Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 09.11.2019, Seite 5 / Inland
Einzelhandel

Weniger Amazon, mehr Bücher

Börsenverein: Buchpreisbindung sorgt für Vielfalt, Qualität und weniger Marktkonzentration
Von Ralf Wurzbacher
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Macht ein Buchladen dicht, werden nach Berechnungen des Börsenvereins jährlich 6.100 Bücher weniger abgesetzt

Egal, ob im Laden um die Ecke, bei der großen Filiale oder im Onlinehandel. In Deutschland kostet ein Buch überall dasselbe. Mit der Buchpreisbindung ist der Kapitalismus im Geschäft mit Romanen, Ratgebern und Reiseführern ein Stück weit außer Kraft gesetzt. Und siehe da – davon haben alle etwas. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat die Auswirkungen der seit 1888 geltenden Regelung im nationalen und internationalen Kontext durch Ökonomen und Rechtswissenschaftler untersuchen lassen. Die Ergebnisse: Die Verbreitung, Vielfalt und Qualität von Literatur würden gefördert und die Warenverkehrsfreiheit und das europäische Wettbewerbsrecht eingehalten.

Die Buchpreisbindung sei »eine wichtige Grundlage dafür, dass Deutschland als zweitgrößter Buchmarkt weltweit Vorbildcharakter hat«, erklärte der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, Alexander Skipis, bei der Vorstellung der Studie am Freitag vor Pressevertretern in Berlin. Es zeige sich, dass sie in der durch das Internet stark veränderten Marktsituation »ihren Schutzzweck erfüllt und mit dem europäischen Recht vereinbar ist«. Nach den Befunden des Volkswirtschaftlers Georg Götz von der Universität Gießen trägt die Preisbindung maßgeblich zum Erhalt eines breiten Netzes an unabhängigen Buchhandlungen bei und stützt damit die Nachfrage. Auch stiegen die Preise langsamer und erhöhten sich die Absatzchancen für Titel von neuen und unbekannten Autoren.

Großbritannien und Nordirland sind den anderen Weg gegangen und schafften eine vergleichbare Bestimmung ab. Daraufhin ist nach Götz’ Analyse die Zahl kleiner stationärer Anbieter zwischen 1995 und 2001 um zwölf Prozent eingebrochen. Im selben Zeitraum lag der Schwund hierzulande bloß bei drei Prozent. Während die Durchschnittskosten pro Buch im Vereinigten Königreich um 80 Prozent zulegten, erhöhten sie sich in Deutschland um 29 Prozent, in Frankreich, ebenfalls mit Preisbindung, um nur 24 Prozent. Lediglich Bestseller sind bei den Briten günstiger zu bekommen, weil die Händler bei hohen Verkaufszahlen größere Rabatte gewähren. In der Konsequenz geht die Tendenz dann aber in Richtung »Einheitsbrei«. Nur knapp über 15 Prozent des Absatzes verteilen sich auf Titel der hinteren Verkaufsränge, in Deutschland sind es über 20 Prozent.

Noch eine schöne Begleiterscheinung: Dort, wo eine Preisbindung das Überleben kleiner Buchläden sichert, haben es die großen Ketten wie Thalia oder Hugendubel und die Internetkonkurrenz schwerer, ihre Herrschaft auszubauen. In Großbritannien hat der US-Gigant Amazon bereits einen Marktanteil zwischen 45 und 50 Prozent. Hierzulande macht der Onlinebuchhandel lediglich 20 Prozent des Gesamtumsatzes aus, unabhängige Buchhandlungen schaffen es dagegen auf stolze 30 Prozent.

Eine Existenzgarantie für kleine Anbieter ist die Preisbindung allerdings auch nicht. Macht in Deutschland ein Laden dicht, werden nach Götz’ Auswertung jährlich im Schnitt 6.100 Bücher weniger abgesetzt. Zwischen 2014 und 2017 beliefen sich die Verluste auf 3,5 Millionen Bücher, was fast 600 Schließungen entspricht. Auch die Preisbindung selbst ist gegen Angriffe nicht gefeit. Zuletzt hatte im Mai 2018 die Monopolkommission, die die Bundesregierung in Wettbewerbsfragen berät, für ihre Abschaffung plädiert.

Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (10. November 2019 um 08:32 Uhr)
    Guten Morgen, Herr Wurzbacher!

    Es ist also folgendermaßen: Ich schreibe ein Buch, mein Verlag bringt es in Umlauf. Buchhandlungen und Amazon verkaufen es. Oder ist es so, dass ich ein Buch schreibe, der Verlag dann den Preis festlegt, weil 35 bis 40 Prozent des Preises an den Buchhandel gehen?

    Die Buchpreisbindung sorgt also im Handel über die Internetplattformen für satte Gewinne, obwohl hier gar kein Buchhandel stattfindet. Sie vertreten die Auffassung, dass auf diese Weise die vielen Buchhandlungen gerettet werden. Waren Sie schon einmal in einer Buchhandlung?

    Wissen Sie, was die Herstellung eines Buches kostet und zu welchem unsinnig übertriebenen Preis es dann im Regal steht? Reflektieren Sie, wer genau vom festgelegten Buchpreis profitiert? Es sind wohl kaum die Schöpferinnen und Schöpfer des eigenen Schaffens.

    Welche Orientierung wäre da sinnvoll? Thalia oder Amazon zu stützen bringt es eher nicht. Das schafft ja schon der Buchpreis. Aber dass ich von diesen Handelspreisen als Autor selbst abweiche, wäre doch sinnvoll, da ich es ja verfasst hatte.

    Freundliche Grüße!

    scharmann

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