichmanufaktur, der er Ölbilder als Vorlagen für ihre Rokoko-Bilderteppiche liefert. In seinen späteren Jahren wird Goya ertauben, den Einmarsch Napoleons in Spanien miterleben und sich vor der Inquisition rechtfertigen müssen. Als ihm dann noch eine schwere Erkrankung zu schaffen macht, beginnt um 1820 seine düsterste Schaffensphase, in der auch das wuchtige Bild des Saturn entsteht, der seinen Sohn verspeist. Reizvoll an den Biographien ist, dass sie das individuelle Leben und Werk immer auch kulturgeschichtlich einbetten. So zeigt Blöß am Goya-Gemälde »Der verletzte Arbeiter« (1786) den gesellschaftlichen Wandel im Ansehen der körperlichen Arbeit auf, die Ende des 18. Jahrhunderts den Makel des Unehrenhaften verliert. Goya reagierte auf diese aufklärerische Neubewertung, indem er den im Bild ursprünglich betrunken dargestellten Arbeiter durch minimale Veränderungen zum verletzten Arbeiter machte und damit die Gefahren des Maurerberufs aufzeigte.

Wie alle Hefte der Reihe ist auch jenes zu Goya im Eigenverlag erschienen; ein Familienunternehmen, das Blöß gemeinsam mit seiner Frau Beatriz López-Caparrós betreibt. Mit dem Verkaufspreis von drei Euro pro Heft und der entsprechend geringen Gewinnaussicht lässt sich die Reihe unmöglich auf dem regulären Buchmarkt plazieren. Die verlegerische Unabhängigkeit erlaubt Blöß größtmögliche Entscheidungsfreiheit in der Fortsetzung der Comicreihe. Sie bedeutet aber auch, dass er einen Tag der Woche damit zubringen muss, sich um die Bestellungen zu kümmern und Päckchen zur Post zu bringen.

So braucht Blöß, der einmal als Werbegrafiker gut verdiente, ein gehöriges Maß an zähem Idealismus, um sich ganz der Fortsetzung der Reihe zu verschreiben. Die Motivation dafür speist sich für den mittlerweile 60jährigen wohl aus dem Reiz der Selbstverwirklichung und dem Anspruch, das Wissen über Kunst aus den musealen Palästen zu befreien und mit den Comics wirklich jedem zugänglich zu machen. Und tatsächlich kann man sich mit den Heften in kurzer Zeit ein respektables Grundwissen der europäischen Kunstgeschichte aneignen. Das geht mit Wikipedia auch, bleibt aber im Vergleich mit der Lektüre der liebevoll gezeichneten Comics ein unübersichtliches und seelenloses Unterfangen.

Willi Blöß: Goya. Wenn die Vernunft schläft. Willi-Blöß-Verlag, Aachen 2019, 32 Seiten, drei Euro

kuenstler-biografien.de

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