Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 11.11.2019, Seite 8 / Inland
Obdachlosigkeit in Hamburg

»Große Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis«

Hamburg: Winternotprogramm für Obdachlose wird nicht von allen Betroffenen angenommen. Ein Gespräch mit Johan Graßhoff
Interview: Kristian Stemmler
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Die »soziale Kälte« schafft Bedinungen, unter denen niedrigen Temperaturen für viele lebensbedrohlich werden (Hamburg, 9.2.2019)

Seit 27 Jahren gibt es in Hamburg das Winternotprogramm für Obdachlose, das auch in diesem Jahr wieder am 1. November gestartet wurde. Wozu gibt es das?

Das Winternotprogramm soll obdachlose Personen vor dem Erfrieren schützen. Die Stadt erfüllt damit ihre gesetzliche Verpflichtung, Betroffene unterzubringen. Dazu werden an zwei Standorten insgesamt 780 Übernachtungsplätze angeboten, an der Friesenstraße im Stadtteil Hammerbrook 400 und an der Kollaustraße in Lokstedt 250 Plätze. Dazu kommen noch etwa 130 Plätze in Wohncontainern, die etwa auf Kirchengrundstücken stehen.

Unterkunft wird aber nur vom Abend bis zum nächsten Morgen gewährt, oder?

Ja. An beiden Standorten werden die obdachlosen Menschen um 17 Uhr hereingelassen und müssen die Einrichtung am nächsten Tag um 9.30 Uhr wieder verlassen. In den Wohncontainern ist das anders, die können von den Bewohnern den ganzen Tag über genutzt werden, dort haben sie Privatsphäre. Deshalb sind die auch sehr begehrt. Es wurde ein Losverfahren entwickelt, um die Verteilung gerecht abzuwickeln.

Aus unterschiedlichen Gründen nehmen viele Obdachlose das Winternotprogramm nicht an und verbringen die Nächte draußen. Wie ist das zu erklären?

Wie uns Menschen auf der Straße sagen, ist einer der Hauptgründe, dass die Leute morgens wieder raus müssen, sich also nicht den ganzen Tag dort aufhalten können. Ein anderer Grund ist, dass es sich um zwei Massenunterkünfte handelt, mit allen Nachteilen, die diese haben. Es ist laut, Gewalt spielt eine Rolle, es werden Sachen geklaut, und es gibt kaum Privatsphäre. Damit haben viele Schwierigkeiten.

Seit Jahren kritisieren Wohlfahrtsverbände, dass Obdachlose aus Osteuropa beim Winternotprogramm abgewiesen werden. Eine Sprecherin des Sozialunternehmens »Fördern & Wohnen« hat nun erklärt, keiner würde abgewiesen. Was ist da dran?

Wir registrieren eine große Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis. Wir haben Aussagen von Betroffenen, dass ihre Ausweise direkt am Eingang kontrolliert werden und sie nach wenigen Tagen die Unterkunft verlassen müssen. Es wurde auch eine Mitwirkungspflicht eingeführt. Von der zugesagten Anonymität und einem niedrigschwelligen Zugang kann da nicht die Rede sein. Überwiegend handelt es sich um Rumänen und Bulgaren. Seit ein, zwei Jahren sind es auch vermehrt afrikanische Nutzer, die in die Wärmestube geschickt werden.

Wenn die Personen zum Beispiel eine Adresse im Ausweis haben, wird angenommen, dass sie einen festen Wohnsitz in der Heimat haben. Dann wird eine Rückkehrberatung oder eine Fahrkarte nach Hause angeboten. Wer das nicht annimmt, gilt als »freiwillig obdachlos« und muss nach dem Gesetz nicht von der Stadt untergebracht werden. Das ist von der Sozialbehörde »klug« durchdacht.

Wollen die Menschen in der Regel zurückgehen?

Nein, das möchten sie nicht. Viele werden an die sogenannte Wärmestube verwiesen, in der es nur Tische und Stühle gibt. Wenn genügend Platz ist, kann man sich auf den Boden legen, aber mehr nicht. Viele nehmen diese Einrichtung nicht an. Aber die Wärmestube ist Teil des Winternotprogramms, weswegen die Sozialbehörde behaupten kann, niemand würde abgewiesen. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Es muss deswegen ein Ende dieser abschreckenden Praxis geben, die Menschen in Not davon abhält, den Erfrierungsschutz zu nutzen, und die mit der grundgesetzlich geschützten Garantie auf Menschenwürde nicht vereinbar ist.

Wie geht es den Obdachlosen in Hamburg?

Wir sehen eine große Verwahrlosung und Verelendung derjenigen, die auf der Straße leben. Wir begegnen vielen, die keinen Zugang zum Hilfesystem haben und die auf der Straße vor sich hin »vegetieren«. Inzwischen verteilen wir sogar Erwachsenenwindeln, weil immer mehr obdachlose Menschen pflegebedürftig sowie inkontinent sind und sich einkoten. Das ist eine Abwärtsspirale, weil gerade die Menschen aus Osteuropa immer weiter aus allen Hilfen herausgedrängt werden.

Johan Graßhoff ist Straßensozialarbeiter der Diakonie in Hamburg

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