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Aus: Ausgabe vom 08.11.2019, Seite 8 / Inland
Garnisonkirche in Potsdam

»Ein Wahrzeichen des preußischen Militarismus«

Potsdamer Garnisonkirche soll umfangreicher wiederaufgebaut werden. Bürgerinitiative protestiert gegen Pläne. Gespräch mit Sara Krieg
Interview: Gitta Düperthal
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Die nachgebildete Fassade der ehemaligen Garnisonkirche im Februar 2019 vor einer Veranstaltung zum Baustart für den Kirchturm

Der Wiederaufbau der Garnisonkirche ist in Potsdam ein Dauerthema. Kritiker befürchten, die 1945 zerstörte Militärkirche könne nach Wiedererrichtung der Verherrlichung der faschistischen Wehrmacht und der Naziideologie dienen. Wie wird das aktuell diskutiert?

Viele Initiativen und Organisationen, die den Wiederaufbau kritisch sehen, versuchen derzeit eine Gegenöffentlichkeit aufzubauen, um so die Befürworter des Projektes zur Auseinandersetzung zu zwingen. Die Garnisonkirche ist ein Wahrzeichen des preußischen Militarismus schlechthin und diente bereits in der Weimarer Republik als Treffpunkt für Kriegstreiber, Demokratiefeinde, Antisemiten und Monarchisten. Die Stadtverordnetenversammlung sollte das Thema am Mittwoch behandeln, tat dies aber nicht und verwies es an den Hauptausschuss.

Wie lautet die offizielle Beschlusslage?

Oberbürgermeister Mike Schubert, SPD, will neben dem Glockenturm ein Jugendbegegnungs- und -bildungszentrum im Kirchenschiff errichten lassen. Offenbar soll so vom eigentlichen Konflikt abgelenkt und ein Nebenschauplatz aufgemacht werden. Bisher war nur vom Wiederaufbau des Turms die Rede gewesen, nicht aber von einem Kirchenschiff. Aus unserer Sicht heißt das: Es soll noch mehr Geld in das Projekt gesteckt werden als bisher geplant. Schubert hat auch vor, im Kuratorium der »Stiftung Garnisonkirche Potsdam« mitzuwirken, um nach dem Wiederaufbau eine gemeinsame Ausstellung zu gestalten. Bislang wirkt dort eine unheilige Allianz aus Politik, Militär und Kirche. Ihm scheint die Vorstellung nicht geheuer, dem Turmaufbau entgegenzuwirken.

Gibt es Gründe für ihn, dies zu tun?

Allerdings. 2014 hat die Stadtverordnetenversammlung ein erfolgreiches Bürgerbegehren unserer Initiative mit mehr als 14.000 Unterschriften angenommen. Damit wurde der Oberbürgermeister beauftragt, mit allen rechtlich zulässigen Mitteln auf die Auflösung der Stiftung hinzuwirken. Die Stadtverordneten hätten das Bürgerbegehren ablehnen können, um so einen Bürgerentscheid herbeizuführen und die Potsdamerinnen und Potsdamer entscheiden zu lassen. Das geschah aber nicht. Statt dessen hat der damalige Oberbürgermeister Jann Jakobs, ebenfalls SPD, der zudem im Kuratorium der Stiftung saß, im selbigen einen Antrag auf Auflösung gestellt. Der wurde freilich abgelehnt – wieso sollte sich die Stiftung auch selbst auflösen?

In Potsdam regiert die SPD mit Die Linke und Bündnis 90/Die Grünen. Was erwarten Sie von den Verantwortlichen?

Sie müssen deutlich machen, dass der Wiederaufbau ein Problem für die Stadt darstellt. Vor allem sollte OB Schubert sich bei der Bundesregierung gegen eine weitere Förderung mit Bundesmitteln einsetzen. Im Oktober 2017 begannen die Bauarbeiten für den Turm der Garnisonkirche: Zwölf Millionen Euro spendierte die Bundesregierung, fünf Millionen als zinslosen Kredit die Evangelische Kirche, mehr als zwei Millionen das Land Brandenburg.

Wir finden es skandalös, dass der Staat in Potsdam eine Luxuskirche baut, die sich als Identifikationsort für die neue Rechte sowie als Kulisse für deren Aufmärsche eignet. Obwohl es breiten Widerstand aus der Bevölkerung dagegen gibt, macht die »Stiftung Garnisonkirche« nun daraus verharmlosend ein Postkartenmotiv. Wenn ein demokratischer Staat so ein Projekt unterstützt, schneidet er sich ins eigene Fleisch und spielt der AfD in die Hände. Deren Thüringer Fraktionsvorsitzender Björn Höcke hatte Potsdam in seiner Dresdner Rede als eine Fassade angeführt, der wieder »ein würdiger Geist eingehaucht« werden müsse.

Was muss aus Ihrer Sicht nun geschehen?

Wir fordern einen Baustopp und eine öffentliche Debatte zum Thema. Vor allem darf es keine Steuergelder mehr für den Wiederaufbau geben. Der Potsdamer Oberbürgermeister ist nach dem Bürgerbegehren verpflichtet, dem Bau entgegenzuwirken und die Stiftung unter Druck zu setzen. So könnte er beispielsweise gemeinsam mit Initiativen ein Gegenkonzept erarbeiten.

Sara Krieg ist Sprecherin der »Bürgerinitiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche«

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