Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 12.11.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Neue Seidenstraße

Der Kopf des Drachen

Chinas Staatschef Xi Jinping in Athen. Kooperation in Bereichen Handel und Energie wird ausgebaut
Von Efthymis Angeloudis
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Xi Jinping vor dem Grabmal des unbekannten Soldaten auf dem Syntagma-Platz in Athen (11.10.2019)

Griechische Staats- und Regierungschefs hatten immer schon eine Schwäche für symbolträchtige Gesten – das ist bei ihren chinesischen Amtskollegen nicht anders. 2008 zum Beispiel übergab Athen die olympische Fackel in einer prächtigen Festivität an Beijing, und China überraschte die Welt mit den wohl spektakulärsten Spielen seit Anbeginn der Moderne. Es war das Jahr, in dem sich China in das kollektive Gedächtnis als Supermacht einprägte. Mehr als zehn Jahre danach hat sich die Volksrepublik trotz Handelskriegen und Strafzöllen als solche etabliert – und auch jetzt soll eine Geste in Athen die Welt zum Staunen bringen.

Zwei Tage nach dem Besuch des griechischen Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis in Shanghai war es am Montag Zeit für Chinas Staatschef Xi Jinping, eine historische Ansage in Athen zu machen, die die Beziehungen zwischen den beiden Ländern auf politischer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene prägen soll. »Es geht nicht nur um die Kooperation zwischen zwei Staaten, sondern um die Zusammenarbeit zweier Kulturen«, begann Xi seinen zweitägigen Besuch in Griechenland. »Wir werden das tun, was uns entspricht, um China den Weg in die EU zu öffnen«, übertraf ihn sogleich der griechische Staatspräsident Prokopis Pavlopoulos.

Bereits am Sonntag hatte Xi in einem Gastbeitrag in der Tageszeitung Kathimerini die Rolle Griechenlands als strategischen Partners Chinas hervorgehoben. »Piräus wird der Kopf des (chinesischen) Drachen werden«, versicherte Xi der Leserschaft. Um das zu erreichen, sollen weitere 600 Millionen Euro in den Ausbau des Hafens fließen, den die China Ocean Shipping Company (Cosco) bereits 2009 zum Teil gepachtet hatte, um ihn dann 2016 vollends zu übernehmen. Cosco plant jetzt den Bau eines vierten Containerpiers, der es Piräus erlauben könnte, Hamburg vom dritten Platz der europäischen Häfen zu verdrängen.

Doch nicht nur im maritimen Handel dürfte die Kooperation zwischen den beiden Ländern gefestigt werden. »Mit der Unterzeichnung von 16 Abkommen eröffnen wir neue Wege«, sagte der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis bei dem Treffen mit Xi. Auslieferungsabkommen, Investitionspläne, griechische Nahrungsmittel für den chinesischen Markt, Telekommunikation, Luftverkehr, erneuerbare Energieträger, aber auch die Anbindung des Stromnetzes Kretas an das griechische Festland sind einige der Punkte, auf die sich Vertreter aus Beijing und Athen am Montag geeinigt haben.

»Es ist eine neue Ära in unseren Beziehungen«, verkündete Mitsotakis nach dem Treffen. Nun waren die Beziehungen zwischen China und Griechenland auch unter seinem Vorgänger Alexis Tsipras nicht gerade schlecht. Mitsotakis scheint es aber wichtig zu sein, sich unternehmensfreundlicher als die Syriza-Regierung darzustellen – kein leichtes Unterfangen. »Es war meine Partei, die Nea Dimokratia, die die große wirtschaftliche Öffnung des Landes gegenüber China politisch in Gang setzte«, betonte Mitsotakis daher bereits am Freitag in Shanghai. Nun will er es auch beweisen.

»Vor mehr als 2.000 Jahren leuchteten die alten chinesischen und griechischen Zivilisationen in Asien und Europa hell auf«, schrieb Xi am Sonntag in Griechenlands auflagenstärkster Zeitung. Die Beziehungen zwischen den beiden seien ein Beweis dafür, dass antike Zivilisationen auch in der heutigen Zeit zu einer dynamischen und für beide Seiten vorteilhaften Zusammenarbeit fähig sind, so Xi weiter. Manchen »neueren« Zivilisationen wird das wohl nicht gefallen.

Debatte

  • Beitrag von David S. aus J. (11. November 2019 um 19:59 Uhr)
    Für mich unverständlich, wie wohlwollend hier über einen Deal berichtet wird, unter dem vor allem die griechische Arbeiterklasse sehr leiden wird ... Hoffentlich heizen die griechischen Genossen den chinesischen Kapitalisten so richtig ein!
  • Beitrag von josef w. aus H. (12. November 2019 um 04:29 Uhr)
    Dem Besuch Xi Jinpings in Athen wird in China nicht nur wegen der wirtschaftlichen Bedeutung beispielsweise des Hafens von Piräus wegen viel Aufmerksamkeit beigemessen, sondern vor allem wegen seiner antiimperialistischen Komponenten.

    Xis diplomatisches Denken, das die Zusammenarbeit und den gegenseitigen Respekt zwischen den alten Zivilisationen betone, könne die Mentalität des »Kampfes der Zivilisationen«, die im Westen gehegt und gepflegt wird, konterkarieren, sagen chinesische Kommentare.

    Die chinesisch-griechische Freundschaft sei nicht nur die Zusammenarbeit zwischen zwei Ländern, sondern auch ein Dialog zwischen zwei großen Zivilisationen, sagte Xi.

    In der Vergangenheit und Gegenwart haben viele Fälle gezeigt, dass westliche Länder ihre Vorstellung von Zivilisation als Vorwand benutzten, um ihre Invasionen oder ihren Kolonialismus zu legitimieren. Die griechische Zivilisation gilt als eine wesentliche Wurzel der westlichen Zivilisationen, und wenn die chinesische und griechische Gesellschaft gemeinsame Werte und Ideen in ihren Zivilisationen finden und das in praktische Politik des Vertrauens und der Kooperation umsetzen können, wird einer wesentlichen ideologischen Säule des westlichen Imperialismus das Fundament entzogen.

    Die Betonung gemeinsamer kultureller und zivilisatorischer Werte zwischen China als dem Pol östlicher und Griechenland als dem Pol westlicher Zivilisationsgeschichte kann dazu beitragen, dass friedliche Koexistenz und Kooperation in der Lösung globaler Probleme bei vielen Menschen im Westen einen höheren Stellenwert erlangen als die bornierte Sicht des westlichen Überlegenheitsdünkels.
  • Beitrag von josef w. aus H. (12. November 2019 um 06:25 Uhr)
    Ich kann mich erinnern, wie nach der Übernahme des Hafens von Piräus durch die chinesische Reederei Cosco die Eliten in Deutschland ihr Herz für die griechischen Arbeiter entdeckten, ihre Arbeitsbedingungen in düstersten Farben schilderten und ihren Gewerkschaften und Betriebsräten allen Erfolg der Welt gegen die chinesischen Ausbeuter wünschten. Diese herzlichen Gefühle hinderten die europäischen Griechenland-Sympathisanten freilich wenig später während der sogenannten Griechenland-Krise nicht, der griechischen Bevölkerung ihrerseits gnadenlos das Fell über die Ohren zu ziehen und es in Not und Elend zu stürzen. Eines der wenigen positiven Entwicklungselemente war zu jener Zeit und ist bis heute der Hafen von Piräus.

    Auch wurden und werden von westlichen Medien chinesische Investitionen in europäischen Ländern gerne als Spaltung Europas beschimpft; dieses gedankenlose Geplärre fällt in jüngster Zeit etwas leiser aus. Vielleicht haben Europas Eliten begriffen, dass der transatlantische Treueschwur zu leicht den eigenen Kopf kosten kann, und sehen in der wirtschaftlichen Kooperation mit China eher eine Stärkung Europas und der EU.

    Und wenn sich die Widersprüche zwischen den USA und EU verschärfen, sollten m. E. die Linken in diesem Lande das ihnen Mögliche tun, dass die Verbindung EU-Europas mit China und Russland sich festigt. Das ist in meinen Augen auch aktive Friedenspolitik.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Rainer Schulze: Romantische Sicht Es weht auch hier mal wieder der romantische Internationalismus der (west-)deutschen Linken wie zu Maoams Zeiten herüber. So wie die Linke alles bejubelt hatte, was aus den »realsozialistischen Staate...

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