Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 09.11.2019, Seite 7 / Ausland
Brasilien

Wächter des Waldes

In Brasilien organisieren sich die Guajajara gegen die Zerstörung ihres Lebensraums
Von Fábio da Silva, Brasília
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Paulo Paulino Guajajara am 11. September in Amarante

Als Paulo Paulino am 2. November sein Zuhause verließ, um in der Gemeinde Arariboia im Nordosten Brasiliens auf Patrouille zu gehen und das Land seines Volkes, der Guajajara, zu schützen, wusste er nicht, dass er den Tag nicht überleben würde. Eine Gruppe illegal auf dem Gebiet der Indígenas operierender Holzfäller ermordete Paulino mit einem Schuss ins Gesicht. Ein Begleiter entkam verletzt.

Paulino war ein Anführer einer als »Wächter des Waldes« bekannten Gruppe, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, ihr Land und ihre Umwelt zu schützen. Ihr Gebiet im Bundesstaat Maranhão liegt mitten in dem Streifen, in dem sich Agrarbusiness, Holzwirtschaft und Bergbauunternehmen auf 3.000 Kilometer Länge jedes Jahr tiefer in den Wald fressen. Sie greifen nach dem Land, das laut der brasilianischen Verfassung jedoch exklusiv dem Volk der Guajajara zusteht. Möglichen wirtschaftlichen Aktivitäten in solchen Zonen sind klare Grenzen gesetzt. Insbesondere gilt, dass ohne Zustimmung der Indígenas auf dem Land gar nichts geht.

Das ist vor allem der mächtigen Agrarlobby ein Dorn im Auge, denn es ist das größte Hindernis für die hemmungslose Ausbeutung der Natur. Das lässt sich sogar vom Weltall aus beobachten: Auf Satellitenbildern des südlichen Amazonasgebiets sind Gegenden wie Xingu, Arariboia, Uru-Eu-Wau-Wau und viele weitere als saftig dunkelgrüne Inseln auszumachen – umgeben von einer je nach Jahreszeit braunen Ödnis oder einem hellgrünen Meer aus Soja. 14 Prozent des Staatsgebietes von Brasilien sind bislang vor Landgrabbing und Abholzung geschützt, das entspricht viermal der Fläche Deutschlands. Nirgendwo sonst – nicht einmal in Nationalparks – ist der Wald so geschützt wie auf dem Land der Völker, die diesen seit Generationen nachhaltig verwalten. Im Laufe von Jahrhunderten, gar Jahrtausenden, haben sich hier Kultur und Natur gegeneinander geformt. Mehr und mehr Studien belegen die fundamental wichtige Rolle indigener Völker beim Schutz der Umwelt und beim Kampf gegen Klimawandel und Artensterben. Doch die Prioritäten der Indígenas stimmen nicht unbedingt mit dem Profitstreben von Unternehmen und dem westlichen Verständnis von »Entwicklung« überein.

Deshalb haben sich die Guajajara selbst organisiert, um mit den »Wächtern des Waldes« ihre Kultur und Umwelt gegen die ständigen Angriffe von außen zu schützen. Sie überwachen ihr Land und melden Vorfälle den Behörden, die von sich aus oft nicht die Ressourcen und Möglichkeiten haben, ihre Aufgaben voll zu erfüllen. Damit machen sich die Guajajara aber zur Zielscheibe der Angriffe der Eindringlinge. Überfälle und Gewalt bis hin zu Morden werden gezielt eingesetzt, um Indigene zu terrorisieren, einzuschüchtern und ihre Organisationen zu zerschlagen.

Dutzende Morde werden jedes Jahr registriert, und vielfach bleiben sie ohne Konsequenzen. Die wenigsten Verbrechen kommen vor Gericht. Im Amazonasgebiet ist die Staatsmacht schwach und weit entfernt. Unter Präsident Jair Bolsonaro ist die Situation noch schlimmer geworden. Berichte zeigen einen sprunghaften Anstieg der Gewalt, denn die Täter fühlen sich durch die regelmäßigen Hasstiraden des Staatschefs bestärkt.

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