Gegründet 1947 Sa. / So., 23. / 24. November 2019, Nr. 273
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 08.11.2019, Seite 5 / Inland
Another Blick on the wall (6)

Ab in den Süden! Nach Oberfranken ...

jW-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter blicken zurück auf den November 1989
Von Michael Merz
Another Blick on the wall 1100x526px.png

jW-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter aus Ost und West erinnern sich an die Zeit rund um den 9. November 1989. Im sechsten Teil der Serie blickt Michael Merz zurück. Er gehörte 1989 zu den letzten Schülern, die in die FDJ eingetreten sind. Heute ist er stellvertretender jW-Chefredakteur.

Die Grenzöffnung im November 1989 kam zwar überraschend. Aber das ganze Jahr über lag ja schon etwas in der Luft. Kürzlich fiel mir beim Aufräumen ein Hefter in die Hand, in dem ich Zeitungsschnipsel von Freie Presse, ND und Junge Welt zwischen 1988 und ’89 gesammelt hatte. Etwa eine kurze Notiz über das Verbot einzelner Sputnik-Ausgaben, des Reader’s Digest der sowjetischen Presse. Oder darüber, dass neue Reiseregelungen in Arbeit seien.

Die Grenze war in den letzten Jahren der DDR längst durchlässiger geworden. Rentner entwickelten rege Reisetätigkeit. Viele Arbeiter waren zur Montage im Westen und wurden dann mit großem Hallo wieder zu Hause begrüßt, auch wenn sie nichts mitgebracht hatten. Ein beträchtlicher Teil der Produktionskapazitäten der Großbetriebe meiner Heimatstadt, von denen in den 90ern nach und nach alle verschwanden, waren für die BRD reserviert. Textilien, Maschinen, Spielzeuge – etliches ging nach drüben und wurde unter neuem Namen verkauft. Manchmal fiel sogar eines der bunten Westcomics, gedruckt im VEB Sachsendruck, vom Lkw und landete in meinen Händen.

Plauen hatte bereits seit 1987 eine Städtepartnerschaft mit Hof, und so ging ich davon aus, früher oder später mit dem Pionier- und FDJ-Chor mal dort auftreten zu können. Es war kein Gedanke, der mich ständig beschäftigte. Den im Sommer ’89 grassierenden Ausreisewahnsinn konnte ich nicht nachvollziehen, die im Westfernsehen gezeigten Bilder waren einfach nur entwürdigend. Später gab es diese selten dämliche Entscheidung von oben, die Botschaftsflüchtlinge von Prag mit dem Zug über DDR-Gebiet abhauen zu lassen. Im Vogtland schmissen sie dann ihre Wohnungsschlüssel aus den Abteilfenstern, diese und andere Geschichten machten natürlich die Runde. Seit dem 7. Oktober fanden dann regelmäßig samstags große Kundgebungen in Plauen statt. Ja, die Staatsmacht war anfangs präsent, und es flog sogar mal ein Hubschrauber drüber. Aber kein Vergleich zu den heutigen Methoden der Polizei, wenn ihr missliebige Demonstranten gegenüberstehen.

Der 9. November selbst war ein Donnerstag. Am Samstag, damals gab es an dem Wochentag noch Unterricht, war der Klassenraum ziemlich leer. Mit meiner Familie fuhr ich nicht sofort rüber, sondern erkundete erstmal das bis dahin nicht zugängliche Grenzgebiet. Später tuckerten wir auch weiter, in der Zweitakterschlange Richtung Süden. Ein Volkspolizist verteilte an der Landstraße aus einem Trabi heraus Visastempel. Dann kamen wir an, im goldenen Westen. Der offenbarte sich als das verregnete, trübe Rehau in Oberfranken. Ziemlich unspektakulär.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

Mehr aus: Inland