Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 09.11.2019, Seite 10 / Feuilleton
Freundlicher Riese

»In all ihren Fein- und Grobheiten«

Der bekannteste Dolmetscher der DDR: Heute vor 100 Jahren wurde Werner Eberlein geboren
Von Arnold Schölzel
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Werner Eberlein am 2. Juli 1987 in Niedersachsen: Hannovers Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg (SPD, r.) empfängt die SED-Delegation, Werner Eberlein (M.) und Ewald Moldt (l.), zu einem Gespräch

Es waren legendenumwitterte Zeiten, in die Werner Eberlein heute vor 100 Jahren in Berlin hineingeboren wurde. Es werde erzählt, heißt es in seinen Erinnerungen, dass am 9. November 1919, einem kalten Sonntag, ein Genosse völlig außer Atem in eine Kneipe, Treffpunkt der KPD am Schlesischen Bahnhof, stürmte und verkündete: »Der Eberlein hat einen Sohn – jetzt machen wir uns unsere Kader selbst!« Am folgenden Tag gelang es Wilhelm Pieck, mit Hilfe einer jungen Genossin, die als Putzfrau ins Kriminalgericht Moabit kam, von dort zu verschwinden. Die Bürgerpresse schäumte.

»Der Eberlein«, das war der technische Zeichner Hugo Eberlein, 1887 in Saalfeld geboren, seit 1913 mit der Näherin Anna Harms verheiratet, Mitglied der SPD, Mitbegründer der Gruppe Internationale, des Spartakusbundes und der KPD, dann im Jahr 1919 auch der Kommunistischen Internationale, im Moskauer Exil 1937 verhaftet, 1941 erschossen. Das Verfahren wurde auf den Sohn ausgedehnt. Werner Eberlein, mit 14 Jahren in die Sowjetunion geflohen, musste mit 17 die Karl-Liebknecht-Schule in Moskau verlassen, schuftete seit 1939 in der sibirischen Verbannung und kehrte mit 28 Jahren nach Berlin zurück. Die elf Jahre seien nicht verloren gewesen, urteilte er. Die Menschen, denen er begegnete, hätten schlimme Erlebnisse mit Wärme und Sympathie ausgeglichen, seine politischen Ideale seien sogar gefestigt worden. Und nicht zuletzt: Er lernte »die russische Sprache in all ihren Fein- und Grobheiten« kennen.

Werner Eberlein war der bekannteste Dolmetscher der DDR. Den »freundlichen Riesen«, so eine indische Freundin, neben Nikita Chruschtschow, Walter Ulbricht oder Juri Gagarin kannte jedes Kind. Als er Rentner werden wollte, ließ die SED-Führung den populären Genossen nicht gehen. Er wehrte sich mit Hinweis auf sein »hohes Alter«, aber die Stationen waren: Mitglied des Zentralkomitees, des Politbüros, Leitung der Bezirksorganisation Magdeburg. Dem »optimistischen Zweifler«, so Stefan Doernberg im jW-Nachruf 2002, war das Zusammensein mit Menschen, mit Familie und Freunden, das Wichtigste. Er genoss noch im Herbst 1989 und darüber hinaus große Sympathie in der Bevölkerung. Der engste Kreis um ihn trifft sich so auch am heutigen Tag – nicht in einer Kneipe wie 1919, aber in Berlin. Werner Eberlein hat seine Erinnerungen, die er mit seinem Bruder Klaus Huhn verfasst hatte, im Jahr 2000 im Verlag Das Neue Berlin veröffentlicht. Wer die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung und die der DDR verstehen will, muss sie gelesen haben.

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