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Aus: Ausgabe vom 04.11.2019, Seite 5 / Inland
Another Blick on the wall (2)

Kein schöner Land

jW-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter blicken zurück auf den November 1989
Von Daniel Bratanovic
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jW-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Ost und West erinnern sich an die Zeit rund um den 9. November 1989. Im zweiten Teil der Serie blickt Daniel Bratanovic zurück. Er war damals ein achtjähriger Schüler, heute ist er Leiter des Themaressorts in der Redaktion.

»Das gibt’s doch nicht!« Der Vater des Freundes springt vom Sofa auf. Auf der Mattscheibe war soeben das Tickerband mit der Eilmeldung eingerollt: »SED-Politbüro setzt Honecker ab«. Was daran so bemerkenswert sein sollte, erschloss sich den beiden verdutzten Achtjährigen nicht. Und es gab auch keinen Versuch, die Sache aufzuklären. Berlin, Hauptstadt der DDR, war von diesem Wohnzimmer in einem Haus am Ende eines kleinen Winzerdorfs an der Obermosel unendlich weit weg. Die Nachricht hatte aber die kindliche Zurichtung zu konsumkonformem Verhalten gestört. Im westdeutschen Privatfernsehen lief an jenem 18. Oktober 1989 gerade Harry Wijnvoords »Der Preis ist heiß«, eine Spielshow, in der ein Mann namens Walter Freiwald in geckenhaften Anzügen und wie auf Droge irgendein Zeug, dessen Preis je drei arme Teufel im Wettbewerb gegeneinander zu erraten hatten, mit wirren Adjektiven und sich überschlagender Stimme anpries. Stumpfer und verstörender ist der Fetisch Ware vermutlich nie angebetet worden.

Dass der Opa mit dem Panamahut und der Hornbrille, der da gestürzt wurde, einem Land vorgestanden hatte, das bald darauf mit dem ganzen »funkelniegelnagelneuen« Talmi-Ramsch aus Wijnvoords und Freiwalds Sendung überflutet werden sollte, wusste ich damals nicht. Es schien mir ohne Bedeutung. Viel wichtiger war, dass RTL plus im Anschluss zeigte, wie ein Mann mit seinem sprechenden Auto die USA vor sinistren Schurken rettete. Und der konnte noch mehr. Zur selben Zeit veröffentlichte dieser David Hasselhoff ein Lied, das zur inoffiziellen Hymne des verlogenen »Wende«-Spektakels geriet: »Looking for freedom«, ein Schulhofhit. Wenige Jahre später begannen Motivationstrainer genannte Scharlatane in randvollen Mehrzweckhallen mit einer Mischung aus hartem neoliberalen Stoff aus Chicago und esoterischer Erweckungslitanei den arbeitslos gemachten Leuten im Osten einzuhämmern, dass sie sich dem Marktregime mit Leib und Seele zu unterwerfen hatten. Freiheit, die sie meinen.

Irgend etwas Wichtiges war geschehen, so viel ließ sich immerhin erahnen. Nur was? Erinnerung ist selektiv. Aus dem Nebel tauchen Männer auf, die ihre Autos hupend und mit wehender Fahne durch die Dorfstraßen fuhren. Die alte Bundesrepublik war Fußballweltmeister geworden. Das war im Juli 1990. Gianna Nannini beschwor mit rostig-rauchiger Stimme »Notti magiche«, magische Nächte eines italienischen Sommers, und Deutschland hatte wieder einen Kaiser. Drei Monate später, nicht ganz ein Jahr nach Honeckers Absetzung, es muss um den 3. Oktober gewesen sein, stand die 3. Klasse der Grundschule auf dem Dorfplatz unter einem Pavillon und sang: »Kein schöner Land«. Deutschland einig Vaterland. Die 90er hatten begonnen.

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