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Aus: Ausgabe vom 07.11.2019, Seite 15 / Medien
Geschäftsmodell

Experten ohne Ende

Focus Gesundheit vergibt Gütesiegel an zahlreiche Ärzte. Gegen eine Gebühr dürfen die damit werben
Von Gerrit Hoekman
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»Wunderbare Renditen«: Bei Burda freut man sich über die dubiosen Geschäfte

Es ist kein Geheimnis: Vielen Zeitungsverlagen geht es finanziell schlecht. Die Auflagen sinken, die Konkurrenz aus dem Internet wird immer größer. Kein Wunder also, dass sie händeringend nach neuen Einnahmequellen suchen. Focus Gesundheit aus dem Hause Burda verleiht zum Beispiel ein Gütesiegel für Ärzte. Mit dem dürfen die Mediziner aber nur werben, wenn sie dafür bezahlen.

Frank Möller aus der kleinen Gemeinde Molfsee in Schleswig-Holstein war überrascht, aber auch geschmeichelt, als er unlängst von Focus Gesundheit eine Urkunde zugeschickt bekam, die ihn als »empfohlenen Herzchirurgen in der Region« auswies. Nur eins machte ihn stutzig, erzählte er am 29. Oktober im MDR-Magazin »Umschau« – Möller arbeitet schon seit 14 Jahren nicht mehr als Herzchirurg, sondern ist längst Hausarzt. »Mir war sofort klar, dass das nicht richtig sein kann«, so der Doktor der Medizin.

Möllers Zweifel am Wert der Auszeichnung wuchs, als er das Begleitschreiben des Focus las. Gegen eine Lizenzgebühr von 1.900 Euro im Jahr, hieß es dort, dürfe er das Gütesiegel zum Beispiel auf seiner Internetseite verwenden. »Schaffen Sie Vertrauen und sorgen für einen klaren Vorsprung gegenüber Ihren Wettbewerbern«, versuchte die Zeitschrift dem Mediziner die Investition schmackhaft zu machen. »Profitieren Sie von unserer Expertise und dem Vertrauen von Millionen Menschen in die Kompetenz der Marke Focus

Die Masche wirft natürlich die berechtigte Frage auf, welchen Wert ein Gütesiegel hat, wenn der Verleihende damit Geld verdient. Da wundert es nicht wirklich, wenn die Reihe der vom Focus ausgezeichneten Ärzte immer länger wird, obwohl die Gesamtzahl der in Deutschland praktizierenden Mediziner ungefähr gleich geblieben ist, wie in der »Umschau« kritisch angemerkt wurde. 2011 waren es demnach noch 1.500 »Top Ärzte«, heute sind es 3.600. In einem Interview mit dem Fachportal Kress.de gab Burkhard Graßmann, Chef von Burda News, am 25. September zu, dass ihm das Siegelgeschäft im Moment am meisten Freude bereite: »Damit erreichen wir inzwischen einen zweistelligen Millionenumsatz mit wunderbaren Renditen. Allein in diesem Bereich beschäftigen wir rund 50 Mitarbeiter. Woanders haben wir abgebaut, hier haben wir aufgebaut.«

Dass mit Qualitätsauszeichnungen Geld verdient wird, ist kein Alleinstellungsmerkmal des Focus. Die gemeinnützige Stiftung Warentest macht es genauso, um nur ein anderes prominentes Beispiel zu nennen. Lange mussten die Unternehmen lediglich eine Bearbeitungsgebühr von 500 Euro berappen, damit sie ein gutes Testurteil der Stiftung werbewirksam ins Feld führen konnten. Seit 2013 ist das deutlich teurer geworden. 30.000 Euro kostet das Gesamtpaket aktuell für zwei Jahre, wie der Homepage von »RAL Deutsches Institut für Gütesicherung und Kennzeichnung« zu entnehmen ist. Das gemeinnützige Institut wickelt im Auftrag der Stiftung Warentest die Lizenzvergabe ab. Das Outsourcen soll die Unabhängigkeit der Tests garantieren.

Natürlich lauert auch in diesem Fall die Gefahr, dass Testergebnisse von der Finanzkraft eines Unternehmens abhängen. Aber sie ist bei einer vom Staat gegründeten, gemeinnützigen Stiftung doch etwas geringer als bei einem auf Gewinn zielenden, kapitalistischen Betrieb wie dem Burda-Verlag, der vor allem die Interessen der Anteilhaber im Auge hat.

Das Gütesiegel des Focus stützt sich unter anderem auf die Einschätzung Dritter, zum Beispiel Vorgesetzte oder Kollegen, und die Auswertung einschlägiger Patientenportale im Internet durch die Organisation »Stiftung Gesundheit«. Stichwort: Patientenzufriedenheit. Auch Patientenumfragen der Techniker-Krankenkasse fließen in die Bewertung ein. Hausarzt Möller suchte nach Kollegen im näheren Umkreis, die ebenfalls solch ein Siegel erhalten hatten. »Ich bin zu denen gar nicht befragt worden, und die sind meines Wissens auch nicht zu mir befragt worden«, stellte Möller fest. Er hat das Angebot von Focus Gesundheit schon zweimal abgelehnt, weil er es unseriös findet.

Das Herzogin-Elisabeth-Hospital in Braunschweig wird hingegen auch 2020 wieder das Label »Top nationales Krankenhaus, Orthopädie« führen dürfen und bezahlt die Lizenzgebühr gerne, die für Kliniken zwischen 3.000 und 5.000 Euro liegt. Die Investition lohne sich, ist Chefarzt Karl-Dieter Heller in der »Umschau« überzeugt: »Die Patienten suchen ganz bewusst nach Information und Expertise.« Der wachsenden Zahl an ausgezeichneten Ärzten und Kliniken steht Haller kritisch gegenüber: »Die Frage ist natürlich, ab welcher Menge Siegel wirkt das Siegel noch?«

Die »Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs« in Bad Homburg, kurz »Wettbewerbszentrale«, zweifelt, ob das Focus-Gütesiegel diese Erwartung tatsächlich erfüllen kann. »Wenn ich mir die Kriterien anschaue, soweit sie überhaupt vorhanden und nachprüfbar sind, dann meine ich, dass das den Anforderungen an die Rechtsprechung nicht genügt«, sagt Christiane Köber gegenüber dem MDR. Sie arbeitet als Juristin bei der Wettbewerbszentrale. Die Rechtsprechung besagt nämlich, dass Bewertungen für die Verbraucher transparent sein müssen. »Die Methodik ist absolut transparent und hinreichend nachvollziehbar«, wehrt sich der Focus laut der »Umschau«. Juristin Köber bleibt skeptisch: »Es geht wohl weniger um die Verbraucheraufklärung als vielmehr um wirtschaftliche Interessen.«

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