Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 05.11.2019, Seite 10 / Feuilleton
Buchmesse

Der lange Atem der Konterrevolution

Und die Beharrlichkeit ihrer Gegner: Die 24. Linke Literaturmesse in Nürnberg
Von Arnold Schölzel
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Auf und Ab bundesdeutschen Kapitals und seiner Beschäftigten: Das ehemalige Quelle-Versandzentrum in Nürnberg

Jährlich im November findet die Linke Literaturmesse in Nürnberg statt, am vergangenen Wochenende zum 24. Mal. Wer auch immer einst die Idee hatte, sie war gut und zudem erfolgreich. Diesmal kamen mehr als 40 Verlage mit Einzel- oder Gemeinschaftsständen, außerdem Buchhandlungen und Antiquariate. Wer sozialistische oder kommunistische Klassiker im Original sucht und auch noch Neues haben möchte, wird hier hier beim Wühlen in Büchern, Marx’ Lieblingsbeschäftigung, fündig. Linkssein, egal welcher Couleur, hat etwas mit Lesen zu tun. Und mit Hören. Die Messe ist eine Art Volksuniversität. Von Freitag bis Sonntag stellten Autorinnen und Autoren Neuerscheinungen vor oder referierten zu aktueller Politik, Ökonomie, sozialen Kämpfen und Kultur.

Die Veranstalter freuten sich 2019 erneut über starken Besuch, obwohl sie aus dem Stadtzentrum wegziehen mussten und in der städtischen »Kulturwerkstatt auf AEG«, einige U-Bahnstationen entfernt, untergekommen sind – moderne Gebäude, hohe gläserne Foyers in der Industriearchitektur der 50er Jahre, zahlreiche Säle, ideale Räume für diesen Zweck. Der Name leitet sich von der großen AEG-Kühlschrankfabrik ab, die hier bis 1994 stand, dann vom schwedischen Konzern Electrolux geschluckt wurde. Der stellte trotz massiver Streiks und Bemühungen der Stadt die Produktion 2007 ein und verlagerte sie nach Polen. Geblieben ist die Konzernzentrale für die Bundesrepublik. Gegenüber eine andere Ruine: Quelle hinterließ hier einen riesigen Betonklotz. Auf und Ab bundesdeutschen Kapitals und seiner Beschäftigten.

Hier drängten sich in der Auftaktveranstaltung am Freitag 130 Besucher im überfüllten Saal und diskutierten mit Emily Laquer (Interventionistische Linke), jW-Autor Wolfgang Pomrehn und den beiden Fridays-for-Future-Aktivistinnen Klara Beck und Alina Nüßing über »Klima kaputt – nachhaltige Zerstörung oder Rettung?«. Die Frage nach Ökosozialismus oder -faschismus erhitzte am Sonnabend die Gemüter (»Das Märchen vom grünen Wachstum« mit Bruno Kern), dazu gab es jede Menge anderes: »Die aktuelle Phase des Hightechkapitalismus« (Wolfgang Fritz Haug), »Politische Ökonomie der Medien in Deutschland« (Willi Sabautzki), Bayerische Räterepublik, DDR-Gründung vor 70 Jahren, Mieterkämpfe, »SPD: Letzter Aufruf!« (Oliver Scheiber), Analysen zur AfD (Sebastian Friedrich) und zu »Neoliberalismus und völkischem ›Antikapitalismus‹« (Helmut Kellershohn) usw. Unter den Besuchern viele junge Leute, mehr als bei linken Veranstaltungen üblich.

Und Internationalismus: Am Sonntag um 11.30 Uhr versammeln sich 30 Leute zu einer kleinen Kundgebung im Rahmen der Aktion »Unblock Cuba!« und protestieren vor dem Beschluss der UN-Generalversammlung über die US-Sanktionen gegen Washingtons Politik, fordern die Bundesregierung auf, ihrer Kritik daran endlich Taten folgen zu lassen. Anschließend erläutert André Scheer, Leiter des jW-Ressorts Außenpolitik: Kuba ist ein Hort der Stabilität, während in Haiti, Ecuador und Chile die Massen gegen ihre Regierungen auf die Straße gehen. Allein deswegen kann die Insel der Revolution nicht in Ruhe gelassen werden, zumal die US-Propaganda suggeriert: Hinter allem stecken kubanische Drahtzieher. Die Umsturzexperten haben überall viel zu tun, sind sie ja zugleich angeblich die einzige Machtbasis von Venezuelas Präsident Nicolas Maduro. Der Handel mit Havanna wird also unterbunden – wochenlang lief kein Öltanker dort ein –, der Tourismus nach Kräften behindert, dennoch halten sich die angekündigten Stromsperren auf Kuba in Grenzen. Formuliert wurde das Ziel schon 1960 in Washington: Es kommt darauf an, »Enttäuschung, Hunger, Verzweiflung bis zum Sturz der Regierung« herbeizuführen. Konterrevolutionäre haben einen langen Atem. Die Freunde der Revolution aber auch – 24 Auflagen der Linken Literaturmesse mitten in der Bundesrepublik sind der beste Beweis.

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