Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 11.11.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Industrieabfälle

Explosiver Giftmüll

Grubenunglück in Teutschenthal: Initiative erhebt schwere Vorwürfe gegen Landesamt und Betreiberfirma
Von Susan Bonath
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Haupteingang der Grube in Teutschenthal, in der zwei Menschen durch eine Explosion verletzt wurden (8.11.2019)

Nach einer Explosion im Bergwerk Teutschenthal bei Halle (Sachsen-Anhalt) mit zwei Verletzten hat die »Bürgerinitiative gegen eine Giftmüllregion Halle (Saale)« schwere Vorwürfe gegen die Betreiberfirma Grube Teutschenthal Sicherungs GmbH (GTS) und das Land Sachsen-Anhalt erhoben. Seit Jahren kritisiere sie die Einlagerung giftiger Industrieabfälle und fühle sich nicht ernstgenommen, sagte ein Sprecher dem regionalen Rundfunksender MDR. Seit Jahren klagten Anwohner über Geruchsbelästigung und Gesundheitsprobleme durch austretende Gase. Doch das dem Wirtschaftsministerium unterstehende Landesamt für Geologie und Bergwesen (LAGB) spiele die Gefahr herunter.

Bei dem Grubenunglück am Freitag morgen saßen 38 Bergleute mehrere Stunden in etwa 700 Metern Tiefe fest. Sie hatten sich in einen Schutzraum gerettet. Nach Angaben der Polizei führten Rettungskräfte der Grubenwehr zunächst Schadstoffmessungen der Luft durch. Gegen Mittag brachten sie die Männer durch einen Notschacht an die Oberfläche. Ein 24jähriger war leicht, ein 44jähriger schwer verletzt worden. Der technische Leiter der Firma, Erik Fillinger, beteuerte, der Einsatz sei reibungslos gelaufen.

Nach Angaben der Behörden war eine Verpuffung die Ursache des Unglücks. Das heißt: In der Grube hatten sich Gase explosionsartig entzündet. Das LAGB vermutet Wasserstoff als Hauptauslöser, der Bestandteil der dort entsorgten Industrieabfälle ist. Das Amt habe Ermittlungen eingeleitet. Nach eigenen Angaben untersucht zudem die Polizei, »ob eine Straftat vorliegen könnte«.

Diese Explosion ist nicht der erste Vorfall im Zusammenhang mit dem 1982 stillgelegten Kalibergwerk. 1996 hatte der Zusammenbruch eines Sicherheitspfeilers im Schacht einen Gebirgsschlag ausgelöst. Dadurch waren zahlreiche Häuser in Teutschenthal und Umgebung in Mitleidenschaft gezogen worden. Seit 1992 wird die Grube im Auftrag des Landes von der GTS betrieben, die durch den Kaliabbau entstandene Hohlräume zur Gefahrenabwehr mit Industrieabfällen verfüllt.

Dazu gehörten auch »Abfälle mit Gefährdungspotential«, räumt das Unternehmen auf seiner Webseite ein. Es handele sich um »Schlacken und Aschen aus Verbrennungsanlagen, kontaminierte Bauabfälle, Abfälle aus Behandlungsanlagen, Produktionsabfälle aus der Industrie und Schlämme aus der Reinigung der Industrieabwässer«. Teils hochgiftige Filterstäube, die Schwermetalle wie Blei, Arsen und Cadmium enthalten, werden mit Bindemitteln und einer Salzlösung zu einem betonartigen Gemisch vermengt und in die Kammern gepumpt. Salzbergwerke, so die GTS, ermöglichten es »aufgrund ihrer Abtrennung zur Biosphäre«, die Stoffe »langzeitsicher zu verwerten«.

Erst im August hatte die GTS ein Freilager für die Industrieabfälle im Saalekreis nach einem Urteil des Oberverwaltungsgerichts Magdeburg räumen müssen. Zuvor hatte sie sich 15 Jahre lang der Aufforderung des LAGB widersetzt, eine Halle dafür zu bauen. Die Initiative kritisierte, der Gestank sei jedoch auch nach der Räumung nicht verschwunden. Anwohner litten unter Kopfschmerzen und könnten ihre Gärten nicht nutzen. Das LAGB macht dafür austretendes Filterwasser verantwortlich und verwies auf den geplanten Bau eines hohen Schornsteins sowie eingeleitete Messungen, die es im kommenden Jahr auswerten wolle. Für den übernächsten Mittwoch ruft die Bürgerinitiative zu einer Demonstration vor der GTS-Zentrale in Teutschenthal »gegen Giftmüll, Gestank, Feinstaub und leere Versprechungen« auf.

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