Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 11.11.2019, Seite 16 / Sport

Die Wahrheit über den 11. Spieltag

Von Klaus Bittermann
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»Der BVB erwies sich als exzellenter Aufbaugegner für die Münchner«: Bayern-Jubel nach dem 2:0 durch Serge Gnabry

Vielleicht hätte ich es mir denken können, denn für einen abergläubischen Menschen, wie es ein Fußballfan nun mal ist, konnte auf einen so schönen Tag wie vor einer Woche nur ein herber Rückschlag folgen. Dafür sprachen noch andere Indizien, nämlich dass im deutschen »Classico«, der eigentlich gar keiner ist, weil weder Dortmund noch die Bayern in der Bundesliga gerade den Ton angeben, auf Münchner Boden für die Dortmunder nichts zu gewinnen gibt. Das schon traditionelle Desaster wiederholt sich immer wieder. Seit 2015 setzte es ein 1:5, 1:4, 0:6, 0:5 und nun ein 0:4 – und damit kam die Borussia noch gut davon.

Vor dem Spiel hatte man allerdings Hoffnung auf ein besseres Erlebnis haben können: Gegen Inter Mailand hatte der BVB unter der Woche einen 0:2-Rückstand zur Pause noch in ein 3:2 umgebogen, auch die zuvor ungeschlagenen Wolfsburger besiegte man mit 3:0. Parallel dazu befanden sich die Bayern in einem ihrer seltenen Tiefs: Dem 1:5 gegen Frankfurt folgte die Entlassung von Trainer Nico Kovac. Aber, wie Thomas Müller betonte: »Immer wieder herrlich, wenn die Dortmunder nach München kommen.«

Der BVB erwies sich als exzellenter Aufbaugegner für die Münchner, die rätselhafterweise plötzlich alles wieder zeigten, was sie vorher vermissen ließen: Laufbereitschaft, Zweikampfstärke, Kompaktheit, Ballsicherheit und ein starkes Pressing, mit dem die Borussia nicht umgehen konnte. Die Bayern ließen den Ball laufen, und die Dortmunder hetzten hinterher. Den Zweikampf suchten die Schwarz-Gelben nicht. Julian Brandts Anlaufen etwa hatte immer nur Alibifunktion. Dortmunds gefährlichster Mann Jadon Sancho war sofort von drei Bayern umringt, kaum dass er den Ball hatte. Ein Ballverlust leitete das 1:0 durch Robert Lewandowski ein (17. Minute), Sancho wurde als zu großes Risiko ausgewechselt. Aber ohne seine Einfälle und seinen Esprit blieb die restliche Offensive wirkungslos. Eine einzige torgefährliche Situation brachten die Dortmunder zustande, während es im eigenen Strafraum ständig brannte. Nur Mats Hummels wehrte sich nach Kräften, aber es passte zu diesem Abend, dass ihm das Eigentor zum 0:4 Endstand unterlief.

Der BVB wirkt wie ein verunsicherter Haufen, der jeglichen Glauben an sich verloren hat. In solchen Situationen gehen Rummenigge und Co. rigoros vor und entlassen den Trainer. Dortmund hingegen übt sich in Geduld, obwohl klar ist, dass Coach Lucien Favre mit dem von Sportdirektor Michael Zorc geforderten »Männerfußball« nicht viel anfangen kann. Der Begriff wirkt ranzig, markiert aber etwas Richtiges: letztlich beruht das Spiel eben auf Kampf. Technik ist erst entscheidend, wenn die Voraussetzungen stimmen. Dieses Einmaleins des Fußballs scheinen die Dortmunder nicht mehr zu beherrschen. Warum, lässt sich wohl nur psychologisch erklären. Um die Spieler zu motivieren und an sich glauben zu lassen, ist Favre nicht der richtige Mann.

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