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Aus: Ausgabe vom 18.10.2019, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Der Folk-Dandy

Langsam und subversiv: Das neue Album von The Lilac Time
Von Alexander Kasbohm
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»Der Kampf gegen Bosheit und Dummheit ist nie gewonnen« (Sticker gegen den »Brexit« in London)

Als vor 32 Jahren das erste Album von The Lilac Time erschien, hatte Sänger und Songschreiber Stephen Duffy, damals 27 Jahre alt, schon eine interessante Karriere hinter sich. In den späten 70ern war er im heimatlichen Birmingham Frontmann einer unbeholfenen New-Wave-Band namens Duran Duran, die er 1979 verließ, wenige Monate bevor sie einen Plattenvertrag bei EMI unterschrieb. Jahrzehnte später vom Guardian gefragt, ob er sich manchmal wie der Pete Best von Duran Duran fühle, antwortete er: »Pete Best hat nicht die Stücke der Beatles geschrieben. Wäre ich bei Duran Duran geblieben, wären sie vermutlich so erfolgreich gewesen wie (Pause) The Lilac Time.«

Seine ehemaligen Bandkollegen dominierten in den Folgejahren das Radio, MTV und die Charts. Duffy verschwand erst einmal, bis er 1985 als Stephen »Tin Tin« Duffy mit »Kiss Me« und »Icing on the Cake« zwei Elektropophits hatte. Die Plattenfirma fand das super, er nicht so. So überraschte er sie 1987 mit der Ankündigung, künftig nur noch Folkmusik unter dem Namen The Lilac Time veröffentlichen zu wollen. Ein interessanter Karrieremove. Insbesondere zu einer Zeit, in der Folk mit kratzigen Pullovern, kratzigen Bärten, kratzigen Stimmen und genereller Uncoolness gleichbedeutend war. Duffy war ein Dandy und hatte eine sanfte Stimme. Natürlich kaufte niemand seine Platten.

Auf dem ersten Album der Band befindet sich ein Stück namens »Return to Yesterday«, das die programmatischen Zeilen enthält: »We travel on the last bus from sanity / Through province town to cities of obscurity / And somewhere down the road it occurs to me / That I might have missed my stop / But I will not return to yesterday / Or smooth out the human clay / We’ll face this new England like we always have / In a fury of denial / We’ll go out dancing on the tiles / Help me down, but don’t take me back.« Heute liest sich das wie ein Kommentar über »Brexit«-Britain. Damals war es zugleich eine Absage an die Gegenwart des Thatcher-Englands als auch an eine nostalgische Sehnsucht nach einer Vergangenheit, die so nie existierte. In dem neuen Song »(I’m) a Believer« fasst er so zusammen: »I appreciate the past, but I’m never nostalgic.«

Stephen Duffy hat noch nie ein schlechtes Album veröffentlicht, aber jedes dritte ist ein Meisterwerk, statistisch pünktlich. Das gilt auch für »Return to Us«, das soundästhetisch an die ersten drei Lilac-Time-Alben anknüpft: sparsam, akustisch, warm und ländlich. Mit »The River Runs Both Ways« ist ihm ein Stück gelungen, das zu den besten seiner Karriere gehört: Englischer Folk trifft Westcoast, Melodie, Arrangement und Text in perfekter Einheit. Und das Fast-Weihnachtslied »The Needles« schenkt uns die schöne Zeile: »I’m so glad that you came to me / And saved me from stupidity« – kann man einem anderen Menschen etwas Schöneres sagen?

The Lilac Time ist seit fast 20 Jahren ein Familienunternehmen: Stephen Duffy, Ehefrau Claire und sein Bruder Nick. Stephen und Claire leben mit Tochter und Hund in Falmouth (Cornwall) in der Nähe des Hafens, von dem 1944 viele Schiffe ablegten, um am D-Day dem deutschen Faschismus vorerst ein Ende zu bereiten. Während das Album entstand, wurde Donald Trump Präsident der USA, und Großbritannien stürzte sich ins »Brexit«-Schwert. Der Kampf gegen Bosheit und Dummheit ist nie gewonnen. Duffy hat die Hoffnung nicht aufgegeben, mit seinen Songs Gedanken zu säen, die sich von Kopf zu Kopf verbreiten. Langsam und subversiv, ohne dass er direkt die große Masse erreichen müsste. Im Innern ist er ein Hippie, der an die Kraft der Liebe glaubt. Das vielschichtige kulturelle Europa, das ein paar Generationen ein selbstverständlicher Bezugspunkt war, bröckelt weg. Es geht beim »Brexit« ja nicht um das Verlassen der asozialen Wirtschaftsvereinigung EU, es geht um nationale Phantasien, um Abschottung, um rassistische Ideologien und, für manche, um viel Geld.

Stephen Duffy ist in einer Zeit groß geworden, in der Pop noch eine andere politische Bedeutung hatte. Er ist kein Revolutionär mit Molotowcocktail in der Hand, er tritt dem Bösen mit einem Gedichtband in der Hand entgegen. »Poetry, not logic« ist der Wahlspruch der Band. Zwar scheint die Welt zur Zeit dringend eher mehr Logik als weniger zu gebrauchen, und auch der Reinheit der Logik wohnt eine eigene Schönheit inne. »Poetry and logic« wäre auch ein schönes Banner. Da kann dann jeder nach seinen Stärken sein Scherflein beitragen. Duffy wäre der Poeta laureatus der Bewegung, der Folk-Dandy mit Gitarre, Halstuch und Anzug. Mit »Return to Us« zeigt er uns, dass er für uns da ist, was auch immer die Welt gerade macht, und rettet uns vor der Verblödung und Verrohung.

The Lilac Time: »Return to Us« (BMG)

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