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Aus: Ausgabe vom 12.11.2019, Seite 5 / Inland
BAG Wohnungslosenhilfe

Elend der Straße

Verein schlägt Alarm: Immer mehr Menschen in Deutschland haben keine Wohnung
Von Christina Müller
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Wohnsitz Bushaltestelle: Auch nur eine Option, wenn Busse dort nicht mehr halten (Berlin, 13. März 2014)

Die Verelendung in deutschen Städten nimmt zu. Mindestens 678.000 Menschen, also mehr als die Stadt Leipzig Einwohner hat, hatten im vergangenen Jahr kein eigenes Dach über dem Kopf. Etwa sechs Prozent von ihnen lebten vollständig auf der Straße. Das geht aus einer neuen Schätzung hervor, welche die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) am Montag veröffentlichte. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet dies einen Anstieg um etwa 4,3 Prozent. Darunter befinden sich demnach auch rund 55.000 Kinder und Jugendliche. Etwa jeder zwölfte Betroffene sei minderjährig, informierte BAGW-Geschäftsführerin Werena Rosenke in einer Pressemitteilung.

Geflüchtete sind demnach besonders vom Absturz bedroht. Werden sie anerkannt, sollen sie die Massenunterkünfte verlassen. Doch das können sie oft nicht, denn zu den kaum vorhandenen bezahlbaren Wohnungen haben sie selten Zugang. Deshalb stellen sie laut BAGW mit fast zwei Dritteln den größten Anteil der wohnungslosen Menschen. Hinzu kommen etwa 40.000 Arbeitsmigranten aus ost- und südeuropäischen Staaten, die besonders häufig auf der Straße lebten.

Das dürfte auch an dem sogenannten EU-Bürgerausschlussgesetz liegen, das die damalige Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) Ende 2016 im Eilverfahren durchgesetzt hatte. Damit haben erwerbslose EU-Bürger in den ersten fünf Jahren ihres Aufenthalts in Deutschland keinen Zugang zu Sozialhilfeleistungen mehr. Sie bekommen maximal für wenige Tage Hilfe sowie ein Rückfahrticket.

Dennoch muss von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden. Halbwegs korrekt erfassen lässt sich nur die Zahl von Betroffenen, die im Hilfesystem auftauchen, also Sozialleistungen beantragen, in Obdachlosenheimen leben oder Notschlafstellen aufsuchen. Am Stichtag 30. Juni 2017 waren dies 455.000 Menschen. Genau ein Jahr später waren es bereits 542.000. Das gibt aber nicht die Gesamtzahl der Betroffenen wieder, etwa weil viele sich nur zeitweise Hilfe suchen.

Schwieriger sei es, die Straßenobdachlosigkeit zu schätzen, sagte eine BAGW-Sprecherin gegenüber jW. Zudem gebe es weitere Menschen, die bei Bekannten unterkämen und nicht im Hilfesystem erfasst seien. Zwar gebe es erste Ansätze für eine bessere Einschätzung der Situation. So hatte die Stadt Hamburg im vergangenen Jahr eine Zählung durchgeführt und eine Verdopplung von gut 1.000 Menschen im Jahr 2009 auf fast 2.000 Betroffene registriert, dabei jedoch eingeräumt, dass korrekte Zahlen nicht erfasst werden könnten. »Aber dieses Feld bleibt eine Grauzone«, sagte die Sprecherin.

Sie hofft zudem, dass das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, wonach Hartz-IV-Sanktionen von mehr als 30 Prozent »unverhältnismäßig« sind, auch für unter 25jährige angewandt wird. »Natürlich sorgen hohe Kürzungen dafür, dass die Menschen ihre Miete nicht mehr zahlen können und auf der Straße landen«, konstatierte sie und mahnte: »Das muss endlich ein Ende haben.«

BAGW-Geschäftsführerin Rosenke sieht die Zahl der Betroffenen auch in Zukunft weiter wachsen. Hauptgründe dafür seien »das unzureichende Angebot an bezahlbarem Wohnraum, die Schrumpfung des Bestands an Sozialwohnungen und die Verfestigung von Armut«. Betroffen seien vor allem Menschen mit niedrigen Einkommen, Sozialhilfe- und Hartz-IV-Bezieher und anerkannte Geflüchtete. Groß sei das Risiko zudem für Alleinerziehende, Jugendliche und junge Erwachsene. »Aber auch die drohende Altersarmut, die Generation der Billigjobber, der Soloselbständigen und anderer prekär beschäftigter Menschen bereitet uns große Sorge«, sagte Rosenke. So mangele es insbesondere an Kleinwohnungen, die diese Menschen sich leisten könnten. Insgesamt gebe es etwa 17,3 Millionen Einpersonenhaushalte in der Bundesrepublik, aber nur 5,4 Millionen Ein- bis zwei Zimmerwohnungen, führte sie aus.

Deshalb müsse die Bundesregierung weitaus mehr Mittel in den sozialen Wohnungsbau stecken, verlangt die BAGW. Tatsächlich handele sie gegenteilig. Für 2020 und 2021 habe sie die Mittel um eine Milliarde Euro niedriger angesetzt als in den Vorjahren. Das im Koalitionsvertrag vereinbarte Ziel von 375.000 neuen Wohnungen, davon etwa 100.000 mit Sozialbindung, habe sie nicht eingehalten.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Iri Wolle, Berlin: Hohe Kosten Zu dem Elend, kein Dach über dem Kopf zu besitzen, kommt noch das Elend der Kontoführungsgebühren hinzu, die das Existenzminimum schmälern, insofern auf ein solches überhaupt ein Anspruch besteht, wei...
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