Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 11.11.2019, Seite 10 / Feuilleton

Franz Lehár und das Ende des Sozialismus

Von Erwin Riess
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Wer ist schon dieser Gabalier? Der wahre Meister des Hirnverklebens war Franz Lehár

Herr Groll war mit dem Dozenten in der Westslowakei an der Donau unterwegs. Nach der Überquerung der Donau in Bratislava bewegten sie sich auf der E 575 parallel zum Strom.

»Ihre Knochen quietschen«, bemerkte Groll.

»Was sagen Sie da?« Der Dozent sah von seinem Tablet auf.

»Ihre Knochen quietschen. Ich habe es vorhin, als Sie nach Ihrem stoffwechselbedingten Ausflug in die Steppe der Schüttinsel wieder eingestiegen sind, deutlich gehört. Vor allem die langen Röhrenknochen der unteren Extremitäten quietschen ganz erbärmlich. Hören Sie das nicht?«

»Ich weiß nicht, wovon Sie reden«, sagte der Dozent unwirsch und machte sich wieder an seinem Tablet zu schaffen.

»Sie sollten sich in Dunajská Streda zur Kur einfinden«, ließ Groll nicht locker. »Die chemische Zusammensetzung des Wassers steht dem berühmten Bad Pistyan, das im übrigen nur eine Autostunde von uns entfernt am längsten Fluss des Karpatenbeckens, der beschaulichen Váh oder Waag liegt, in nichts nach. Die Therme dort vorn wurde noch im Sozialismus, im Jahr 1974, eröffnet. Und in Bad Pistyan werden heute noch alle Lehár-Operetten gespielt.«

»Alle?« Der Dozent sah nicht auf.

»Alle. Ausnahmslos alle, und das ohne Unterbrechung. Kein Wunder, Ferenc Lehár stammt aus der Gegend, aus Komárno. Einen guten Progress auf dieser Landstraße vorausgesetzt, erreichen wir die Hafen- und Werftstadt an der Donau in zwanzig Minuten. Lehárs Vater war Militärkapellmeister, und sein Bruder verdingte sich als General in der mächtigen habsburgischen Festung, deren Erdwälle und Bauten heute noch auf beiden Seiten des Stroms die Stadt prägen.«

»Interessant«, murmelte der Dozent und vertiefte sich in seinen Computer.

»Lehár hat es nie über Bad Pistyan hinausgebracht«, fuhr Groll fort, korrigierte sich aber sogleich. »Doch! Ein paarmal war er in Berlin, wo er am Schoß des Führers Platz nehmen durfte, der Lehárs Musik liebte. Die Verehrung geht auf Hitlers Wiener Jahre vor dem Ersten Krieg zurück, in denen er zwischen den Stehplätzen der Staatsoper, die Wagner-Schinken gab, und jenen in der Volksoper wechselte, wo das sogenannte goldene Zeitalter der Operetten sich darin äußerte, dass die schmalzigsten Melodien mit den vertrotteltsten Libretti wetteiferten, dies aber so leidenschaftlich, dass Sigmund Freud, Wilhelm Reich und Alfred Adler nichts anderes übrig blieb, als neue, revolutionäre Therapien zu entwickeln, die zumindest einige Menschen vor dem Sturz in die ewige Nacht der Operette bewahrten. Wie bedrohlich diese musikalische Massenvernichtungswaffe, deren sedierende Wirkung von Helene Fischer und Andreas Gabalier nicht annähernd erreicht wird, tatsächlich ist, mögen Sie daran ermessen, dass im burgenländischen Weinort Mörbisch am Neusiedlersee im Schilfgürtel jedes Jahr monumentalistische Operettenspiele abgehalten werden. Hunderte Busse karren tagtäglich Zehntausende Operettenliebhaber an, die sich in immer denselben Lehár-Operetten verlieren und als behandlungsbedürftige Wracks die Heimreise antreten. Das einzige, was sie aus der musikalischen Umnachtung reißt, sind die Gelsenschwärme.«

Der Dozent hob den Blick und lächelte. »So gesehen ist das Insektensterben die Rettung der Operette!«

Herr Groll schüttelte den Kopf und beschleunigte seinen klapprigen Wagen auf sechzig Stundenkilometer, um trotz des starken Gegenverkehrs eine landwirtschaftliche Zugmaschine zu überholen.

»Verehrter Dozent, es ist genau umgekehrt: Das Insektensterben ist eine direkte Wirkung der Operettenmusik. In lauen Sommernächten krepieren die armen Gelsen und andere Stechmücken unter dem Einfluss der gewaltigen Seebühne mit ihren Kriegstürmen, auch Tonanlagen genannt, zu Myriaden. Auch die Öffnung der ungarischen Grenze für die paar hundert DDR-Bürger, die 1989 nach Österreich flüchteten, vollzog sich in den Wäldern oberhalb von Mörbisch. Die ungarische Grenze verläuft dort sehr nah an der Ortschaft, die Operettenmusik ist meilenweit zu hören. Die ungarischen Grenzer waren von der Musik benebelt …«

»Ich dachte immer, am Ende der DDR stand der Klassenfeind …?«

»Viel schlimmer: Lehárs Operetten! Mit dem Klassenfeind hatte man umzugehen gelernt. Dem Gesülze und Gehölzel aber waren die Grenzschützer schutzlos ausgeliefert.«

So habe er die Sache noch nicht gesehen, sagte der Dozent kleinlaut.

Ein materialistischer Zugang lasse keine andere Sichtweise zu, beschied Groll.

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