Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 09.11.2019, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Der Steckbrief des Feindes

Der Dokfilm »Human Nature« über die »Genschere« CRISPR-Cas9
Von Ronald Kohl
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Beinahe ein bisschen zu einfach: Das Herausschneiden und Ersetzen von Gensequenzen

In die Filmgeschichte dürfte »Human Nature« auf jeden Fall eingehen. Wegen der gekonnten Art, ein Thema ausgewogen zu betrachten, aber wohl mehr noch als für lange Zeit letzter Dokumentarfilm über die gezielte Veränderung menschlicher Gene, in dem Lulu und Nana nicht erwähnt werden. Als der chinesische Biophysiker He Jiankui am 27. November 2018 auf einem internationalen Kongress in Hongkong verkündete, er habe das Erbmaterial von Zwillingsembryonen verändert (die beiden Mädchen mit den Pseudonymen Lulu und Nana waren da bereits geboren), saß Regisseur Adam Bolt mit seinem Material über die »Genschere« CRISPR-Cas9 schon im Schneideraum.

Im Prolog des Films lernt der Zuschauer den afroamerikanischen Teenager David kennen, einen äußerst charismatischen Jungen, dessen nüchterne Philosophie im Verlauf des Films die Dinge immer wieder überzeugend geraderückt. Mit geübten Handgriffen bereitet sich David während der einleitenden Bilder auf seiner Krankenhausliege auf einen medizinischen Eingriff vor. Es ist mal wieder Zeit für einen »Ölwechsel«, wie sich Davids Lieblingskrankenschwester auszudrücken pflegt. »Mein Blut mag mich nicht«, sagt David. Er hat die Sichelzellanämie und muss deshalb regelmäßig die Prozedur eines Austauschs über sich ergehen lassen. Abhilfe schaffen könnte die Korrektur eines einzigen Buchstabens seiner DNA. Doch genau das Spezifische macht es so schwierig.

»Die Nadel im Heuhaufen« heißt das erste von sieben Kapiteln des Films. Entdeckt wurde die Genschere im Jahr 2012. Die Story, die »Human Nature« dazu erzählt, geht verkürzt so: Eine Firma, die Joghurtproduzenten mit Bakterienstämmen belieferte, bekam immer wieder Reklamationen, weil angeblich die gesamte Sendung tot wäre. Was nie ganz falsch war, doch meist stellte sich bei näherer Überprüfung heraus, dass einzelne Bakterien doch überlebt hatten. Es war ihnen also gelungen, sich gegen einen pathogenen Virus zu immunisieren, und das stets mittels der gleichen Methode. Die Bakterien hatten Abschnitte der Virus-DNA herausgeschnitten und in ihr zelleigenes Abwehrsystem zwecks Wiedererkennung des Feindes, also quasi als »Steckbrief«, integriert. Weltweit kopierten Forscher diese Methode, so dass sich das Herausschneiden und Ersetzen von Gensequenzen heute relativ einfach und kostengünstig bewerkstelligt lässt. Damit wurde die Genschere zu einem Fall für die Ethikkommissionen. Ergebnis ist ein globales freiwilliges Moratorium von fünf Jahren. Bis das Verfahren ausgereifter ist und die Folgen abschätzbarer sind, soll es keine Manipulationen am vererbbaren genetischen Material des Menschen geben. Und dann?

Dann wird sicher so einiges versucht werden, unsere Welt noch schöner zu machen. Zu der Frage, ob dies begrüßenswerte oder eher ungute Aussichten sind, bezieht der Film keine Position. Der Regisseur kitzelt jedoch gerade aus den Interviewpartnern, die eine ablehnende Haltung einnehmen, Antworten heraus, die zeigen, dass Unmengen potentieller Einfallstore bereitstehen, sobald es zum Beispiel um die eigene Gesundheit geht. Nur David behält auch in dieser Frage einen kühlen Kopf: »Ohne die Sichelzellkrankheit wäre ich nicht der, der ich bin.«

Nicht grundsätzlich ablehnend, doch nur sehr eingeschränkt optimistisch äußert sich Wladimir Putin, der auf einer Veranstaltung in Sotschi gegenüber dem sehr jungen Auditorium zu bedenken gibt, dass mithilfe von Veränderungen des genetischen Materials zwar ein begnadeter Musiker oder auch ein genialer Mathematiker hervorgebracht werden könnte, aber eben auch ein schmerzunempfindlicher Soldat.

Freilich die absolute Horrorvision eines jeden Militaristen: Wie will ich so einen disziplinieren?

»Human Nature«, Regie: Adam Bolt, USA 2019, 91 Min., gestern angelaufen

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