Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 18.10.2019, Seite 7 / Ausland
Türkische Militärinvasion in Syrien

Widerstand gegen Ankaras Krieg

Nordsyrien: Kämpfe um Grenzstadt Ras Al-Ain. Kurdische Selbstverwaltung fordert Korridor
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Eine Rauchsäule über der syrischen Stadt Ras Al-Ain, gesehen von Ceylanpinar auf der türkischen Seite der Grenze aus (17.10.2019)

Im Norden Syriens stößt der Angriffskrieg der türkischen Armee weiterhin auf starken Widerstand. Wie die kurdische Nachrichtenagentur ANF berichtete, bombardierte die Luftwaffe in der Nacht zum Donnerstag die Grenzstadt Ras Al-Ain, um die sich seit Tagen die Kämpfe zwischen der türkischen Armee, ihren dschihadistischen Helfern und den von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG/YPJ) geführten Syrischen Demokratischen Kräften (SDK) konzentrieren.

Die kurdische Selbstverwaltung in Nordsyrien warf der Türkei dabei den Einsatz von verbotenen Waffen vor. »Im offensichtlichen Verstoß gegen das Recht und die internationalen Verträge wird die türkische Aggression gegen (Ras Al-Ain) mit allen Arten von Waffen geführt«, erklärte die Verwaltung der kurdischen Autonomieregion am Donnerstag laut der Nachrichtenagentur AFP. So würden verbotene Waffen wie Napalm und Phosphor eingesetzt. Der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar wies die Vorwürfe zurück. »Es ist allgemein bekannt, dass die türkischen Streitkräfte keine chemischen Waffen in ihrem Inventar haben«, sagte Akar nach einem Treffen mit dem US-Sicherheitsberater Robert O’Brien in Ankara.

Die kurdische Selbstverwaltung forderte zudem am Sonntag einen Korridor aus der Stadt, um Tote und Verletzte herauszubringen. Die »Staatengemeinschaft« müsse einschreiten, um »einen gesicherten humanitären Korridor zu öffnen, um die Märtyrer und verletzten Zivilisten aus der eingekreisten Stadt Ras al-Ain zu bringen«, hieß es. Es seien »zahlreiche Zivilisten« eingeschlossen und Krankenwagen würden »systematisch bombardiert«. Ein Krankenhaus sei durch den türkischen Beschuss beschädigt worden, so die kurdische Selbstverwaltung.

Wegen des türkischen Angriffskrieges haben derweil die SDK wie zuvor angekündigt den Kampf gegen die Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« (IS) ausgesetzt. »Wir haben in der Vergangenheit darauf hingewiesen, dass der Kampf gegen den IS im Fall eines Angriffs des türkischen Staates für uns zur Nebensache wird«, zitierte ANF den Kommandeur der SDK, Maslum Abdi. Der IS habe sich nun an vielen Orten neu organisiert, warnte Abdi. Rund 12.000 IS-Mitglieder und ihre Angehörigen befänden sich noch in der Region.

Bereits am Mittwoch wurde unterdessen vom Fernsehsender Al-Majadin berichtet, dass syrische Truppen in der kurdisch kontrollierten Stadt Kobani einmarschiert sind. Zuvor hatten die US-geführte Koalition die Stadt verlassen. Auch die Stadt Rakka wurde demnach von syrischen Truppen eingenommen.

Unterdessen sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Donnerstag in Moskau, Russland beobachtet die türkische Militäroffensive im Norden Syriens mit Sorge. Die humanitären Folgen dieses Einsatzes seien beunruhigend, so Peskow laut der Agentur Interfax. Darüber wollten der russische Präsident Wladimir Putin und sein türkischer Kollege Recep Tayyip Erdogan am kommenden Dienstag in der Schwarzmeerstadt Sotschi reden, so der Kremlsprecher.

Derweil sind US-Vizepräsident Michael Pence und US-Außenminister Michael Pompeo am Donnerstag in Ankara angekommen, wo sie nach eigenen Angaben einen »Vermittlungsversuch« unternehmen wollen. Bereits am Mittwoch abend hatte US-Präsident Donald Trump seine Entscheidung, US-Truppen aus Nordsyrien abzuziehen, als »strategisch brillant« verteidigt. Die US-Soldaten seien nun »total sicher«, sagte Trump in Washington. Die bislang mit den USA verbündeten kurdischen Kämpfer würden nun von Syrien geschützt – »das ist gut«, so der US-Präsident. Trump schlug dabei einen direkten Bogen von der YPG zur Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Über die PKK sagte er, sie sei wahrscheinlich eine »in vielerlei Hinsicht größere terroristische Bedrohung als der IS«. Damit folgt er der Ansicht seines türkischen Amtskollegen Erdogan. (dpa/AFP/jW)

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