Schwarzer Kanal
Gegründet 1947 Montag, 18. November 2019, Nr. 268
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 02.11.2019, Seite 10 / Feuilleton
Geschichte und Alltag

Dieses stumme Aha

Wie war das mit dem Sexualkundeunterricht in Ost und West? Ein deutsch-deutsches Doppel
Von Maxi Wunder, Hagen Bonn
s10.jpg
Blümchen, Herzen, Schering AG: Arbeitsblatt und Infobroschüren aus dem Westberlin der 70er

Unschuld und Chemie

Woher kommen eigentlich die Babys? Eine Frage, die kleine Kinder bewegt und Eltern seit jeher in Verlegenheit bringt. Ich zumindest kann mich nicht daran erinnern, mehr von ihnen gehört zu haben als »aus dem Bauch der Mutter«. Wie sie da reinkommen, blieb mir bis zum Alter von acht Jahren unklar. Doch 1974, in der dritten Klasse an meiner Grundschule in Berlin-Wilmersdorf, erfuhr ich es. Von unserer Klassenlehrerin Fräulein Aschenberger erhielten wir im Sachkundeunterricht Arbeitsblätter, die ich letztens nach 45 Jahren – sehr vergilbt – im Keller meiner Eltern wiederfand. Auf den Bögen sieht man handgemalte Grafiken der weiblichen und männlichen Geschlechtsorgane, daneben einen in meiner Kinderhandschrift ausgefüllten Lückentext. Die geöffneten weiblichen Schenkel, Harnblase, Gebärmutter, Schamlippen etc. hatte ich sorgfältig mit bunten Filzstiften nachgezeichnet und mit Blümchen und Herzen verziert, die männlichen Geschlechtsorgane ließ ich undekoriert.

In den großen Ferien besuchte ich immer meine Oma im katholischen Münster, der ich gerne meinen Lieblingslernstoff des vergangenen Schuljahres referierte. Im Sommer ’74 war es der Aufklärungsunterricht. Voller Stolz über meinen Erkenntniszuwachs schilderte ich ihr detailfreudig den Geschlechtsakt. Zwar bemerkte ich das versteinerte Gesicht meiner Großmutter bei der Stelle: »Und dann führt der Mann sein steifes Glied in die feuchte Scheide der Frau ein«, ließ mich aber von ihrem »Ist gut jetzt, geh spielen!« nicht unterbrechen und brachte noch das Thema Samenerguss und den abschließenden Punkt: »Warum man sich täglich das Glied waschen soll: Damit sich keine schlecht riechenden Teilchen ansammeln.« Sie verließ das Zimmer, um zu telefonieren. Zurück in Berlin bat mich mein Vater, der Oma nichts mehr aus »Sachkunde« zu erzählen.

Später auf dem Gymnasium gab es in der Sechsten einen Sexualkundeunterricht, an den sich von sämtlichen Klassenkameraden, mit denen ich noch in Kontakt bin, gerade mal einer dunkel erinnert: »Eine uralte Biologielehrerin, der das ungeheuer peinlich war.« – Offenbar ein Generationenproblem. Bei der Lektion haben wir wohl abgeschaltet, erstens waren wir technisch längst im Bilde und zweitens war es kein Prüfungsstoff, was bedeutete: Schnarchstunde. Ohnehin schlugen wir uns fast alle damit herum, dass es im realen Leben erst gar nicht zum Sex kam, noch nicht mal zum Küssen, weil wir uns zu hässlich fanden: Zahnspangen- und Pickelprobleme.

Die Sorgen der Erwachsenen kreisten aber weniger um unsere Gefühle als um die Gefahren besinnungsloser Triebhaftigkeit, die sie uns anscheinend zutrauten. In der achten Klasse bekamen wir Broschüren ausgehändigt: Das Heft »Geschlechtskrankheiten« von dem »Berliner Landesausschuss für gesundheitliche Volksbelehrung e. V.« warnte vor ungeschütztem Geschlechtsverkehr mit ekligen Fotos von Syphilisgeschwüren auf Penissen. Romantischer aufgemacht war die Broschüre »Was ein Mann und eine Frau heute über Empfängnisregelung wissen möchten«. Die verliert immerhin ein paar nette Worte über Vorspiel und Klitoriserregung, aber nur, um die weibliche Kundschaft zum Weiterlesen der Pillenwerbung zu animieren. Herausgeberin war nämlich die Schering Aktiengesellschaft, Marktführerin in Kontrazeptiva.

So griff die deutsche Chemieindustrie als erste nach unserer zarten Unschuld.

Maxi Wunder

Schon mal geküsst?

DDR 1982. Bezirk Erfurt, Kreis Gotha, Polytechnische Oberschule 2, Waltershausen. Biologie Klasse 8b, Kapitel: »Die Fortpflanzung des Menschen«. Schon Wochen vorher ahnten wir eher, als es zu wissen, dass es nun endlich so weit war. Was? Gute Frage.

Wir taten natürlich im Klassenverband so, als sei die »sexuelle Aufklärung« kein Thema mehr für uns. Wir waren eben wir. Also Jungs. Über die Mädchen in unserer Klasse konnte ich zur damaligen Zeit überhaupt nichts aussagen. Null. Wir nannten sie »dumme Hühner« oder »Hau ab!«. Die hübschen und klugen Mädchen gab es nur in den Parallelklassen oder älter! Ich deute das heute als »Inzestschutz «. Demnach war unsere Ablehnung des jeweils anderen Geschlechts des Klassenverbandes eine evolutionär notwendige Maßnahme, um Erbschäden auszuschließen. Die Gene konnten schließlich nicht wissen, dass die Kernfamilie und der sozialistische Klassenverband unterschiedliche Sachen sind.

Dann flammte ein Projektor auf: Herr Stützstrumpf (Name von der Redaktion verändert) dozierte über: »Die Erregungskurve beim Geschlechtsakt«. Aha, klang es in meinem hormonschwangeren Hirn. Sah aus wie der Rennsteigwanderweg im Thüringer Wald. Mittelgebirge halt. Hoch, runter. Dann der Hauptberg (»der Höhepunkt«), wahrscheinlich der Inselsberg bei Tabarz (920 Meter), und dann rasch abfallendes Gelände. Erfurter Becken?

Jedenfalls, schloss unser Lehrer, sollte man sich beim Akt Mühe geben, gemeinsam den Höhepunkt zu erreichen. Aha, dachte ich wiederum. Und dieses stumme Aha mit Fragezeichen stand auch in den Augen meiner Mitschüler. Aller! Selbst die Mädchen blickten wie ein Maisfeld im September. Nun war ich mit einem drängenden Blick zum Lehrer der Meinung, dass er mit der Aufklärung nun mal langsam beginnen könnte. Doch es klingelte. Vorhang zu! Aus! Entsetzt und hängenden Kopfes schlurfte ich zur Hofpause.

Draußen auf dem Schulhof standen wir noch lange beisammen, natürlich fein säuberlich nach Geschlechtern getrennt (damals gab es nur zwei) und … schwiegen. Wenn 14jährige schweigen, dann ist das so, als wenn der Mond auf die Erde fällt und wir ihm nachschauen; nachschauen, wie er langsam ausrollt. Aber es gab Rettung! Es gab den Bücherschrank meiner Eltern. Dort stand Siegfried Schnabels Klassiker: »Mann und Frau intim«. Das Buch verkaufte sich eine Million Mal! Außerdem gab es dort D. H. Lawrences Roman »Lady Chatterleys Liebhaber«. Seite 166 las ich täglich. Und es gab das Abo der Jungen Welt mit Jutta Resch-Treuwerths Kolumne: »Unter vier Augen«. Demnach war alles in Ordnung! Fast jedenfalls. Denn das Kichern »unserer« Mädchen wurde von Tag zu Tag schlimmer. Außerdem verstanden wir nicht, warum deren FDJ-Blusen an den Achseln immer feucht waren. Waren eben Hühner. Und dass sie uns »Idioten« nannten, machte uns gar nichts aus. Null.

Hagen Bonn

Ähnliche:

  • Thälmann spricht: Kundgebung der KPD im Berliner Lustgarten am 1...
    17.08.2019

    Nicht vom Posten gewichen

    Vor 75 Jahren wurde der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann von einem Sonderkommando der Gestapo im KZ Buchenwald ermordet
  • Das »Ende der Moderne«. Politisches Versagen wurde immer leichtf...
    25.07.2019

    Konzepte und Praxis

    100 Jahre Bauhaus (Teil VI und Schluss). Der gesellschaftspolitische Standort des Bauhauses
  • Gretchens Zimmer – Dekorationsentwurf von Karl Friedrich Schinke...
    22.05.2019

    »Glücklich angegriffen«

    Goethe war zufrieden. Vor 200 Jahren wurde sein »Faust« zum ersten Mal in privatem Rahmen auf einer Bühne aufgeführt

Mehr aus: Feuilleton